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Notbremsen

Niemand denkt gern drüber nach, aber schnell kann mal was passieren, so dass man sich von jetzt auf gleich als Notfall im Krankenhaus wiederfindet. Schlecht, wenn dann nicht geregelt ist, wer bei der Behandlung ein Wörtchen mitreden darf oder wie viel Intensivmedizin man sich zumuten möchte. karriere zeigt, wie der Ernstfall geregelt werden kann.
An Weihnachten vor zwei Jahren denkt Jens Völling* nicht gern zurück. Denn statt weihnachtlicher Gemütlichkeit gab es für den 34-Jährigen nur eines: "Schmerz! Es war die schlimmste Zeit meines Lebens." Die unschöne Bescherung kam kurz vor Heiligabend: "Als die Bauchschmerzen unerträglich wurden, bat ich einen Freund, mich ins Krankenhaus zu fahren." Die Diagnose: lebensgefährlicher Magen-Darm-Infekt. Nach zwei wenig hilfreichen Operationen musste der Göttinger zwei Wochen lang durch das volle Programm des künstlichen Komas: künstliche Beatmung, Magensonde, Schmerzen und Medikamente satt, Halluzinationen und Albträume.

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Freunde und Familie waren wochenlang nicht nur in Sorge um sein Leben, sondern auch einigermaßen ratlos, als es um Entscheidungen für die ärztliche Behandlung ging. Was würde Jens wollen? Wen würde Jens entscheiden lassen wollen?

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Darüber sprechen? Nee, lass mal
Niemand im Kreise der engsten Vertrauten hatte jemals mit ihm über so ein Thema gesprochen oder wusste von einer schriftlichen Regelung wie einer Patientenverfügung oder einer Vorsorgevollmacht, in der solche Fragen geklärt worden wären

Kein Wunder, denn Jens Völling hatte auch nichts dergleichen abgefasst - und befindet sich damit in guter Gesellschaft. Umfragen zufolge haben zum Beispiel nur acht Prozent aller 14- bis 39-Jährigen eine Patientenverfügung verfasst. Dabei sind die meisten durchaus willig: Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung geben an, eine solche Regelung eigentlich treffen zu wollen. Schließlich möchte doch jeder im Ernstfall seinen Willen berücksichtigt finden und darüber hinaus die Angehörigen von der Last der Entscheidung befreien.

Doch trotz intensiver Aufklärungsarbeit etwa von Stiftungen und Vormundschaftsgerichten ist die Unsicherheit, wie man dieses - wenig erfreuliche - Thema angeht, offenbar weiter groß

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Zwei Formen von Regelungen eignen sich besonders, um vorab Ordnung in Patientenangelegenheiten zu bekommen: eine Patientenverfügung und eine Vorsorgevollmacht. Mit ersterer legt der Verfügende fest, wie lange und wie umfangreich er medizinisch behandelt werden will, wenn er mal entscheidungsunfähig sein sollte. Dort kann er kundtun, wie viel lebenserhaltende Intensivmedizin er wünscht oder ab welchem Zeitpunkt - etwa bei irreparablen Hirnschäden oder jahrelangem Wachkoma - er einfach nur in Frieden sterben will

In einer Vorsorgevollmacht bestimmt der Aussteller Personen, die für ihn vermögensrechtliche oder persönliche Angelegenheiten regeln und entscheiden dürfen, wenn er dies mal nicht mehr selber kann. Da beide Dokumente weit reichende Folgen haben können, sollten sich Verfasser bei der Ausgestaltung gut beraten lassen und gewisse Formalitäten einhalten, damit der eigene Wille vor Gericht und durch die Ärzte im Ernstfall auch anerkannt wird

So sollte man bei der Patientenverfügung mindestens zwei sachkundige Ärzte zu Rate ziehen und diese Beratungstermine auch bescheinigen lassen. Das beweist später dem behandelnden Mediziner, dass sich der Patient umfassend mit dem Thema beschäftigt hat. Eine Patientenverfügung sollte handschriftlich abgefasst, unterschrieben und regelmäßig aktualisiert werden. Da ein Arzt mit abstrakten Anweisungen wenig anfangen kann und dann schnell auf stur stellt, sollte der Verfasser mit Hilfe seiner Berater mögliche Krankheiten, Situationen und Behandlungsmethoden, die er erwartet oder ablehnt, konkret formulieren. Nützlich als spätere Interpretationshilfe ist zudem eine schriftliche Darstellung der eigenen Wertvorstellungen. Eindeutig beweiskräftig wird eine Patientenverfügung erst mit einer notariellen Beglaubigung, welche die Echtheit der Unterschrift beweist. Noch sicherer wird's mit einer notariellen Beurkundung, die bezeugt, dass der Betroffene beim Abfassen im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war

