Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Nokia nach Ollila ? wo der Branchenprimus steht

Von Helmut Steuer
Die Frage, wie es mit dem Branchenprimus ohne den charismatischen Konzernchef Jorma Ollila weitergeht, bewegt fast die ganze Nation. Ollila (55) wird am 1. Juni dieses Jahres die operative Leitung des Konzerns an den drei Jahre jüngeren Olli-Pekka Kallasvuo abgeben.
Nokia-Chef Jorma Ollila tritt zum 01.Juni diesen Jahres ab.
HB STOCKHOLM. ?Sieht recht gut aus?, sagt ein Mittfünfziger. ?Der Durchschnittspreis je Handy ist gesunken ? schlecht?, kontert eine junge Frau. Es wird noch einige Stunden dauern bis sich Laien und Experten auf eine Deutung des Ergebnisses verständigt haben.Die Szene ist nicht frei erfunden. So trug es sich vergangene Woche im westfinnischen Rauma zu. Bittere Kälte in der kleinen Küstenstadt hielt die Passanten auf der Straße nicht davon ab, um genau zwölf Uhr in einen Zustand allerhöchster Konzentration zu fallen. Connecting people ? Nokia verbindet tatsächlich. Die Bedeutung des Konzerns im Heimatland ist enorm, in den besten Zeiten lag der Nokia-Anteil am finnischen Gesamtexport bei 25 Prozent, kaum ein Finne, der nicht Aktien des Unternehmens besitzt. Manch einer ist zum Millionär geworden.

