Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Nix mehr fix

Britta Domke, Claudia Obmann
Lebenszeitstellen und Festgehalt waren gestern. Von nun an führt der Berufsweg über holpriges Terrain: Verlängerte Probezeit, Befristungen, erzwungene Selbstständigkeit - da müssen Altersvorsorge und Kinderwunsch erst mal warten, denn in der Arbeitswelt bricht gerade eine neue Ära an. Flexibel sein wie Knetgummi - das ist das neue Ideal. Machen Sie das Beste draus - Sie haben es in der Hand.
Lebenszeitstellen und Festgehalt waren gestern. Von nun an führt der Berufsweg über holpriges Terrain: Verlängerte Probezeit, Befristungen, erzwungene Selbstständigkeit - da müssen Altersvorsorge und Kinderwunsch erst mal warten. Machen Sie das Beste draus - Sie haben es in der Hand

Das erste Kind von Matthias Schulz wird wohl noch lange ungeboren bleiben. Dabei hatten sich der Esslinger Wirtschaftsingenieur-Student und seine Freundin schon darauf gefreut, demnächst mit der Familiengründung zu starten - sobald er einen Einstiegsjob findet, sobald sie ihre Ausbildung bei DaimlerChrysler beendet. Aber jetzt? Die Pläne der neuen Bundesregierung zur Neuregelung des Kündigungsschutzes haben alle Babypläne der beiden über den Haufen geworfen. "Ich würde nur dann Kinder in die Welt setzen, wenn ich ein Gefühl von materieller Sicherheit habe", verrät der 26-jährige Diplomand. Da kann er lange warten. Denn in der Arbeitswelt bricht gerade eine neue Ära an: Konnten unsere Eltern auf unbefristeten Vollzeitstellen noch ihr Leben durchplanen, Häuser bauen und Kinder in die Welt setzen, so ist heute nur noch eines sicher: dass nichts mehr sicher ist. Vor allem Berufseinsteiger müssen sich auf ein Leben im Schwebezustand einstellen

Die besten Jobs von allen


Gnadenlos biegsam
Flexibel sein wie Knetgummi - das ist das Ideal der neuen Jobwelt. Heimatliebe wird zum Luxus: Wo der Job ist, da geh auch ich hin. Wer nicht das Glück hat, eine Stelle zu ergattern - befristet oder Teilzeit -, absolviert miserabel bezahlte Praktika oder versucht sich in der Selbstständigkeit. Um die Altersvorsorge muss sich ohnehin jeder selber kümmern

Man könnte drüber jammern. Viele tun es. Aber das bringt einen nicht weiter. Nur wer lernt, sich mit der neuen Unsicherheit zu arrangieren und sie für seine Zwecke zu nutzen, zählt in Zukunft zu den Gewinnern auf dem Arbeitsmarkt. Matthias Schulz wird sich also umstellen müssen: "Vor dem Studium habe ich eine Ausbildung zum Industriemechaniker gemacht", erzählt der FH-Student. "Damals bin ich fest davon ausgegangen, dass ich später mal einen sicheren, dauerhaften Job haben werde.

Pustekuchen: Sobald das neue Gesetz in Kraft tritt, muss Schulz damit rechnen, dass sein erster Arbeitgeber ihm eine so genannte Wartezeit von 24 Monaten ohne Kündigungsschutz in den Vertrag schreibt. "Vielleicht mache ich 23 Monate einen guten Job und werde dann trotzdem entlassen", bangt Schulz. Wieder eine neue Stelle, wieder zwei Jahre ohne Kündigungsschutz, drei, vier, fünf Mal hintereinander - so sehen die Alpträume junger Akademiker aus

Tschüss, Chef
Was die meisten nicht sehen: Die neue Probezeitregelung hat auch Vorteile. "Häufiger Arbeitsplatzwechsel im Lebenslauf darf von uns dann nicht mehr negativ bewertet werden", sagt Silvia Dermietzel, Personalleiterin beim Biotech-Unternehmen MorphoSys. Und wer ungebunden ist, kann sich von heute auf morgen auch selbst aus dem Staub machen, sobald eine andere attraktive Stelle lockt. Denn als Angestellter auf Widerruf ist die Loyalität zum Arbeitgeber keinen Cent mehr wert. Jede Woche die Jobbörsen durchforsten, Bewerbungsunterlagen immer auf dem neuesten Stand haben, sein Netzwerk pflegen - das wird Pflichtprogramm für alle Langzeit-Probezeitler

