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No risk, no fun

Dominik Schöneberg
Ingenieure finden derzeit auf dem Arbeitsmarkt vergleichsweise leicht eine Anstellung. Wer aber lieber auf eigenen Füßen stehen will, kann sich mit einer Produktentwicklung oder als freiberuflicher Ingenieure selbstständig machen. Ein Unternehmen zu gründen, birgt immer Risiken ? aber auch viele Chancen.
Ingenieure werden von vielen Arbeitgebern gesucht. Ingenieure werden seltener entlassen als andere Arbeitnehmer. Ingenieure werden gut bezahlt. Warum also sollte ein Ingenieur das Risiko eingehen sich selbstständig zu machen? "Ein eigenes Unternehmen zu leiten ist mit Sicherheit stressiger als ein Angestelltenverhältnis ? es ist aber auch viel spannender", sagt Klaus Voßenkaul. "Es ist ein gutes Gefühl, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen.

Voßenkaul ist einer der drei Gründer von Puron. Das Unternehmen stellt Wasserfilter her, die so feine Poren haben, dass sie sogar Bakterien und Krankheitserreger ausfiltern. Die ersten Membranfilter entwickelte Voßenkaul am Institut für Verfahrenstechnik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Drei Jahre lang leitete er dort den Fachbereich Membranverfahren in der Wasseraufbereitung

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Auch beim Gründen gilt: Gemeinsam ist man stärker

Nachdem erste Tests erfolgreich waren, beschloss Voßenkaul mit dem Produkt den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Zusammen mit seinen Partnern Dr.-Ing. Stefan Schäfer und Diplom-Ingenieur Christoph Kullmann gründete er 2001 das Unternehmen Puron. "In einem Team kann man die vielen Aufgaben wie die Weiterentwicklung des Produktes, die Finanzplanung oder das Marketing auf mehrere Schultern verteilen", sagt Voßenkaul. "Der Versuch, das Unternehmen alleine aufzubauen, wäre mit Sicherheit gescheitert."

Ingenieuren, die ein eigenes Unternehmen gründen, fehlt es oft an betriebswirtschaftlichem Wissen. Wenn aber niemand Buchhaltung und Finanzplanung im Griff hat, ist das Unternehmen zum Scheitern verurteilt. Daher sollten Ingenieure entweder einen Wirtschaftswissenschaftler ins Team holen oder bei BWL-Seminaren ihre Wissenslücken schließen. "Es ist ein großer Vorteil, wenn Mitglieder des Gründerteams betriebswirtschaftliches Know-How mitbringen. Alles was die Gründer nicht selber können, muss das Unternehmen von externen Beratern einkaufen", sagt Klaus Voßenkaul

Teilnahme an Gründerwettbewerben lohnt sich

Wer ein neues Produkt auf den Markt bringen will, braucht Geld. Um Investoren zu finden ist ein ausgearbeiteter Businessplan Pflicht. In dem Geschäftsplan erläutern die Gründer beispielsweise die Produktidee und das Marketingkonzept für das Unternehmen. Um ein erste Bewertung des Unternehmenskonzeptes zu erhalten, kann man an Gründerwettbewerben teilnehmen. Die Sieger gewinnen Preisgelder, eine Teilnahme lohnt sich in der Regel aber für jeden: Alle Gründer erhalten eine fundierte Beurteilung von den Experten aus der Jury ? Verbesserungsvorschläge inklusive. Auch Puron nahm an mehreren Gründerwettbewerben teil: Im November 2003 gewannen die Gründer den europäischen Gründerpreis Euroward 2003 in der Kategorie Startup.

Neben dem Preisgeld gewann das Unternehmen auch Renomee: "Auf der Suche nach Geldgebern ist es hilfreich, wenn eine unabhängige Jury das Unternehmen auszeichnet", sagt Klaus Voßenkaul. Besonders am Anfang gestaltete sich die Suche nach Investoren für die Gründer schwierig. Trotz des innovativen Produktes und sehr guter Marktaussichten war keine Bank bereit, dem Unternehmen eine Anschubfinanzierung zu gewähren. Letztlich investierte die EON Venture Capital Partners GmbH in die Neugründung. "Ich würde jedem Gründer empfehlen sich frühzeitig Gedanken über die Finanzierung zu machen", rät Voßenkaul.

Boris Aicher arbeitet seit 2003 als freiberuflicher Ingenieur
Wer sich Geld leiht, um ein eigenes Produkt auf den Markt zu bringen, muss in der Regel auch mit dem eigenen Vermögen haften. Ingenieure, die keine vielversprechende Erfindung gemacht haben oder das finanzielle Risiko scheuen, können ein Ingenieurbüro gründen. Nachdem sein Arbeitgeber ihm 2003 betriebsbedingt gekündigt hatte, wagte Boris Aicher den Schritt in die Selbstständigkeit, statt Bewerbungen zu schreiben. "Ich habe schon lange mit dem Gedanken gespielt, mich selbstständig zu machen. Nach der Kündigung schien mir der richtige Zeitpunkt gekommen zu sein", sagt der Elektrotechnik-Ingenieur. Als freiberuflicher Ingenieur übernimmt Aicher Aufträge für Unternehmen, bisher vor allem im Bereich Qualitätsmanagement. Besonders die berufliche Unabhängigkeit und Flexibilität hat es Aicher angetan: "Ich entscheide selber, welche Aufträge ich annehme und kann mich auch in neuen Bereichen ausprobieren."

