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Nix wie weg

Claudia Obmann
Nase voll vom deutschen Jobfrust? Flexible Nachwuchskräfte haben im Ausland beste Job- und Karrierechancen. Für Ausreisewillige mit Lust auf eine Prise Abenteuer startet karriere eine fünfteilige Serie zum Leben und Arbeiten in Brasilien, China, Indien, Südafrika sowie in den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Jedes Mal, wenn das Handy von Maren Hintz klingelt und auf dessen Display "Nummer unbekannt" erscheint, klopft ihr Herz schneller. Denn die Diplom-Medienwirtin hofft auf die heiß ersehnte Nachricht: "Hallo Frau Hintz. Es ist soweit. Am nächsten Ersten gehen Sie für uns nach China."


Neue Serie: Auswandern

Teil 1: Reportage Südafrika
Teil 2: China (Heft 05/07)
Teil 3: Indien (Heft 06/07)
Teil 4: Brasilien (Heft 07/07)
Teil 5: Vereinigte Arabische Emirate (Heft 08/07)


Maren Hintz sitzt auf gepackten Koffern. Sie plagt akutes Fernweh, China soll es sein. Die studierte China-Managerin hat sich bei mehreren Firmen als Trainee im Fernen Osten beworben. Wann immer das "Go" eines Personalmanagers erklingen wird, sie ist startklar: Ihr Job ist gekündigt, ihre Wohnung und ihren Lebensgefährten lässt sie in Spenge bei Herford zurück, privater Kram wird bei den Eltern im Keller deponiert. Nur ihre Lieblingsbücher will sie unbedingt in die neue Heimat mitnehmen - vermutlich als Frachtgut im Flieger, der die gebürtige Aachenerin nach Schanghai, Peking oder Hongkong bringen wird.

Die besten Jobs von allen


Mit den Ersparnissen aus ihrem ersten Job im Vertrieb einer Logistikfirma erkauft sich Maren Hintz die Freiheit, jederzeit ausreisen zu können. "Notfalls kommt eben noch mein Auto unter den Hammer", sagt die 25-Jährige. So wild entschlossen, Deutschland den Rücken zu kehren und in das Land ihrer Träume zu gelangen, wie Maren Hintz sind derzeit viele Akademiker. Ob an der Uni oder in der Unternehmenskantine - immer wieder hört man junge Leute sagen: "Ich will weg!" Wie eine Online-Umfrage unter knapp 700 Teilnehmern auf karriere.de zeigt, würden 63 Prozent lieber anderswo als in Deutschland leben und arbeiten. Konkret: 51 Prozent würden sofort wegziehen, wenn sie zum Beispiel ein ausländisches Jobangebot in der Tasche hätten, und immerhin knapp zwölf Prozent sind schon auf dem Sprung

Copacabana statt Kehrwoche
Unaufhörlich rollt eine Lawine fähiger Leute nach anderswo. Alljährlich verlassen laut der Internationalen Arbeitsvermittlung (ZAV) in Bonn 150.000 Republikflüchtlinge das Land. Das sind 60 Prozent mehr als Anfang der 90er Jahre - eine Zahl, als ob auf einmal ganz Regensburg auswandert.

Aus einem Rinnsal ist ein steter Menschenstrom geworden, der sich wie die Donau rund um Regensburg in mehrere Arme teilt: Handwerker und Servicekräfte entscheiden sich hauptsächlich für den Umzug innerhalb Europas. Sie gehen am liebsten ins deutschsprachige Ausland, also in die Schweiz oder nach Österreich, wo es an Bauarbeitern und Tourismuskräften mangelt. Anglophile Aussteiger mit Ausbildung oder Diplom zieht es zu den klassischen Zielen USA und Australien, wo sie mit ihrem Schulenglisch meist zurechtkommen.