Ist der Wille in der Patientenverfügung eindeutig erkennbar, ist diese seit 2003 für das Behandlungsteam rechtlich bindend und kann bei Missachtung sogar als Körperverletzung strafbar sein. In der Praxis gibt es über die Eindeutigkeit von Erklärungen aber nach wie vor oft Streit mit den Ärzten. Deshalb soll bis voraussichtlich Ende des Jahres ein Gesetz die Reichweite der Verbindlichkeit von Patientenverfügungen klären. Dann empfiehlt es sich auch, bereits bestehende Verfügungen noch mal mit den neuen Regeln abzugleichen

Gefährliche Vordrucke
Von den im Internet weit verbreiteten Ankreuz-Formularen, bei denen der Verfügende "im Schnelldurchgang Entscheidungen über sein Leben fällen soll", raten Experten wie die Deutsche Hospiz Stiftung ab. Solche Verfügungen seien nicht Ausdruck einer individuellen und aufgeklärten Entscheidung und könnten im Notfall zu Schwierigkeiten bei der Umsetzung führen. Als Denkanstoß und Ideensammlung für eigene Formulierungen können sie aber gut herhalten

Um wirklich sicherzustellen, dass der eigene Wille umgesetzt wird, empfehlen Experten ohnehin eine Verfügung nur in Kombination mit einer - ebenfalls notariell besiegelten - Vorsorgevollmacht. In dieser legt der Betroffene mindestens eine Person fest, die sich für die Umsetzung seines Willens stark machen soll. Überdies ist es sinnvoll, Vollmachten auch für vermögensrechtliche, behördliche oder private Angelegenheiten zu erteilen. Damit ist beispielsweise sichergestellt, dass sich jemand auch bei längeren Klinikaufenthalten um die Finanzen kümmert. Da Bevollmächtigte je nach Ausgestaltung eine enorme Macht erhalten, sollte man sich des gegenseitigen Vertrauens sicher sein

Der Trauring zählt wenig
Nicht nur Paare ohne Trauschein, sondern auch Ehepaare fahren mit einer Vorsorgevollmacht besser als ohne. Die ärztliche Schweigepflicht gilt nämlich grundsätzlich gegenüber jedem, so dass streng genommen Ehepartner ohne Vollmacht nicht einmal über den Zustand des Patienten informiert werden müssten. Liegt keine Vollmacht vor, legt das Vormundschaftsgericht einen "geeigneten Betreuer" fest. Oft wird das der Ehepartner sein, aber das ist nicht zwingend. Im Fall von Jens Völling wurde schließlich die Betreuung seiner privaten Angelegenheiten durch zwei seiner besten Freunde vom Gericht anerkannt, für seinen Patientenwillen konnten sich die beiden aber nicht einsetzen, da sie ihn schlichtweg nicht kannten. Immerhin ging Völlings Drama glimpflich ab: Nach zwei Wochen Koma und dreieinhalb Monaten in Behandlung konnte er die Klinik verlassen - und hat seitdem Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht ganz oben auf seiner Prioritätenliste. "Sollte mir noch einmal so etwas passieren, möchte ich sicher sein, dass alle wissen, wie ich behandelt werden will." Guter Vorsatz. Auch wenn man ihm kein nächstes Mal wünschen möchte

Cigdem Dolap

* Name geändert

Weiterhelfer

Hier gibt es nützliche Formulierungshilfen, Ankreuzformulare und weitere Infos zum Procedere:

www.patientenverfuegung.de
www.bmj.bund.de/ratgeber
www.standard-patientenverfuegung.de
www.hvd-nuernberg.de (unter Angebote)
www.hospize.de (unter Service)
www.deutsche-alzheimer.de (unter Informationsmaterialien)

Hier gibt's Infos zur Vorsorgevollmacht und dort kann sie auch hinterlegt werden:
www.vorsorgeregister.de
Dieser Artikel ist erschienen am 03.04.2007