Die besten Jobs von allen

Kein Wunder also, dass auch die Frage, wie es mit dem Branchenprimus ohne den charismatischen Konzernchef Jorma Ollila weitergeht, fast die ganze Nation bewegt. Ollila (55) wird am 1. Juni dieses Jahres die operative Leitung des Konzerns an den drei Jahre jüngeren Olli-Pekka Kallasvuo abgeben. Nokia gab den Schritt bereits vor längerer Zeit bekannt, doch noch immer rätseln Analysten über einen möglichen Kurswechsel des finnischen Flaggschiffes.Die Unruhe hat einen Grund: Ollila war ein Visionär, der aus einem angeschlagenen Gemischtwarenladen binnen relativ kurzer Zeit einen Weltkonzern baute. Der war 1967 aus der Fusion eines Sägewerkes, eines Gummiherstellers und eines Kabelproduzenten hervorgegangen. Namensgeber war übrigens ein kleines Dorf, 150 Kilometer westlich von Tampere in Südfinnland: Nokia. Hier waren die drei Unternehmen beheimatet.Ollila leistete ganze Arbeit. In seinen ersten zehn Jahren als Konzernchef verdreizehnfachte sich der Aktienkurs, kurzzeitig war Nokia im Winter 2002 nach dem Börsenwert berechnet Europas größter Konzern. Der bei Übernahme der Konzernleitung erst 42-jährige Ollila hatte schnell gesehen, wo die Zukunft für seinen angeschlagenen Konzern lag.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Radikaler UmbruchDie Papier- und Holzproduktion war zwar schon veräußert worden, aber das Unternehmen stellte von Fernsehgeräten bis zu Maschinen, von neun Kilo schweren Autotelefonen bis hin zu Kabeln und Gummistiefeln weiterhin eine große Palette unterschiedlichster Produkte her. Und gerade der Fernseh- und Bildschirmbereich ließ Nokia wegen der Konkurrenz aus Asien kräftig schlingern. Während in der TV-Sparte ein Riesenverlust gemacht wurde, der Kabelbereich gerade eben noch schwarze Zahlen schrieb, mauserte sich die Telekommunikationssparte. Die Konzentration auf diesen Bereich, der damals nur für ein Zehntel des Konzernumsatzes stand, ist Ollila zu verdanken.Der Opern-Fan sang die Hymne der mobilen Kommunikation und legte binnen weniger Jahre das Ruder radikal um. Die Fernseh- und Bildschirmproduktion verkaufte er, von Gummistiefeln, Autoreifen und Kabelbereich trennte er sich. Stattdessen setzte Ollila ganz und gar auf Handys und Mobilfunksysteme. Heute machen die Handys gut 80 Prozent des Umsatzes aus, die Mobilfunknetze stehen für den Rest. Insgesamt setzte Nokia im vergangenen Jahr 34,2 Mrd. Euro um und wies einen Vorsteuergewinn von fünf Mrd. Euro aus. Zudem hat der Topmanager mehrere neue Entwicklungen zu Zeitpunkten eingeleitet, als die Konkurrenz noch selig schlief: Sehr früh präsentierte Nokia mit dem Communicator ein Gerät, das mehr einem Kleincomputer als einem Handy ähnelt. Früh erkannte Ollila auch das Potenzial der Schwellenländer und ließ Billig-Handys entwickeln.Der finnische Konzern dominiert die Branche vollkommen. Vergangene Woche erst konnte Ollila auf seiner Abschiedsvorstellung stolz berichten, dass Nokias Weltmarktanteil bei Handys nunmehr auf 34 Prozent gestiegen ist. Das ist mehr als die Nummer 2, Motorola, und drei, Samsung, zusammen haben. Unfehlbar ist Nokia aber nicht: Vor zwei Jahren verschlief der Branchen-Riese den Klapp-Handy-Trend. Analysten sprachen bereits von einer Krise. Allerdings bekam Nokia die Kurve und konnte kurz darauf wieder ein trendiges Sortiment präsentieren. Doch auch der Einstieg in den Spielekonsolen-Bereich mit N-Gage hat sich bislang als kostspieliger Flop erwiesen. Und Ollilas Ziel, einen Marktanteil von 40 Prozent zu erreichen, dürfte in weite Ferne gerückt sein. Beunruhigt sind Analysten auch über den sinkenden durchschnittlichen Verkaufspreis der Nokia-Handys: Im vierten Quartal 2005 sank er im Vergleich zum dritten Quartal um drei Euro auf 99 Euro. Der Grund ist klar: Nokia hat sich mit Niedrigpreis-Handys stärker auf die Schwellenländer konzentriert, die ein besonders hohes Wachstum haben.Respekt, Zielstrebigkeit und ein ständiges Lernen ? das sind die Leitmotive des Konzerns. Knapp 59 000 Menschen arbeiten weltweit mittlerweile für den Telekommunikationskonzern. Das Durchschnittsalter ist mit nur 32 Jahren extrem niedrig. Jugend ist gefragt, schließlich gehört gerade diese Zielgruppe zu den wichtigsten Kunden des Konzerns. Die Entscheidungswege verkürzte Ollila drastisch. ?Wir müssen stets flexibel reagieren können?, dieses Motto gilt bis heute. Und Ollila scheut sich nicht, im eigenen Topmanagement ein lustiges Bäumchen-wechsele-dich-Spielchen durchzuführen. Mit Ausnahme von ihm selbst tauschten alle Bereichschefs nach ein paar Jahren die Jobs miteinander. 2004 würfelte Ollila auch die Konzernstruktur kräftig durch: Aus Zwei mach Vier, war seine Devise als er die Bereiche Handys und Netze in die sich teilweise überschneidenden Sparten Handys, Multimedia, Unternehmenslösungen und Netze aufteilte. Das kreative Chaos gilt für Branchenkenner als einer der Hauptgründe für die nahezu einmalige Erfolgsgeschichte.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Jugendlich dynamischAuch in der Konzernzentrale, im Nokia-House in Espoo bei Helsinki, geht es jugendlich dynamisch zu. Der Glaspalast am Ufer der Ostsee etwas außerhalb von Helsinki ist zum Symbol für eine ganze Generation in Finnland geworden: Wenn Erfolg und Zielstrebigkeit einen Namen hat, muss dieser Nokia sein. Der mit Abstand weltgrößte Handy-Hersteller aus einem Land, dass vor gar nicht allzu langer Zeit an der europäischen Peripherie vergessen war, hat selbst multinationalen Riesen gezeigt, dass eine unkonventionelle Unternehmenskultur, bei der Eigenverantwortung im Vordergrund steht und unnötige Hierarchien vermieden werden, ein Erfolgsrezept sein kann.Geradezu informell geht es im Nokia House zu. Konzernchef Jorma Ollila ist, wenn er sich denn im Lande befindet, stets ansprechbar, sitzt mittags wie die übrigen 1 400 Mitarbeiter am Unternehmenssitz in der großen Kantine. Bald werden sich die Mitarbeiter neu orientieren müssen. Nach 21 Jahren bei Nokia ? die meiste Zeit an der Spitze des Unternehmens ? ist für ihn im Sommer Schluss. ?Ich habe jede Minute genossen?, beteuerte er vergangene Woche bei seiner letzten Bilanzpräsentation. Nachfolger Kallasvuo tritt ein schweres Erbe an.
BilanzMagere Kursbilanz: Die Nokia-Aktie hat in jüngster Zeit schlechter abgeschnitten als der stärkste Konkurrent Motorola. Die Analysten sind besorgt, da die Gewinnmargen gesunken sind. Dennoch stieg die Nokia-Aktie in den vergangenen zwölf Monaten stärker als die von Alcatel, Ericsson, Lucent und Nortel.Bessere Perspektiven: Mehrere Banken haben nach Vorlage der Bilanz 2005 ihr Kursziel für den Nokia-Titel erhöht: UBS gibt eine Kaufempfehlung aus und legt das Kursziel auf 19 Euro fest. Gestern notierte die Aktie bei 15,36 Euro. Auch Merrill Lynch hob das Kursziel um einen Euro auf 19,40 Euro an. Das renommierte schwedische Wirtschaftsmagazin ?Affärsvärlden? schreibt, dass der Konzern wegen seiner Dominanz und des guten Managements in ein Blue-Chip-Portefeuille gehört. Morgan Stanley hingegen senkte dasKursziel auf elf Euro.Handy-Dominanz: Der Grund für die insgesamt positive Beurteilung von Nokia liegt in der Dominanz auf dem globalen Handy-Markt. Nokia profitiert heute von den Vorteilen der Massenproduktion. Der Konzern kann Zuliefererpreise drücken. Mehr als jedes dritte auf der Welt verkaufte Handy stammt von Nokia. 2005 konnte der Konzern erstmals seit zwei Jahren seinen Marktanteil wieder leicht auf 34 Prozent ausbauen. Die stärksten Verfolger kommen gerade einmal auf 18 Prozent (Motorola) beziehungsweise zwölf Prozent (Samsung) Marktanteil.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.02.2006