  • Hürden: Was Einwanderungsländer von Zuzüglern verlangen
  • Sicher gehen: Versicherung und Altersvorsorge
  • Marke Eigenbau: Krankenversicherrung in Südafrika

    Die dritte Gruppe sind die flexiblen Hochqualifizierten. Für sie existiert heute ein fast globaler Arbeitsmarkt: In London sind sie ein wichtiger Teil der Finanz-Community. Im Silicon Valley gehören Einwanderer mit Greencard zu den eifrigsten Firmengründern. Länder wie Kanada, Australien und Singapur empfangen Zuzugswillige mit offenen Armen. "Denn es kommen nicht die Schwachen und Untätigen, sondern die Mutigen, Innovativen und Unternehmungslustigen", wie der Göttinger Migrationsforscher Klaus Bade weiß. Zwar nimmt weltweit die Elitenwanderung rasant zu, wie die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) in Genf beobachtet. Besonders hart jedoch trifft der Exodus Deutschland. Nach Schätzungen des Bundesforschungsministeriums verlassen inzwischen 20 Prozent der deutschen Jungakademiker die Heimat. Arbeitsmarktexperten werden langsam nervös. Denn der bestens ausgebildete Nachwuchs investiert sein Können und Know-how außerhalb deutscher Grenzen

    Germans welcome
    Um die Top-Talente reißen sich weltweit fast alle Länder. Um sie zu sich zu locken, haben speziell Brasilien, China, Indien, Südafrika und die Vereinigten Arabischen Emirate im internationalen Vergleich nur niedrige Einreisehürden (siehe pdf-Tabelle "Diese Hürden müssen Ausländer nehmen"). Meist genügt schon ein Visum, das wie im Falle von Indien noch nicht mal an ein festes Jobangebot gekoppelt sein muss. Ein Nachweis vergleichsweise hoher Einkommen, wie es die Bundesrepublik von zuzugswilligen Ausländern verlangt, entfällt in diesen fünf Staaten sogar komplett.

    "Chinesen sind so sehr an Know-how interessiert, dass deutsche Ingenieure problemlos ein Arbeitsvisum erhalten", weiß Thomas Bücker von der ZAV. Auch für Gründer aus Germany rollen einige der boomenden Schwellenländer den roten Teppich aus. Während man zum Beispiel als Firmengründer in Kanada rund 188.000 Euro mitbringen muss, reicht in Brasilien schon ein Startkapital von 39.000 Euro.

    In der Wanderungs-Hitliste des Statistischen Bundesamtes rangieren Brasilien, China, Indien, Südafrika und die Vereinigten Arabischen Emirate zahlenmäßig zwar auf den hinteren Plätzen. Dafür ist ihr Sehnsuchtsfaktor aber umso größer. Insgesamt 5.743 Deutsche sind allein 2005 dauerhaft ins Reich der Mitte, zum Zuckerhut, ans Kap der Guten Hoffnung oder in die Anrainerstaaten des Persischen Golfs gezogen

    Liebe, Frust und Abenteuer
    Doch was treibt die Massen außer Landes? Abgesehen vom stärksten Motiv Liebe, dem Männer und Frauen im Urlaub oder während eines Arbeitsaufenthalts im Ausland erliegen, gibt es drei gute Gründe für den Nachwuchs, um sich aus Deutschland abzusetzen: erstens Abenteuerlust und der Wunsch nach neuen Erfahrungen, zweitens erfolglose Jobsuche oder mangelnde Karriereperspektiven im Inland sowie drittens das raue soziale Klima und düstere Zukunftsszenarien.

    "Ich wollte einfach nur raus aus der deutschen Routine, mich auf die andersartigen Menschen und ihre Kultur einlassen", schwärmt zum Beispiel China-Fan Maren Hintz. Seit ihrem Studienaufenthalt im vergangenen Jahr in Xian, der Stadt der berühmten Terrakotta-Armee, träumt sie sich vor den Fotos an ihrer Wohnzimmerwand an die kaiserliche Grabstätte zurück. Und paukt bis zum Abflug weiter fleißig Schriftzeichen

    Um die Erweiterung seines geistigen Horizonts geht es auch Jürgen Nagler. Immer wieder wechselt der Betriebswirt zu Arbeits- und Studienzwecken den Kontinent. "Anfangs habe ich beim ADAC eine Langzeitkrankenversicherung abgeschlossen und brav weiter in die deutsche Renten- und Arbeitslosenversicherung eingezahlt. Da war ich noch zu 100 Prozent deutsch und brauchte dieses letzte Stück Sicherheit", erzählt der leidenschaftliche Globetrotter.

