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Noël Forgeard: Der Antreiber aus Toulouse

Holger Alich, Martin-Werner Buchenau, Matthias Eberle
Mit Noël Forgeard beginnt beim Luft- und Raumfahrtkonzern EADS die Zeit der Heißsporne.
Noël Forgeard. Foto: dpa
HB TOULOUSE. Das grimmige Gesicht, das Zeitungen gern abbilden und mit seinem unbändigen Ehrgeiz in Verbindung bringen, tauscht Noël Forgeard bei wichtigen Anlässen gegen ein bubenhaftes Lächeln: Etwa wenn Scheich Ahmed bin Saeed Al Maktoum zu Besuch ist und für Milliarden neue Airbus-Flugzeuge bestellt. Der Chairman der rasant expandierenden Fluglinie Emirates Airlines ist längst einer der wichtigsten Partner von Airbus. Entsprechend gekonnt weiß Forgeard seine Großkunden einzuwickeln. Auf großen Luftfahrtmessen wie in Paris werden die Airline-Chefs fürstlich empfangen, bewirtet, umsorgt. Dann überlässt Forgeard ihnen die große Bühne, er selbst tritt in den Hintergrund und genießt seine Coups im Stillen. Die Krallen hat der 58-Jährige vorher gezeigt: Forgeard sei überaus geschickt in Vertragsverhandlungen und entscheidungsfreudig, mitunter aber auch etwas zu voreilig, sagen Insider. Das war für ihn nicht immer von Vorteil.Zähneknirschend hatte der ehrgeizige Pariser bei der Gründung des Luftfahrt- und Rüstungskonzerns EADS hingenommen, dass sein Erzrivale Philippe Camus ihm vorgezogen wurde. Forgeard musste sich damals mit dem Chefposten bei Airbus zufrieden geben.

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Zwar zählt Camus ebenso wie Forgeard zu den Musketieren des verstorbenen Industriellen Jean-Luc Lagardère, dessen Gruppe die französischen Interessen im Gemeinschaftskonzern vertritt. Doch ist Camus als vorsichtiger Finanzexperte ein ganz anderer Typ als der durchsetzungsstarke und etwas vorlaute Visionär. Lagardère wusste das genau und wählte moderate Manager für die erste Phase der schwierigen deutsch-französischen Integration. Jetzt bricht mit Forgeard und Enders die Zeit der Heißsporne an.Ist Forgeard Politiker? Oder Manager? Oder beides? Seine Vita weist ihn in erster Linie als Mann aus, der beste Kontakte zur Regierung pflegt. Er war Berater des aktuellen Präsidenten Jacques Chirac und pflegt diese Verbindung: ?Es kommt vor, dass er mir die Ehre erweist, mich um meine Meinung zu fragen. Ich habe regelmäßigen Kontakt mit seinem Umfeld?, sagt Forgeard. Dass er dementsprechend eisern die französischen Interessen vertritt, stört zwar das Innenverhältnis im Hause EADS ? speziell die deutsche Seite, die so gern gleichberechtigt in der Führung wäre. Nach außen tritt der Ritter der Ehrenlegion jedoch ganz und gar nicht als national bestimmter Manager auf. Sein etwas radebrechendes Englisch, sein lang gezogenes ?Ü?-Tüpfelchen beim Firmennamen Airbüs sind in diesem Zusammenhang eher irreführend. ?Er hat die USA vor Augen und ist unglaublich ehrgeizig, diesen großen Markt zu erobern?, sagt ein langjähriger Weggefährte. Die Aufstellung der Sparte Airbus North America halten auch Branchenkenner jenseits von Airbus für vorbildlich: ?Sie sind dort erfolgreich, weil sie aggressiv sind und schnell Entscheidungen treffen. Das macht sie inzwischen für viele US-Unternehmen zu einem interessanten Partner?, sagt der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt. Die Frage, wie kompatibel Forgeard für die US-Seite sei, spiele dabei keine entscheidende Rolle.Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Erbe einer Kultur"Die deutsche Seite schickt mit Enders ohnehin einen Mann ins Rennen, der transatlantisch denkt. Das Ziel, im bislang stark abgeschotteten US-Markt auch bei Rüstungsaufträgen zum Zuge zu kommen, dürfte beide einen und über die im Machtkampf um die Führungsspitze aufgerissenen deutsch-französischen Gräben hinwegsehen lassen. Schließlich war es Forgeards Karrieresprung, der zum Rückzug von Hertrich führte: Beide wussten, dass sie nicht miteinander können.?Ich bin nicht ehrgeiziger als andere. Nicht mehr als der Durchschnitt der Leute meines Schlages. Einige halten mich sogar für ziemlich geduldig?, sagt Forgeard kokettierend über sich. Den Riesenvogel A380, das neue Prestigeprojekt des Konzerns, paukte er gegen jeden Widerstand durch ? vor allem gegen die Bedenken von Camus. ?Philippe stellte Vorsichtsüberlegungen in den Vordergrund. Das war seine Rolle als Finanzexperte, der sich uns Industriellen gegenübersah?, bemerkt Forgeard süffisant in einem Zeitungsinterview.Forgeard fühlt sich als ?Erbe einer Kultur, der der Aeronautique und der des Verteidigungsgeschäfts?. Behauptungen, er pflege einen autoritären Führungsstil, widersprechen seine Mitarbeiter. Sie beschreiben ihn als Familienmenschen, der gerne mit seinen vier Kindern zusammen ist und die moderne Malerei liebt. Sein Laster sind Rennpferde, die er gemeinsam mit Partnern besitzt.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.12.2004