Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

No ranks, no titles

Georg M. Oswald
"Gestatten? Schwarz, Thomas Schwarz. Ich bin stellvertretender Leiter der Abteilung Abwicklung und Verwertung in einer deutschen Großbank. Noch - denn meine Entlassung wird gerade generalstabsmäßig eingefädelt. Rumenich, meine Chefin - gut aussehend, intelligent, immer auf Zack, eine Giftschlange -, hat sich heute etwas Nettes für mich ausgedacht.
"Gestatten? Schwarz, Thomas Schwarz. Ich bin stellvertretender Leiter der Abteilung Abwicklung und Verwertung in einer deutschen Großbank. Noch - denn meine Entlassung wird gerade generalstabsmäßig eingefädelt. Rumenich, meine Chefin - gut aussehend, intelligent, immer auf Zack, eine Giftschlange -, hat sich heute etwas Nettes für mich ausgedacht: Zuerst glaube ich, ich höre nicht richtig. Sie sagt es nach einer wichtigen Sitzung scheinbar nur so dahin: "Ach ja: Wären Sie so nett, sich darum zu kümmern, dass uns dieses Paket zugestellt wird. Irgendwas ist da schief gelaufen." Und drückt mir einen gelben Zettel in die Hand, auf dem "Zustellbescheid" und "Parcel Express" steht.

Nicht doch. Hab ich da was nicht mitgekriegt, bin ich jetzt bei der Poststelle engagiert? Schon liegt mir ein 'Entschuldigen Sie, aber ich bin stellvertretender Abteilungsleiter!' auf der Zunge. Gerade noch rechtzeitig kapiere ich, was hier läuft. Die Antwort wäre ein vernichtendes 'Und?'.

Die besten Jobs von allen


'No ranks, no titles' lautet offenbar die heutige Lektion. Verstehe. Kompetenz beweisen wir natürlich nicht durch Dienstgrade, sondern durch Können. Auch und gerade, wenn es um so etwas Nichtswürdiges geht, wie ein Paket nachliefern zu lassen. Wieso konnte das eigentlich nicht bei uns zugestellt werden? Der Empfang ist doch 365 Tage im Jahr 24 Stunden lang besetzt!

Ich spiele mit dem Gedanken, den Job meiner Sekretärin, Madame Farouche, zu übertragen. Aber dagegen sprechen zwei Dinge: Erstens organisiert sie gerade die unzähligen Akten, die in der Kosiek-Sache im Haus herumgeistern - übrigens auch so ein Fall, der mir zuteil wurde, damit ich daran scheitere. Und zweitens: Wenn Rumenich spitzkriegt, dass meine Sekretärin sich um das Paket kümmert, kommt heraus, dass ich gekniffen habe. Also gehe ich, nur kurz nickend, an ihr vorbei in mein Zimmer.

Madame Farouche hängt schon den ganzen Vormittag an der Strippe und ist dabei von einer geradezu übermenschlichen Freundlichkeit. "Sie wissen also nicht, wo die Akte ist, die ich suche? Na, dann muss ich wohl zusehen, wie ich weiterkomme. Trotzdem, vielen Dank für die Auskunft!" Unfassbar. Sie kriegt das in einem Tonfall heraus, als wäre sie glücklich, wieder eine Absage bekommen zu haben.

Euch werde ich helfen, denke ich, und lege den Zustellbescheid vor mir auf den Tisch. Nicht ordnungsgemäß ausgefüllt, das fällt mir sofort auf. Na wartet.

"Falls Sie Fragen haben, rufen Sie uns bitte unter der gebührenfreien Telefonnummer 08 00/ 8 22 63 80 an."

Oh ja, ich habe Fragen, darauf könnt ihr euch verlassen!

"Wünschen Sie Auskünfte zu unseren International Services? Dann sprechen Sie bitte "Eins". Haben Sie Fragen zu Ihrer Bestellung? Dann sprechen Sie bitte "Zwei". Haben Sie andere Fragen? Dann sprechen Sie bitte "Drei".

"Drei!" brülle ich.

Es piept. Pause. Dann:

"Leider haben Sie in der vorgesehenen Zeit keine Wahl getroffen. Wir verbinden Sie mit dem nächsten freien Operator."

Keine Wahl getroffen also. Ich koche. Und lausche in der Zwischenzeit einem Computergefiepse, das Musik darstellen soll. Dann endlich eine menschliche Stimme. Sie leiert:

"Einen wunderschönen guten Tag, Hans Maier, was kann ich für Sie tun?"

Was kann ich für Sie tun? Das ist Dienstleistung pur! So mag ich's!

"Hören Sie mal, ich hab hier so 'nen gelben Zettel."

Ich lege eine Pause ein. "Gelber Zettel", da müsste der Typ doch wach werden, mich nach einer Kundennummer, einem Namen fragen.

"Und?" fragt er.

Ich höre, dass der Typ isst.

"Was 'und?'!"

"Was ist Ihre Frage?"

"Essen Sie gerade?"

"Rufen Sie an, um zu fragen, ob ich esse?"

Ich massiere mir mit den Fingerkuppen der freien Hand die Stirn.

"Ich habe hier einen Zustellbescheid. Da muss uns was geliefert werden."

"Datum?"

"Von heute?"

"Nein. Vom Zettel."

Ich höre, wie sich der Typ die Finger ableckt.

"6.6."

"Heute haben wir den 14.6." sagt er.

"Na und?"

"Haben Sie schon mal angerufen?"

"Nein."

"Das kann ich gar nicht glauben."

Ich fass’ es nicht.

"Hören Sie, ich habe noch nicht angerufen. Ich rufe jetzt zum ersten Mal an. Und hoffentlich auch zum letzten Mal."

"Das kann ich gar nicht glauben."

"Nun werden Sie mal nicht unverschämt!" brülle ich.

"Wenn ich unverschämt bin, dann ist das Gespräch hiermit beendet", kontert er seelenruhig und hängt ein.

Ich schlage den Hörer auf die Tischplatte, dann die Stirn. In dieser Position verharre ich eine Weile und wünsche das Ende der Welt herbei. Ich höre nicht, wie Madame Farouche hereinkommt.

"Ist Ihnen nicht gut?"

"Doch, doch."

"Frau Rumenich hat gerade angerufen. Ob sich schon was wegen eines gewissen gelben Zettels ergeben hätte. Sie wüssten schon..."

"Na klar, weiß ich!" rufe ich und reibe mir lachend die Stirn. "Ist in Arbeit!" - So leicht wird Rumenich mich nicht los.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.08.2001