    Inzwischen hat der 31-jährige Bayer jedoch diese Nabelschnur zum deutschen Sozialsystem zerschnitten und scheut auch negative Erfahrungen nicht mehr: "Wo die Not am größten ist", will Nagler ab Sommer in Ostafrika in der Entwicklungshilfe arbeiten

    Vom Ossi zum Weltbürger
    Auch Gunnar Jung aus Wernigerode im Harz ist Teil der Massenbewegung. Den 29-Jährigen treibt weniger die Abenteuerlust als die Jobmisere ins Ausland: Für junge Architekten wie ihn ist die Arbeitssituation in Deutschland schwierig, die Zukunftsperspektive schlecht.

    Andernorts sieht's mit freien Stellen besser aus: "Ich habe nach meinem Diplom Bewerbungen in die Schweiz, nach Österreich und in die USA verschickt und mich dann für ein Architekturbüro in Los Angeles entschieden", schildert der Absolvent der Universität Weimar seinen Berufseinstieg fern der Heimat. Nach 18 Monaten, in denen er Villen für betuchte Bürger im kalifornischen Santa Monica mitentwarf, lief allerdings sein US-Studentenvisum ab. Jung musste ausreisen und sich schleunigst um eine Jobalternative kümmern. Was er von seinen ehemaligen Kommilitonen aus Australien hörte, klang vielversprechend. Also machte er sich ebenfalls auf die Socken nach Down Under

    "Gleich an meinem Ankunftstag in Melbourne hatte ich mein erstes und einziges Bewerbungsgespräch. Die Stelle habe ich sofort bekommen", erzählt Gunnar Jung begeistert von seinen diversen Optionen im Ausland. Sogar ein Jobangebot aus Russland hätte er annehmen können. Vor einigen Tagen nun hat Jung sein neues US-Visum für weitere drei Jahre Aufenthalt bekommen, so dass er schnellstens zu seinem Wunsch-Brötchengeber in die Vereinigten Staaten zurückkehren kann.

    Dank billiger Flüge, Internet-Telefonie und Satelliten-TV verlieren die modernen Jobnomaden den Anschluss an die alte Heimat, an Freunde und Familie nicht. Vielmehr beobachtet Migrationsexperte Klaus Bade ein neues Phänomen: "Einwanderer bewegen sich in mehreren Gesellschaften gleichzeitig. So wie es transnationale Konzerne gibt, so werden transnationale Bevölkerungsgruppen zum Merkmal der globalen Wirtschaft." Klingt toll in der Theorie. Doch sich tatsächlich in der Fremde allein durchzubeißen, ist hart. "Die ersten Monate in L.A. waren einsam und steinig", bestätigt Gunnar Jung. Doch inzwischen ist er von seiner Wahlheimat USA überzeugt: "Ich habe zwischenzeitlich so viele Kontakte geknüpft, dass es mir hier wohl leichter fallen dürfte, meinen Traum vom eigenen, internationalen Architekturbüro zu verwirklichen", glaubt der Auswanderer aus dem Harz.

    Wie im Fall von Gunnar Jung ist der Arbeitsvertrag auf Zeit für Leute zwischen 20 und 30 häufig die Eintrittskarte in den Dauerjob oder die Selbstständigkeit vor Ort. Oft starten sie mit einem Firmenpraktikum oder als Freiwilliger in Hilfsprojekten. Gute Aussichten haben sprachgewandte Europäer außerdem, wenn es darum geht, Englisch- oder Deutsch-Unterricht zu geben, hat Maren Hintz festgestellt. Anders als in angelsächsischen Ländern, wo man meist ein Lehramtsstudium nachweisen muss, kann es in exotischen Ländern bei der Rekrutierung von Lehrpersonal simpler zugehen: "Wenn ich im Anschluss an mein Auslandssemester hätte in China bleiben wollen, hätte ich mich mit Deutsch-Kursen an der Uni über Wasser halten können", erzählt Maren Hintz

    Chef statt Praktikant
    Zu denjenigen, die nicht nur locker ihren Lebensunterhalt im Ausland verdienen, sondern sogar Karrierechancen abseits der Mainstream-Ziele USA, Kanada & Co. clever genutzt haben, zählt Martin Osterloh. "Ich habe schon als Kind vom Taj Mahal geträumt", erzählt der 25-Jährige. Dass er später einmal auf eine Marktlücke stoßen und sich mit der ersten deutsch-indischen Immobilienagentur im Land seiner Träume selbstständig machen würde, ahnte er damals natürlich nicht.