"So viele Informationsquellen anzapfen wie möglich"

Nur die wenigsten Neugründungen haben von Anfang an volle Auftragsbücher. Um die Startphase zu überstehen, können Gründer öffentliche Fördermittel beanspruchen: Arbeitslose können entweder eine Ich-AG gründen oder Überbrückungsgeld beantragen. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) gewährt Gründern nach eingehender Prüfung des Business-Plans zinsgünstige Darlehen. Gründungs-Berater zum Beispiel bei den Industrie- und Handelskammern oder dem Arbeitsamt wissen, welche Fördermittel in Frage kommen. "Man sollte so viele Informationsquellen anzapfen wie möglich", empfiehlt Boris Aicher

Im VBI haben sich mehr als 3000 unabhängige Ingenieure aus dem Bausektor zusammengeschlossen
Besonders viele selbsständige Ingenieure arbeiten im Bausektor. Im Verband Beratender Ingenieure (VBI) sind rund 3000 unabhängige Ingenieure organisiert, die für Ihre Auftraggeber die Planung und Organisation von Bauprojekten übernehmen - vom Einfamilienhaus bis zur Eisenbahnstrecke. Die Mehrheit der VBI-Mitglieder sind dementsprechend Bauingenieure. Viele Mitglieder haben aber auch etwas anderes studiert: Elektrotechnik-Ingenieure planen zum Beispiel die Stromversorgung neuer Bauten. Der VBI unterstützt seine Mitglieder zum Beispiel durch Beratung in Rechtsfragen oder bei der Betriebsführung

Praxiserfahrung hilft Gründern

VBI-Sprecher Volker Zappe empfiehlt jedem Ingenieur, der sich selbstständig machen will, zunächst Erfahrungen in einem Ingenieurbüro zu sammeln: "Während einer Anstellung können junge Ingenieure bei Problemen erfahrene Kollegen um Rat fragen ? und langsam in die Rolle des beratenden Ingenieurs hineinwachsen." Außerdem können sie während der Projekte Kontakte zu potentiellen Auftraggebern knüpfen: Mit etwas Glück kann der Auftrag eines zufriedenen Kunden die Grundlage für eine Selbstständigkeit sein. Gerade in der Startphase helfen persönliche Kontakte dabei, Aufträge zu ergattern. Schließlich vergibt kaum jemand einen Auftrag an einen Ingenieur ohne Referenzen

Wer ein Ingenieurbüro gründen will, braucht neben guten Kontakten und technischem Wissen auch die so genannten Softskills. Auch hier hilft praktische Erfahrung: Bei der Arbeit erwirbt man Fähigkeiten, die Hochschulen in der Regel nicht vermitteln ? etwa wie man angemessen mit Kunden umgeht oder Aufträge akquiriert. Während einer Anstellung in einem Ingenieurbüro merken Jung-Ingenieure außerdem schnell, ob der Weg in die Selbstständigkeit das Richtige ist. Dort können sie dem Unternehmer bei der Arbeit über die Schulter schauen. "Nicht jeder ist dem Druck gewachsen, den ein eigenes Unternehmen mit sich bringt", so Zappe. Boris Aicher bereut seinen Wechsel in die Selbstständigkeit nicht ? trotz so mancher Einschränkung: "Als Freiberufler habe ich zwar weder ein geregeltes Einkommen noch festgelegte Arbeitszeiten. Dennoch würde ich mich heute wieder für die Gründung entscheiden.

Weiterführende Links:

Auf der Homepage des VBI gibt es Informationen über die Leistungen und Mitgliedschaftskriterien des Verbandes. Außerdem kann man dort kostenlos Stellengesuche und -anzeigen veröffentlichen:
http://www.vbi.de

Auf den Karriereseiten des VDI gibt es viele Informationen für Ingenieure, die sich selbstständig machen wollen:
http://www.vdi.de/vdi/ist/existeng_f/01290/index.php

Die Startup-Initiative vergibt die wichtigsten Gründer-Preise der Republik: Der deutsche Gründerpreis wird in den Kategorien Konzept, Aufsteiger, Visionär und Lebenswerk an erfolgreiche Unternehmensgründer vergeben. Den Startup-Preis erhält der oder die Gründer mit dem besten ausgearbeiteten Business-Plan. Profitieren können alle Teilnehmer: Experten liefern ein fundiertes Feedback zu jedem der eingereichten Geschäftspläne. Schüler im Alter bis 21 Jahre können mit ihren Unternehmensideen an der Start-Up Werkstatt teilnehmen. Was es zu gewinnen gibt und wer teilnehmen darf, erfahren Sie auf der Internetseite:
http://www.startup-initiative.de

Die Industrie- und Handelskammern helfen Gründern - etwa mit Seminaren und Beratungen. Auf der Internetseite des Dachverbandes DIHK finden sie Broschüren zum Download und Links zu den örtlichen IHKs:
http://www.dihk.de/inhalt/themen/starthilfe/unternehmensgruendung/index.html

Speziell für Frauen hat das Bundesministerium für Familien, Frauen, Senioren und Jugend ein Gründerinnen-Portal an den Start gebracht. Neben den Informationen zu allen Gründungsphasen gibt es auch eine Recherchemöglichkeit für Berater und Coaches und aktuelle Veranstaltungsdaten:
http://www.gruenderinnenagentur.de

Studenten der Fachhochschule Karlsruhe haben einen Online-Kurs für Gründer entwickelt. Themen sind Kostenrechnung, Marketing, Unternehmenssteuern und rechtliche Grundlagen. Wahlweise kann man den Kurs online im Internet machen, sich herunterladen oder auf CD bestellen:
http://www.fbwi.fh-karlsruhe.de/existenzgruendung/

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Dieser Artikel ist erschienen am 07.07.2004