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Norbert Reithofer: Ein Bayer für BMW

Von Martin-W. Buchenau
Im Rennen um den BMW-Chefsessel setzt sich mit Produktionvorstand Norbert Reithofer ein Pragmatiker und Teamspieler durch. Der gebürtige Penzberger ist zudem der einzige Bayer im Vorstand der Motorenwerke. Das Porträt eines Mannes, der mit seiner bisherigen Arbeit großen Anteil am Erfolg des Autobauers hat.
HB STUTTGART. Norbert Reithofer läuft durch das Mini-Werk in Oxford. Funken schlagen ihm bei der Werksführung um den Kopf. Eigentlich müssten dem Produktionschef von BMW die Haare zu Berge stehen, bei derartig schlecht eingestellten Schweißrobotern ? aber er lächelt nur. Denn er weiß: Von diesen Bändern laufen 200 000 Fahrzeuge, doppelt so viele Minis wie ursprünglich geplant. ?Da muss man schon mal Abstriche bei den Feinheiten machen.? Pragmatismus darf wohl als eine seiner Charaktereigenschaften gelten.Es sind auch solche Geschichten, die ihn zum Favoriten gemacht haben im Rennen um die BMW-Spitze. Noch-Chef Helmut Panke erreicht bald die 60-Jahre-Grenze ? und in diesem Alter müssen BMW-Lenker abtreten. Heute nun wird der Aufsichtsrat nach Informationen des Handelsblatts die Berufung Reithofers bekannt geben.

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Der gebürtige Penzberger ist der einzige Bayer im Vorstand der Motorenwerke. Reithofer erscheint in seiner Art deutlich zurückhaltender und weniger aufbrausend als Panke. Aber der promovierte Maschinenbauingenieur ist dennoch offen und direkt. Der freundliche und verbindliche Manager ruht in sich und fühlt sich bei Kritik nicht gleich persönlich angegriffen.Als Teamplayer gönnt er auch anderen Erfolge. Er erwähnt beispielsweise einen jungen Ingenieur, dem die Ehre gebührt, den kammförmigen Grundriss des neuen Werks in Leipzig maßgeblich mit entwickelt zu haben. Problemlos könnte er sich die Lorbeeren des neuen Fertigungskonzepts selbst an die Brust heften. Aber Reithofer scheint so etwas nicht nötig zu haben. Nach Informationen aus dem Unternehmen hat gerade diese Teamfähigkeit den Ausschlag für ihn gegeben.So lobt er auch seine Leute in Oxford, weil sie es geschafft haben, so viel Technik in den alten englischen Fabrikbau zu packen. An einer Stelle arbeiten die Roboter sogar übereinander auf zwei Ebenen. ?Die Stückzahl ist hier schon ein Kunststück?, sagt Reithofer. Erst als klar war, dass Oxford wirklich aus allen Nähten platzte, setzte der einflussreiche Produktionschef im Vorstand eine Werkserweiterung durch.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das Rückgrat des Erfolgs von BMWVoll ausgenutzte Kapazitäten, jährliche Produktivitätsfortschritte und ganze Fabriken auf dem neuesten Stand der Technologie wie in Leipzig sind das Rückgrat des Erfolgs von BMW. Und sie sind das Werk von Reithofer und seinem Team. ?Abgesehen von Porsche hat BMW die wohl flexibelste Produktionsstruktur in ganz Deutschland?, sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Fachhochschule Gelsenkirchen. ?Mehrere Modelle an einem Band bauen zu können ist der große Wettbewerbsvorteil von BMW?, bestätigt auch Analyst Georg Stürzer von der Hypo-Vereinsbank.Geholfen haben dürfte Reithofer aber auch, dass Aufsichtsratschef Joachim Milberg ihn bestens kennt, hat er doch beim Ex-BMW-Chef promoviert, als der noch Uniprofessor in München war. Und schließlich hat Milberg auch Reithofer im März 2000 in sein Vorstandsteam geholt. Bislang ist nicht bekannt, dass er seinen Mentor enttäuscht haben soll.Auch Milberg leitete vor seiner Ernennung zum BMW-Chef die Produktion ? Reithofer führte sein Werk fort. Und mehr