    Zusammen mit einem Freund makelt er seit kurzem indische Grundstücke und Gebäude übers Internet und berät Gewerbetreibende aus Deutschland zu ihrer Ansiedlung auf dem Subkontinent. 14 Stunden täglich, auch am Wochenende. "Arbeiten von früh bis spät, kaum Urlaub, kein Kündigungsschutz, löchriges soziales Netz im Krankheitsfall oder bei Jobverlust", Christiana Tings vom Raphaels-Werk weiß genau, wie sich Expats und Emigranten unterscheiden. Während von Firmen ins Ausland entsandte Mitarbeiter finanziell abgesichert sind und häufig von Chauffeur und Nanny umsorgt werden, sieht's für Weltenbummler, die auf eigene Faust unterwegs sind, anders aus. Tings und ihre Kollegen beraten Auslandstätige und Auswanderer vor ihrem großen Schritt

    Nix für Warmduscher
    So oder so. Das Leben und Arbeiten im Ausland ist kein Zuckerschlecken. Auch wenn es im Fernsehen oder in Reiseprospekten, garniert mit Palmen oder Accessoires aus 1001 Nacht, noch so paradiesisch wirkt. Hohe Kriminalitätsraten, Rassismus oder verhungernde Kinder sind die Kehrseite der glänzenden Medaille, weiß Rudolf Maleri. Der Diplom-Biologe lebt seit drei Jahren mit seiner Familie in Südafrika. Er mag seinen Job, genießt den erhöhten Lebensstandard am Kap und will doch wieder näher zurück an die Heimat

    Nicht für jeden ist der Weg ins Ausland ein goldener. Talkmaster Harald Schmidt, der spaßeshalber eine Zwangsweltreise für alle Deutschen forderte, feixt: "Zehn Prozent würden nicht wiederkehren, aber 90 Prozent würden betteln, heimkommen zu dürfen." Im Scherz des Entertainers steckt ein Funken Wahrheit. Wer dauerhaft in der Fremde bestehen will, braucht besondere Fähigkeiten: Offenheit für ungewohnte Sitten und Gebräuche sowie eine Mischung aus Anpassungsfähigkeit, Selbstsicherheit, Geduld und Risikofreude. Auch wenn Ausreisewillige allen heimischen Ballast abwerfen möchten - diese Ausstattung gehört unbedingt mit ins Gepäck, damit der Traum vom Glück nicht als Albtraum endet. Stacheldraht ums Paradies
    Wer wie die Biologen Rudolf Maleri und Monika Cermak nach Südafrika auswandert, muss Gegensätze ertragen: überwältigende Natur und eiskaltes Verbrechen, blitzsaubere Burenstädtchen und elende Townships, entwaffnende Freundlichkeit und versteckter Rassismus

    Es ist Hochsommer am Kap. Die zweijährige Katharina trottet barfuß über den Rasen. Ihr Bruder, der fünfjährige Philipp, umklammert ein gelbes Stofftier mit schwarzen Punkten. Nein, das sei kein Leopard, widerspricht der Junge seiner Schwester energisch: "Das ist ein Cheetah", ein Gepard. Und der sieht nun mal anders aus. "Ja, die Kinder", sagt Monika Cermak lachend, "die sind schon kleine Südafrikaner." Bei Katharinas und Philipps Eltern, Monika Cermak und Rudolf Maleri, liegt die Sache anders. Vier Jahre sind die beiden Deutschen jetzt am Kap. Sie leben und arbeiten als Biologen auf befristeten Postdoc-Stellen an der Universität im Burenstädtchen Stellenbosch, fast 10.000 Kilometer oder zehn Flugstunden von Deutschland entfernt, an der südwestlichsten Spitze Afrikas. Wer wie die beiden nach Südafrika geht, gilt zu Hause als Exot - bestenfalls als mutig, schlimmstenfalls als verrückt

