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Notebook vom Nobody

Florian Willershausen
Als der US-Computerriese IBM seine PC-Sparte abstieß, standen die Mitarbeiter unter Schock. Aber nur kurz. Der chinesische Lenovo-Konzern lässt viel Geld springen, um seinen unbekannten Namen im Markt zu etablieren. Und setzt dabei ganz auf sein deutsches Team.
Es war ein Morgen wie jeder andere für Volker Faßbender. Der IBM-Manager hatte sich gerade am Büfett eines Sindelfinger Hotels bedient. Im Fernsehen lief das Morgenmagazin. Faßbender hörte kaum hin, in Gedanken war er schon in seinem ersten Meeting. Dann schnappte er den Namen seines Arbeitgebers auf: IBM, tönte es aus dem Lautsprecher, wolle die PC-Sparte verkaufen - an Lenovo. Beinahe hätte sich Faßbender verschluckt. Fragen schossen ihm durch den Kopf: Warum verkaufen die uns? Was wird aus mir und meinen Kollegen? Und überhaupt: Wer zum Teufel ist Lenovo?

Hoffen auf Deutschland

Lenovo ist der drittgrößte Computerhersteller der Welt, seit die Chinesen im Mai 2005 die PC-Sparte von IBM gekauft haben. Mit einem Marktanteil von sieben Prozent liegt Lenovo allerdings klar hinter den Marktführern Dell, 17 Prozent, und Hewlett-Packard (HP), 14,5 Prozent. Unternehmenschef Yuanqing Yang hat einen harten Sparkurs verordnet, um die 1,25 Milliarden US-Dollar schwere Übernahme zu stemmen: 1.000 der weltweit 21.000 Stellen sollen wegfallen. Den Standort Deutschland trifft das nicht - im Gegenteil: In Stuttgart und Düsseldorf verstärkt Lenovo die 140-köpfige Vertriebsmannschaft dieses Jahr um 30 Leute.
Die Chinesen haben hierzulande große Pläne: Im professionellen Notebook-Geschäft wollen sie die Nummer eins werden, mit Desktop-PCs kleine und mittelständische Unternehmen erreichen und zur Spitze ?aufschließen. Wahrscheinlich wird Lenovo spätestens nächstes Jahr in das Massengeschäft einsteigen und PC-Produkte über den Fachhandel vertreiben. "Wir sind auf dem besten Weg, einer der großen IT-Player in Deutschland zu werden", verspricht Deutschland-Chef Marc Fischer. Bei Desktops habe man Marktanteile verloren, bei Notebooks aber ordentlich zugelegt. Das dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass die meisten Notebooks nach wie vor der Schriftzug IBM ziert. Die Amerikaner geben ihren Namen noch bis Oktober dieses Jahres her, danach muss Lenovo draufstehen, wo Lenovo drinsteckt.

Die besten Jobs von allen


Frischluft aus Fernost

Es ist der Job von Volker Faßbender, die Marke von ihrem Nobody-Image zu befreien. Der 36-jährige Ex-IBMler ist heute Lenovos Produktmanager für Deutschland. Längst hat er den Schock in der Sindelfinger Morgenstunde verdaut, den Eigentümerwechsel sieht er inzwischen nur noch positiv: Bei IBM sei das PC-Geschäft nur eine von vielen Sparten gewesen. Die Mitarbeiter hätten sich schon gefreut, wenn ihre Arbeit mit einem Zweizeiler im Geschäftsbericht erwähnt wurde. "Lenovo versprach uns von Anfang an Wachstum", erzählt Faßbender, "das hatten wir bei IBM schon ewig nicht mehr gehört."
Dem US-Riesen war das einstige Kerngeschäft zuletzt nur ein Klotz am Bein. Die Sparte galt als unprofitabel, wollte nicht stetig wachsen und passte nicht mehr in die Strategie der "anderen IBM", die mit Servern und Netzwerklösungen ihr Geld verdient. Der Verkauf war logisch. Doch dass ausgerechnet ein chinesisches Unternehmen der Käufer sein würde - damit hatte keiner gerechnet. "Ich war mal chinesisch essen", sagt Volker Faßbender, "sonst hatte ich mit China nie viel am Hut."
Als die Asiaten dann 2005 erstmals zur Cebit kamen, schickte der Deutschland-Chef seine Manager sicherheitshalber in China-Seminare. Sie sollten die kulturellen Eigenheiten kennen lernen, um sich vor den neuen Inhabern keine Blöße zu geben. Die Cebit lief reibungslos, Faßbender war begeistert: "Man spürte, dass die Chinesen uns großen Respekt entgegenbringen.

Laptops für jedermann

Betriebswirtschaftlich haben die Lenovo-Manager einiges drauf. Die Strukturen sind heute schlanker, die Wege kürzer. "China hält uns an der langen Leine", sagt Faßbender, "wir können viel flexibler auf dem Markt agieren, als das zu IBM-Zeiten der Fall war." Vor allem kam IBM nie richtig an kleine und mittelständische Unternehmen heran, erst recht nicht an Endverbraucher. Entwicklung und Vertrieb waren auf große Unternehmenskunden zugeschnitten. Dass das nicht reicht, zeigt sich heute, da IBM den Gürtel enger schnallen muss und in Deutschland den Mitarbeitern finanzielle Opfer abverlangt.
Bei seinen Produkten setzt Lenovo auf Sicherheit: Laptop-Nutzer müssen serienmäßig ihren Fingerabdruck scannen, um sich einzuloggen. Außerdem werden die Geräte so robust wie möglich gebaut. Die Chinesen, die ihren Hauptsitz in die USA verlegt haben, entwickeln in drei Innova?tionszentren, zwei davon haben sie von IBM übernommen.
Doch der aggressive Marktauftritt schlaucht. Die hohen Restrukturierungskosten drückten den Konzerngewinn im vergangenen Jahr von 113,9 auf 17,6 Millionen Euro. Bislang scheinen die Asiaten reichlich Kapital für die IBM-Integration in der Kasse zu haben. Den chinesischen PC-Markt halten sie mit einem Anteil von 40 Prozent fest in der Hand. Auch mit Han?dys und tragbaren MP3-Playern wird in der Heimat gutes Geld verdient.

Aus Fusions-Erfahrung klug

Könnte Lenovo trotzdem die Puste ausgehen? Deutschland-Chef Marc Fischer hat keine Angst. "Lenovo und IBM ergänzen sich hervorragend", sagt er. Die PC-Sparte der IBM sei stark bei Notebooks gewesen, Lenovo habe sich in Asien mit Desktop-PCs im Massengeschäft durchgesetzt. Mit Fischer hat Vorstandschef Yang einen Manager an die Deutschland-Spitze gesetzt, der vor ein paar Jahren die Compaq-Integration bei HP mitgestaltete. Eine holprige Angelegenheit, die viele Jobs kostete: Etliche Positionen waren doppelt besetzt, Kompetenzen unklar, Strukturen uneffektiv. "Damals wurden viele Fehler gemacht, die wir bei Lenovo nicht wiederholen möchten", sagt Fischer. Bislang habe Lenovo die IBM-PCs wesentlich besser verdaut als seinerzeit HP die Compaq-Übernahme.
Wenn die Deutschland-Tochter ihre Ergebnisziele erreicht, will Marc Fischer auch weiterhin neue Jobs schaffen. Gelingt der Einstieg in den Massenmarkt, sind weitere Einstellungen drin. Das hätte Faßbender am wenigsten erwartet, als er vor zwei Jahren am Hotelbüfett überrumpelt wurde.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.10.2006