als das: Hätte Reithofer nicht das System Milberg verfeinert, weiter entwickelt und neue Akzente gesetzt, wäre den hohen Ansprüchen des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden wohl nicht Genüge getan worden. Und das hätte Reithofer schnell die Gunst kosten können: Kaum ein Automanager gilt als nüchterner in seinen Entscheidungen als Milberg, der den Konzern in seiner aktiven Zeit mit der Trennung von Rover aus der Krise führte.Reithofers Beförderung lässt durchaus den Schluss zu, dass Milbergs Stimme als Aufsichtsratschef Gewicht bei der Eigentümerfamilie Quandt hat. Panke hätte wohl gerne weitergemacht. Aber der Physiker war schon bei seiner Berufung eine Übergangslösung. Er kam ja nur zum Zug, weil Milberg wegen seines Rückenleidens vorzeitig aufgeben musste.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die logische ZukunftslösungMit Reithofer haben sich die Eigentümer für die logische Zukunftslösung entschieden: Der 50-Jährige kann jetzt zwei volle Amtszeiten bis zum Erreichen der 60er-Grenze absolvieren. Und wenn etwas dabei schief geht, steht mit dem sieben Jahre jüngeren Finanzchef Stefan Krause ein fähiger Ersatzmann bereit.In der Autobranche überrascht Reithofers Berufung niemanden. Porsche hat beispielsweise eine ähnliche Konstruktion mit Wendelin Wiedeking als Produktionsexperten an der Spitze und Holger Härter als Finanzmann als Nummer zwei für alle Fälle. Auch Analysten sehen neben der Markenführung die Produktion als Schlüssel für den Erfolg von Autokonzernen wie Toyota. ?Bei Fehlern in der Produktion wird das meiste Geld vergraben?, sagt ein Branchenkenner mit Blick auf VW oder GM und Ford.Reithofer steht im Konzern für Kontinuität. In den vergangenen Wochen zeigte er aber ungewohnt offensiv, dass er sich durchzusetzen weiß. Ganz gegen die Gewohnheiten im Konzern forderte er zumindest indirekt den Generationswechsel an der Spitze.Reithofer und Krause hatten sich bei einer öffentlichen Abendveranstaltung des Konzerns dafür ausgesprochen, die Regel beizubehalten, nach der BMW-Führungskräfte mit Erreichen des 60. Lebensjahres ausscheiden müssen. ?Wenn eine Regel da ist, sollte man sich daran halten?, hatte Reithofer ungewöhnlich offen gesagt. Dieses offensive Vorpreschen gereichte den beiden nicht zum Nachteil: Die Entscheidung für Reithofer war damals intern schon längst gefallen.Das erklärt im Nachhinein die Vorwitzigkeit des sonst so zurückhaltenden verheirateten Familienvaters. Während er an seinem Glas nippt, strahlt er bis über beide Ohren, tief entspannt, dann die Hände lässig in den Hosentaschen, so wie es seine Art ist. So sehen Sieger aus. Und so sieht auch die Zukunft der Bayerischen Motorenwerke aus.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Norbert Reithofer Vita von Norbert Reithofer 1956 wird er am 29. Mai im bayerischen Penzberg geboren.1987 steigt er nach FH- und anschließendem Uni-Studium mit Promotion bei BMW ein und erklimmt dort Schritt für Schritt die Karriereleiter.1994 wird er Technischer Direktor bei BMW Südafrika, anschließend rückt er zum Präsidenten der BMW Manufacturing Corporation in den USA auf. Fast alle BMW-Vorstände mussten ihr Können im US-Werk beweisen.2000 holt ihn sein Mentor und Ex-Doktorvater Joachim Milberg in den BMW-Vorstand. Er kümmert sich um den Schlüsselbereich Produktion. Hier macht sich Reithofer einen Namen, indem er die Produktionsstrategie perfektioniert. So gilt das neue BMW-Werk in Leipzig als eines der innovativsten und flexibelsten der Branche.2006 schafft er als interner Favorit den Sprung an die BMW-Spitze.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.07.2006