    Denn Südafrikas Verbrechensstatistik gehört zu den alarmierendsten der Welt. Dagegen kommt auch die imagefördernde Kombination aus stabiler Demokratie, florierender Wirtschaft, Naturschönheiten und Fußball-WM 2010 nicht an. So weigert sich eine gute Freundin aus Deutschland, Rudolf Maleri in seiner neuen Heimat zu besuchen - aus Angst, einem Verbrechen zum Opfer zu fallen. Der 35-jährige Toxikologe hat Verständnis für die Ängste seiner Landsleute. "Die Kriminalität hier schränkt ziemlich ein", erzählt er. Fünf Schlösser sichern sein Haus, Joggen nach Einbruch der Dunkelheit ist nicht drin. Zumindest lebt das Quartett - anders als viele wohlhabende Südafrikaner - nicht hinter hohen Mauern, Stacheldraht oder Elektrozäunen.

    Die Lebensqualität, da ist sich Rudolf Maleri mit seiner Partnerin einig, ist bei vergleichbarem Einkommen trotzdem wesentlich höher als in Deutschland. "Wir haben hier ein größeres Haus, in einer halben Stunde sind wir am Meer. Direkt gegenüber ist ein Weingut, da lässt es sich wunderbar und günstig essen." Und zuletzt fügt er hinzu, was hier so offensichtlich ist, dass es im Alltag meist unerwähnt bleibt: "Südafrika ist traumhaft schön. Meer, Wüste, Hochgebirge und wilde Tiere - hier ist fast die ganze Welt in einem Land vereint.

    Raus aus der Patchwork-Farce
    Als Maleri sich Anfang 2003 entschied, zumindest für einige Jahre ans Kap auszuwandern, hatte das nichts mit der Faszination fürs Land zu tun. Das Biologiediplom in der Tasche, war er auf seinem Weg ins Berufsleben ins Loch der deutschen Konjunktur gefallen. Je verbissener er versuchte herauszukommen, desto tiefer rutschte er hinein. Stellen in der klassischen Biologie? Im Umweltschutz? Als Gutachter? Alles Fehlanzeige. "Nicht mal eine bezahlte Promotionsstelle konnte ich finden", erzählt er. Der inzwischen über 30 Jahre alte Familienvater versuchte sich in Deutschland mit Praktika über Wasser zu halten. Er jobbte als Netzwerk-Administrator und programmierte Homepages. Er absolvierte ein Traineeprogramm, dann einen Fortbildungskurs. Die Karriere des Bodenspezialisten entwickelte sich zur Patchwork-Farce, allenfalls gut genug, "um das Gefühl zu haben, ich tue überhaupt etwas".

    Nebenbei bewarb er sich weiter, insgesamt auf mehr als 100 Stellen, sogar in England und Norwegen. Mit jeder Absage wuchs der Frust, und das Selbstwertgefühl sank. "Du wirst aus der Uni ausgespuckt und hast keine Ahnung vom Arbeitsmarkt." Bitterkeit dringt noch heute durch diese Worte. Sie kommen stoßweise und erinnern an eine Anklage. Eine leise, aber bestimmte Klage gegen die Elfenbeinturm-Mentalität der deutschen Hochschulen. Irgendwann sei er antriebslos geworden; die Beziehung, gerade durch die Geburt des ersten Kindes gefestigt, begann zu leiden

    Als das Angebot einer bezahlten Promotionsstelle aus Südafrika zufällig über einen Kollegen von der Uni eintraf, nahm Rudolf Maleri es nach kurzem Überlegen an - und das, obwohl er eigentlich nicht auswandern wollte, und schon gar nicht nach Afrika: "Ich war noch nie in Südafrika gewesen und wollte auf keinen Fall hin. Der ganze Kontinent hatte für mich seit dem Völkermord in Ruanda etwas Destruktives, etwas Schreckliches. Aber ich hatte auch nichts zu verlieren und dachte, probier ich's eben." Im März 2003 kaufte Rudolf Maleri ein Flugticket mit der Option auf einen Rückflug drei Wochen später. Doch sein Ticket verfiel; stattdessen kam Lebensgefährtin Monika Cermak, heute 34, mit dem kleinen Philipp nach

