Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Noch einmal von vorne

Von Eberhard Krummheuer, Handelsblatt
Der schmucklose Zweckbau mit seinen grau in grau gehaltenen Büros hinter den Abstellgleisen des Münchener Ostbahnhofs sieht nicht aus wie ein Platz, an dem bunte Urlaubsträume entworfen werden. Bescheiden auch das Chefzimmer.
MÜNCHEN. Einzige Zierde am Arbeitsplatz von Dietmar Gunz sind zwei Zitronenbäume aus Kalabrien. Und die stehen hier nur, weil der Gründer des Reiseveranstalters FTI Touristik ein Pragmatiker ist, durch und durch: Die Gewächse überwintern; an ihrem Stammplatz in einem der vier Münchener Restaurants, die Gunz gehören, ist es derzeit noch zu kalt.Pragmatisch, sachlich, freundlich-zurückhaltend ? das Understatement, das der 44-Jährige mit dem schon spärlicher werdenden Haaransatz lebt, lässt nicht das Alter Ego in ihm vermuten: den besessenen Vollbluttouristiker, den beinhart kalkulierenden Unternehmer, den Marketingmann mit Hang zum Perfektionismus, der zur Not auch noch an Katalogaussagen mitformuliert, bis sie griffiger sind.

Die besten Jobs von allen

Zum Beispiel bei der Feinabstimmung des neuen Baustein-Programms für die USA. Zur Besprechung hat eine Mitarbeiterin einen Katalogentwurf in sein Büro mitgebracht ? und das Angebot eines Wettbewerbers. Sein erster Blick gilt dem Produkt der Konkurrenz. ?Bei den Mietwagenpreisen sind die extrem runter?, befindet der Chef. ?Da müssen wir auch etwas tun.?Er fordert Korrekturen im Layout und bei den Aussagen. ?Er muss nicht unbedingt schön sein, aber auffällig.? Er will die alten Preise rot durchgestrichen haben, daneben die neuen, günstigeren, groß: ?Wir sind wie Gemüsehändler, haben lauter verderbliche Ware. Da darf nichts im Regal liegen bleiben.? Die Bedenken seiner Mitarbeiterin, mit dieser Aufmachung das gehobene Publikum abzuschrecken, wischt er weg. Auch diese Zielgruppe wolle ihren Vorteil haben.Kein leichter Job, als Mittelständler in einer Branche erfolgreich zu sein, in der Riesen wie Tui, Thomas Cook und Rewe Touristik den Ton angeben. Doch Gunz sei, so ein Wettbewerber, ?immer für eine Überraschung gut?. Häufig frage man sich allerdings nach der Finanzierung seines Geschäfts. ?Dietmar Gunz ist einer der innovativsten Touristiker der deutschen Branche?, findet Klaus Hildebrandt, Chefredakteur des Branchenblatts ?fvw international?. Und Thomas Hartung von ?Travel One?: ?Gunz wird wieder ganz vorne mitspielen.?Wieder mitspielen ? eine Zeit lang war der unkonventionell- hemdsärmelige Unternehmer raus aus dem Geschäft. Als Mittzwanziger hatte er seine ersten Reiseveranstalter gegründet, darunter die Frosch Touristik, die heutige FTI, weshalb ihn der ?Spiegel? flapsig ?Frosch-König? nannte. Aber nach stürmischer Aufwärtsentwicklung und wachsenden Schulden verkaufte er das Unternehmen von 1998 bis 2000 nach und nach an den britischen Reisekonzern Airtours. Doch im vergangenen Oktober meldete er sich überraschend zurück. Er übernahm von dem kriselnden Veranstalter, der sich mittlerweile My Travel nennt, praktisch zum Nulltarif seine FTI, den sechstgrößten deutschen Reiseanbieter.Gleich nach seinem Amtsantritt wechselte er die Führungsmannschaft des Unternehmens aus, das tief in den roten Zahlen steckte, und holte sich alte Weggefährten zurück. Eine Neuauflage alter Zeiten plant er aber nicht: ?Der Wandel in der Touristik war noch nie so intensiv wie in den vergangenen vier Jahren?, sagt der gebürtige Vorarlberger, der mit seiner untersetzten Statur gut einen Hüttenwirt abgeben würde. ?Vom Allrounder zum Spezialisten für bestimmte Zielgebiete? will er FTI machen, die im Geschäftsjahr 2002/03 mit etwa 1 000 Mitarbeitern rund 588 Millionen Euro umsetzte. Und Kostenführer will er werden: ?Jeder kann billig verkaufen. Die Frage ist aber, wie effizient man produziert.? Und da glaubt er, die Nase vorn zu haben: Gestartet sei er ohne Schulden, seine Firma belasteten keine teuren Hotelimmobilien, wie sie sich Wettbewerber ?im Börsenwahn der letzten Jahre? ans Bein gebunden hätten. Branchenexperte Hildebrandt warnt jedoch: ?Nun muss er beweisen, dass er ohne einen Konzern im Rücken wieder schwarze Zahlen schreiben kann.?Gunz sucht den Erfolg in Nischen und bei neuen, attraktiven Zielen. Favorit ist Ägypten: hohes Dienstleistungsniveau, günstige Preise, zwölf Monate Saison. Keine Furcht vor Terror? ?Die Kunden sind immun geworden gegen ,bad news?.? Zeit für Privatleben bleibt dem Mann mit der Schwäche für ?leckeres Essen und Trinken? wenig. Wenn es denn geht, nimmt er seine beiden erwachsenen Töchter mit auf Tour.Er sieht sich selbst als Trendsetter, der ?Träume verkaufen? will. Dafür geht er neue Wege, bietet jetzt zum Beispiel auch Pauschalurlaub ohne Flug mit Auto-Anreise in eigener Regie an, etwa zum Mountainbiken ins Trentino, Preis ab 369 Euro. Darin enthalten ist das Fahrrad, das Kunden ohne Aufpreis mit nach Hause nehmen dürfen. Ist da noch Geld zu verdienen? ?Wir lernen, immer knapper zu kalkulieren, immer kreativer zu werden.?Deshalb ist FTI auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) ab Freitag in Berlin kein Aussteller. ?Wir müssen eine Pause einlegen?, sagt der Chef. Aus Kostengründen.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.03.2004