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Norwegens Bobby Ewing

Von Helmut Steuer
Helge Lund formt Statoil zum größten Offshore-Ölförderer, der gerade den Konkurrenten Norsk Hydro übernommen hat. Wenn der nun Chef dieses Riesen mit 31 000 Mitarbeitern in 40 Ländern wird, übernimmt er eine schwere Bürde. Unter Lunds Führung will der Konzern internationaler werden und seine Fördergebiete weit über die norwegischen Öl- und Gasfelder hinaus ausweiten.
STOCKHOLM. Es hat etwas von Dallas. Als Helge Lund in Oslo die Zusammenlegung der Öl- und Gassparten seines Statoil-Konzerns mit denen des Konkurrenten Norsk Hydro bekannt gibt, sieht man sich in die Blütezeit der Öl-Dynastie Ewing zurückversetzt. Ähnlich charmant wie der Serien-Ölboss Bobby Ewing verkündet Lund am Montag überraschend die norwegische Energiefusion.Mit freundlichem, aber klarem Blick für das Wesentliche zählt der 44-jährige, designierte Chef des neuen Öl- und Gasriesen die Vorteile der Eheschließung auf: Die Konkurrenz um neue Aufträge werde immer härter, oftmals habe man gar mit Norsk Hydro konkurriert und überhaupt, zusammen sei man viel, viel stärker.

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Stolz klingt in seiner ruhigen, sympathischen Stimme an, wenn er fast beiläufig erwähnt, dass der neue Konzern der weltgrößte Offshore-Förderer ist und unabhängig von der Branche zu den 50 umsatzstärksten Unternehmen der Welt aufsteigt. Und nun soll er der Chef dieses Riesen mit 31 000 Mitarbeitern in 40 Ländern werden. Seine kleinen, aber offenen Augen funkeln, weichen nicht aus, er spricht zurückhaltend von ?einer großen Aufgabe, das Beste beider Welten miteinander zu verschmelzen?.Dem stets modisch gekleideten Lund bleiben noch ein paar Monate, um sich auf diese Aufgabe vorzubereiten, denn der neue Konzern soll seinen Betrieb erst im dritten Quartal 2007 aufnehmen.Für Lund geht mit der Fusion der beiden größten norwegischen Unternehmen ein Wunsch in Erfüllung. Schon immer hat er eigentlich die Bildung eines norwegischen Energiekonzerns befürwortet. Doch zu verschieden waren die beiden Unternehmen, und nationale Eifersüchteleien verhinderten die Fusion, über die seit Jahren spekuliert wird. Einen Namen für den neuen europäischen Energieriesen gibt es noch nicht. Das Programm aber steht: Unter Lunds Führung will der Konzern internationaler werden und seine Fördergebiete weit über die norwegischen Öl- und Gasfelder hinaus ausweiten. Denn zum einen werden die Vorräte auf dem norwegischen Sockel knapper, zum anderen glaubt man in Norwegen, mit dem eigenen enormen Know-how über die Tiefseeförderung auch international fündig zu werden. Im Golf von Mexiko hat es schon geklappt, vor der afrikanischen Küste ebenso. Aber Lund will mehr, hofft weiter auch auf einen Volltreffer in der arktischen Barentssee, wo Russland eines der bis heute größten Gasfelder der Welt entdeckt hat. Dort hatten sich Statoil und Norsk Hydro zusammen mit drei weiteren Konzernen um eine Beteiligung bemüht, waren also gegeneinander angetreten. Die russische Regierung hat die Konzerne zunächst ausgebremst, will die Erschließung des gigantischen Schtokman-Feldes lieber allein stemmen. Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der diplomatische Kämpfer Doch Helge Lund gibt nicht auf. Jetzt hat er angedeutet, dass die Chancen für eine Beteiligung der norwegischen Industrie an diesem Milliarden-Euro-Projekt durch die Bildung des neuen Energieriesen eher gestiegen seien. Er wird also kämpfen wie schon immer: zielstrebig, dabei aber immer diplomatisch und wohlartikuliert. Er soll schon während seines Studiums auf der Osloer Handelshochschule Eindruck gemacht haben ? sowohl fachlich als auch bei seinen Kommilitoninnen. Nach einigen Auslandssemestern in Frankreich zog es den immer noch aktiven Fußballspieler und begeisterten Skifahrer zunächst in die Politik. Bei den Konservativen übernahm er einen Posten als Berater. Doch nach relativ kurzer Zeit ging er in die Wirtschaft: Bei McKinsey in Norwegen lernte er, wie man Sparpotenziale ausfindig macht. Später hat er bei der Werft Aker Kvaerner dieses Wissen gut gebrauchen können. Und er hat seine Chance genutzt: Seit gut drei Jahren ist er Chef von Statoil. Berührungsängste mit der Politik hat Helge Lund nicht. Darf er auch nicht haben, denn der norwegische Staat ist bereits der mit Abstand größte Statoil-Aktionär und wird mit 67,5 Prozent auch der größte Besitzer des neuen Konzerns sein. Kein Wunder also, wenn es aus der Politik nur Lob für ihn gibt. ?Er ist ein Mann, der gezeigt hat, dass er große Konzerne führen kann?, sagt ein früherer norwegischer Wirtschaftsminister. Auch im Osloer Ölministerium, dort, wo der überwiegend staatlich kontrollierte Sektor verwaltet wird, hebt man Lunds ?breite industriepolitische Erfahrung? hervor. Ein Urteil, das auch Analysten teilen, die in Lund den perfekten Chef des neuen Multis sehen. Nun wird er den norwegischen Wirtschaftsthron besteigen. Wichtiger noch: Über Statoil verwaltet der norwegische Staat große Teile des unermesslichen Öl- und Gasreichtums des Landes. Lund trägt damit letztendlich die Verantwortung für den Wohlstand eines ganzen Landes.Das scheint für ihn keine Bürde zu sein. Mit einem milden Lächeln kontert er auf die Frage, ob er denn noch gut schlafen könne. Vermutlich kann er das, denn der zweifache Vater müsste enormen Nachholbedarf haben: Die Fusionsverhandlungen zwischen Statoil und Norsk Hydro laufen erst seit einer Woche. ?Tag und Nacht? habe er seitdem mit seinen Verhandlungspartnern zusammengesessen, sagt Lund.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.12.2006