    Rudolf Maleri erinnert sich noch genau an seine erste Fahrt vom Flughafen nach Stellenbosch, 45 Minuten mit dem Auto: "Das Erste, was ich gesehen habe, war das Township Khayelitsha mit seinen Hütten aus Wellblech und Pappe. Das Zweite waren die goldenen Putten am Weingut Spier zehn Minuten später - ein unglaublicher Kontrast!" Rund 22 Millionen Südafrikaner leben unterhalb der Armutsgrenze, das ist fast die Hälfte der Bevölkerung. "Man gewöhnt sich an diese Sachen", sagt Rudolf Maleri. "Das heißt nicht, dass ich sie deshalb gut oder schön fände, aber nach all der Zeit nehme ich viele Dinge nicht mehr wahr", sagt der Deutsche

    Südafrika, seit dem Ende des Apartheidregimes der Hoffnungsträger eines ganzen Kontinents, kokettiert mit seinem Image der "Regenbogennation": ein Volk, das in seiner kulturellen und ethnischen Vielfalt schwelgt, ein Land, wie es bunter und kontrastreicher nicht sein könnte - und das in fast jeder Beziehung. Südafrika: Das ist schwarz, weiß, ethnisch gemischt und indischstämmig. Das ist entwaffnende Freundlichkeit und eiskaltes Verbrechen, das ist unermesslich reich und abgrundtief arm. Diese Vielfalt kann faszinierend sein, aber auch überwältigend. Und manchmal will sie schlicht ertragen werden.

    Grillparty im Schmuckkästchen
    Entgegen mancher Befürchtungen empfinden viele europäische Einwanderer den Einstieg am Kap als überraschend einfach. Monika Cermak, die bereits ein halbes Jahr in Ghana gelebt hat, hatte "viel mehr Afrika" erwartet: "Das Western Cape hat uns ziemlich überrascht. Uns wurde gesagt, es sei sehr europäisch, aber ich hatte nie mit einem so hohen Lebensstandard gerechnet.

    Die beiden sitzen im Schatten eines Loquat-Baums. Die Luft ist gesättigt vom Duft nach Gras, Blüten und der Holzkohle auf dem Grill des Nachbarn. In ein paar Stunden ist das Paar eingeladen zum Braai, der südafrikanischen Grillparty. Es ist eine burische Tradition, die ihr Nachbar fast täglich pflegt. Weit offen steht das Gartentor, genauso wie die Tür zur Terrasse. Letzteres kommt in den besseren Wohnvierteln Kapstadts etwa so häufig vor wie ein mit Stacheldraht gesichertes Privathaus in Bayern

    Vielen Touristen gilt die Region um Kapstadt als Auswandererparadies. Die beiden deutschen Biologen, so scheint es, haben das große Los gezogen. Umgeben von majestätischen Bergen und Weingütern liegt ihre neue Heimat. Im Zentrum von Stellenbosch reihen sich denkmalgeschützte, weiß gekalkte Häuser aneinander. Es sind Schmuckstücke im kapholländischen Stil mit akkuraten Vorgärten, die meist von unterbezahlten Gärtnern aus dem Armenviertel Khayamandi gepflegt werden. Stellenbosch ist wie kaum eine andere südafrikanische Stadt sauber und hübsch hergerichtet. Mittendrin steht die Universität, die einstige Eliteschmiede des Apartheidregimes, die in akademischen Kreisen einen ausgezeichneten Ruf genießt. Gleichzeitig gilt der Ort aber vielen Südafrikanern als Enklave, die sich der Realität des neuen Südafrika noch nicht so recht stellen mag.

    Fatalismus trainieren
    Mit schwarzen Südafrikanern - immerhin 80 Prozent der Bevölkerung - hat die deutsche Familie wenig Kontakt. Ein einziges Mal war Rudolf Maleri in einem schwarzen Township. Warum der schwarze Gärtner mal zur Arbeit erscheint und dann wieder wochenlang nicht, weiß er nicht. Das Gras wuchert. Ärgerlich, aber so ist das halt. Man gewöhne sich an einiges mit der Zeit, sagt Monika Cermak: "Behörden zum Beispiel rufen hier prinzipiell nicht zurück, da muss man manchmal vier-, fünfmal nachbohren. Und wenn der Briefträger mal keinen Bock hat, dann liefert er eben keine Post aus.

