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Nix mit Dolce Vita

Von Katharina Kort
Silvio Scaglia hat mit seinem Unternehmen Fastweb den Internethype überlebt. Jetzt verkauft er es an den Konkurrenten Swisscom. Aber der Italiener will es noch einmal wissen ? und investiert ins Internetfernsehen. Mit seiner schlaksigen Figur im grauen Anzug, mit Brille und dem Haarschopf in der Mitte der hohen Stirn kommt Silvio Scaglia wie ein schüchterner Ingenieur daher.
Mit seiner schlaksigen Figur im grauen Anzug, mit Brille und dem Haarschopf in der Mitte der hohen Stirn kommt Silvio Scaglia wie ein schüchterner Ingenieur daher. Ein Ingenieur ist der 48-Jährige tatsächlich, aber einer, der vor allem, was Geschäftsentscheidungen angeht, alles andere als schüchtern vorgeht. In diesem Frühjahr macht der Gründer und Chairman des italienischen High-Tech-Telekomanbieters Fastweb Kasse: Er verkauft seine Anteile an den Konkurrenten Swisscom.Anfang dieser Woche hat der Verwaltungsrat von Fastweb der Offerte der Schweizer bereits zugestimmt. In der ersten Aprilhälfte wird das offi-zielle Übernahmeangebot von Swisscom erwartet, über das die Aktionäre entscheiden müssen. Derzeit sieht es so aus, als werde der geplante Verkauf glatt gehen, denn Gegenangebote liegen nicht vor.

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Die Schweizer werden mit Fastweb ein Unternehmen übernehmen, das sich weltweit als erster so genannter Triple Player ? als Anbieter von Festnetztelefon, Breitband-Internet und Fernsehen per Internetprotokoll ? einen Namen machte. Und Scaglia wird um weitere Millionen reicher, die er gleich wieder investiert.?Silvio Scaglia ist ein Visionär?, sagt ein Ex- Mitarbeiter über den Unternehmer, den das US-Magazin vor drei Jahren in seiner Titelgeschichte zu einem ?Global Tech Guru? kürte. Auch wenn der Aktienkurs im Vergleich zu den Hoch-Zeiten nur noch bei einem Fünftel liegt, ist Fastweb doch eines der wenigen Unternehmen, die den Internethype überlebt haben. Und Scaglia hat eine gute Nase für lohnende Investitionen bewiesen.Auch Ende der neunziger Jahre. Da nutzt der ehemalige McKinsey-Berater, der bereits dem Vespa-Hersteller Piaggio und dem zweitgrößten Mobilfunkanbieter Omnitel seinen Stempel aufgedrückt hat, eine günstige Gelegenheit: Die Mailänder Stadtwerke suchen einen Investor, der das brachliegende Glasfasernetz übernehmen will. Scaglia greift zu und gründet 1999 das Unternehmen e.Biscom, das in ganz Italien ein Glasfasernetz baut. Im März 2000 bringt Scaglia das Unternehmen an die Börse.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Jetzt setzt er auf Fernsehen im InternetIn Italien hat sich das mittlerweile in Fastweb umbenannte Unternehmen mit mehr als einer Million Kunden und einem Marktanteil von 13 Prozent zum zweitgrößten Anbieter von schnellen Internetdiensten nach Telecom Italia gemausert. Mit seinem Glasfaser- und DSL-Netz erreicht Fastweb mehr als ein Fünftel der Bevölkerung. In jüngster Zeit nutzen immer mehr Unternehmenskunden das Netz. Großkunden machen 60 Prozent des Umsatzes aus. Für Scaglia Zeit zu gehen ? und gleich wieder etwas Neues anzufangen.Denn so ruhig und präzise der Norditaliener auch daherkommt, so umtriebig ist er doch, was Geschäftsideen angeht. Auch den Gewinn aus dem Fastweb-Verkauf wird Scaglia voraussichtlich für ein neues Projekt nutzen: Unter dem Namen ?Babelgum? hat er bereits das nächste Unternehmen gegründet. Es setzt auf Fernsehen im Internet.Mit dem Verkauf von Fastweb würde Scaglia für seinen Anteil von 18,75 Prozent insgesamt 660 Millio-nen Euro kassieren. Das kann der Mann, dessen Vermögen das US-Magazin ?Forbes? auf rund 1,2 Milliarden Euro schätzt, gleich wieder investieren. ?Ich bin der einzige Finanzier von Babelgum?, stellt einer der zehn reichsten Italiener klar und fügt hinzu, ?und ich hole das Geld, wo immer ich kann.?Genau diese Einstellung brachte dem bisherigen Vorzeigemanager allerdings in den vergangenen Wochen Kritik ein. Vor allem die außerordentliche Dividende in Höhe von 300 Millionen Euro hat die Investoren irritiert. Denn im vergangenen Jahr hat Fastweb bei einem Umsatz von 1,3 Milliarden Euro einen Verlust von 123 Millionen Euro eingefahren. Die Superdividende war ein Zeichen dafür, dass Scaglia Kassen machen wollte. ?Diese Aktion hat seinem Image als integerer Manager geschadet?, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter.Zuvor hatte Scaglia ständig beteuert, er werde seinen Anteil an Fast-web nicht verkaufen. Die Mitarbeiter hatten jedoch seit einigen Monaten mit seinem Abgang gerechnet. ?Er hat sich immer mehr zurückgezogen, wir haben ihn kaum noch gesehen, ganz anders als früher?, heißt es aus dem Unternehmen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Faible für Motorboote und Jazz Vielleicht hat sich der Mann, der als zugänglich und höflich gilt, ?als einer, der jeden Mitarbeiter grüßt, wenn er ihn auf dem Flur trifft?, vorübergehend ins Privatleben zurückgezogen. Der Vater dreier Kinder verrät nur, dass er ein Faible für Motorboote und Jazz hat. Ansonsten hat der Mann für Dolce Vita keine Zeit.Reden will Scaglia, der im Gegensatz zu vielen italienischen Managern und Milliardären als reserviert gilt, gerne über sein neues Baby Babelgum, die Internetplattform für Nischensender. Ende des Jahres soll das Projekt, bei dem sich die Kunden ihre Lieblingssender zu Themen wie Kochen, Judo oder Tennis selbst zusammenstellen können, zunächst auf Englisch starten. Finanzieren soll sich das Ganze dank Werbung.Mit einem Gewinn rechnet Scaglia erst ?in einigen Jahren?. Schon heute habe er einen zweistelligen Millionenbetrag investiert. Doch jedes Jahr müsse er das Fünffache dieser Summe investieren. Das ist für ihn aber kein Problem: ?Die Finanzierung ist auf viele Jahre gesichert.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Silvio ScagliaVita von Silvio Scaglia1958 wird er in Luzern/Schweiz geboren und wächst im norditalienischen Novara auf.1983 schließt er das Studium der Ingenieurswissenschaften mit der Spezialisierung auf Telekommunika-tion in Turin ab.1983 arbeitet Scaglia als Unternehmensberater bei Arthur Andersen Cosulting.1986 wechselt er zu McKinsey.1989 geht er als Berater zu Bain Cuneo e Associati als Spezialist für die Autosparte.1991 ist er beim Vespa-Hersteller Piaggio für die Auslandsmärkte verantwortlich.1995 wird er Chief Operating Officer beim Mobilfunkanbieter Omnitel und ein Jahr später Vorstandschef.1999 gründet Scaglia mit Francesco Micheli die Firma e.Biscom und wandelt sie später in Fastweb um.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.03.2007