    Problemen dieser Art begegnen die beiden mit antrainiertem Fatalismus. Die meisten kulturellen Barrieren in Stellenbosch sind ohnehin subtiler. Sie trennen nicht Schwarze von Weißen, sondern die Zugezogenen von den einheimischen Weißen; die oft liberaleren Deutschen von den eher konservativen Buren. Da wird schief angeschaut, wer Kinder hat, ohne verheiratet zu sein. Es sind Tabubrüche dieser Art, die mit Freundlichkeit und guten Manieren zwar überspielt werden, aber die auch echte Nähe zu Einheimischen verhindern

    Gespräche mit weißen Südafrikanern, das bekam Rudolf schnell heraus, entpuppen sich leicht als kommunikatives Minenfeld: "Typische Tabuthemen sind Apartheid, Politik oder Aids. Wenn du so was auf einer Cocktailparty ansprichst, bist du unten durch." Besonders das Thema Rassismus werde offensichtlich vermieden: "Man muss jemanden schon sehr gut kennen, um dazu ein Statement zu bekommen. Und selbst das geschieht nur unter vier Augen", sagt der Deutsche.

    Doch es gebe auch die andere Seite: flache Hierarchien auf der Arbeit zum Beispiel. Die offene Bürotür des Chefs, das kollegiale Du auf den Fluren und ein unprätentiöserer Umgang miteinander. Monika Cermak hat das Gefühl, dass ihre Arbeit an der Uni mehr geschätzt wird als in Deutschland: "Man wird mehr gebraucht in diesem Land mit seinem verhältnismäßig kleinen Pool an Fachkräften." Der Lohn dafür ist allerdings bescheiden: ein Einkommen, das am Ende des Monats regelmäßig aufgebraucht ist - und ein löchriges soziales Netz. "Viele Menschen machen den Fehler, nach einem Urlaub in Südafrika auswandern zu wollen. Aber es ist ein himmelweiter Unterschied, ob man als Tourist ans Kap fliegt oder hier langfristig lebt", warnt die Biologin. Man brauche eine wesentlich höhere Bereitschaft, für sich selbst zu sorgen.

    Wellenweise Heimweh
    "Das deutsche Sozialsystem macht uns doch unmündig", wirft ihr Partner ein: "Wenn's ganz dumm läuft, ist noch Hartz IV da." Aber in Südafrika gibt es noch nicht mal diese staatliche Mini-Stütze. Das soziale Klima ist rauer. Trotzdem sagt der Toxikologe: "Wenn ich hier eine gute Stelle bekäme, würde ich bleiben."

    Einfach wäre das freilich nicht. Die Regierung achtet streng darauf, schwarze Südafrikaner bei der Stellenvergabe zu bevorzugen. Weiße männliche Europäer wie Rudolf Maleri hingegen stehen auf der Rangliste der erwünschten Arbeitnehmer ganz unten. Ist das gerecht oder "umgekehrte Apartheid", wie böse Zungen behaupten? Auch Rudolf Maleri ist hin- und hergerissen. Er könne die Regelung einerseits verstehen, sagt er, "aber andererseits trifft sie mich eben voll". Da ist er wieder, einer der inneren Konflikte, denen man am Kap einfach nicht entkommen kann

    Vorerst wollen die beiden "trotz wellenweisen Heimwehs" in Südafrika bleiben. Langfristig zieht es sie zurück nach Europa. Nicht unbedingt nach Deutschland, aber näher zu Freunden und Verwandten, in eine Umgebung, in der die Kinder ohne Angst aufwachsen können. Was für Rudolf Maleri einst als Flucht aus dem deutschen Arbeitsmarkt begann, hat ihn und seine Familie zu internationalen Jobnomaden gemacht. Bei der Frage, wo er sich heute zu Hause fühlt, denkt er lange nach. "Irgendwo zwischendrin", sagt er schließlich. Er sei freier geworden. Glücklich leben, so Maleris Fazit, könne man wahrscheinlich fast überall.
    Corinna Arndt

  • Dieser Artikel ist erschienen am 02.04.2007