"Am Arbeitsmarkt geht es im Moment zu wie zu Zeiten der Völkerwanderung: Alle stabilen Strukturen lösen sich auf", beobachtet Lorenz Forchhammer, Vorstand der Personalberatung ComTeam. Es passt in die Zeit, dass die neue Bundesregierung gerade jetzt den Kündigungsschutz beschneidet. Sobald das Gesetz in Kraft tritt - im Bundesarbeitsministerium hält man eine Umsetzung noch 2006 für möglich -, haben Arbeitgeber die Wahl: Entweder sie bleiben bei der bisherigen sechsmonatigen Probezeit für neue Mitarbeiter. Oder sie vereinbaren mit ihnen bis zu 24 Monate Wartezeit. Dann kann der Arbeitgeber zwei Jahre lang ohne Angabe von Gründen mit einer Frist von einem Monat kündigen.

Leere Versprechungen
Mit der verlängerten Probezeit verbinden Politiker vor allem eine Hoffnung: mehr Flexibilität für die Unternehmen und damit die Schaffung neuer Jobs. Tatsächlich hatten noch im Mai 2004 in einer Umfrage des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) 70 Prozent der Unternehmen angekündigt, dass sie bei gelockertem Kündigungsschutz zusätzliche Stellen einrichten würden.

Doch daraus wird wohl nichts: Die Neuregelung wird kaum neue Jobs bringen - das signalisiert eine Umfrage, die karriere im Januar 2006 unter 64 großen und mittelständischen Unternehmen durchgeführt hat (siehe Grafiken). Danach wollen 92 Prozent der Befragten trotz der gelockerten Regeln die Zahl ihrer Arbeitsplätze unverändert lassen. Nur fünf Prozent planen Neueinstellungen; drei Prozent möchten sogar Stellen abbauen.

Derweil überlegen einige Berufseinsteiger und Young Professionals schon jetzt, wie sie die zweijährige Durststrecke am besten überstehen: So wie Matthias Schulz wollen einer aktuellen karriere-Online-Umfrage zufolge 13 Prozent die Familiengründung aufschieben, bis ihnen der Job sicher ist. Auf große Reisen, Auto- und Wohnungskauf werden 14 Prozent vorerst verzichten. Und für 16 Prozent heißt es ab jetzt nur noch: Festklammern am Schreibtischstuhl - von selbst gekündigt wird nicht mehr (siehe Grafik). "Verständlich, schließlich haben die Leute lange auf ihren Kündigungsschutz gewartet, da werden viele nicht mehr freiwillig wechseln", erklärt Heide Pfarr, Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung. Damit ist auch die Faustregel ausgehebelt, dass Berufseinsteiger nach drei bis fünf Jahren den Job wechseln sollten, um ihre Karriere in Gang zu bringen. Wer an seinem Job klebt, verzichtet auf Aufstiegschancen und höhere Gehälter, die bei einem freiwilligen und geplanten Jobwechsel oft deutlich steigen

Die Waffen der Bewerber
Die Angst, bei einem Arbeitsplatzwechsel seinen Kündigungsschutz zu verwirken, ist gerade bei gut ausgebildeten Kräften vielfach unbegründet. Denn die neue Wartezeit-Regelung ist nicht in Stein gemeißelt. Weil Unternehmen die Wahl zwischen sechs und 24 Monaten haben, können begehrte Bewerber im Vorstellungsgespräch pokern. Immerhin 20 Prozent der Umfrageteilnehmer auf karriere.de planen, bei künftigen Vertragsverhandlungen Druck zu machen. IW-Arbeitsmarktökonom Holger Schäfer ermuntert Bewerber, ihre Einflussmöglichkeiten zu nutzen: "Arbeitnehmer haben eine Marktmacht, die sie ruhig ausspielen sollten." Auch Lilla Hirsch, Personalleiterin bei der Danone-Tochter Eden Springs, ist sich sicher: "Unternehmen, die die 24-monatige Wartezeit großflächig anwenden, dürften als Wunsch-Arbeitgeber bei viel versprechenden Nachwuchskräften durchfallen.

Marc André Gimmy, geschäftsführender Partner bei der internationalen Anwaltskanzlei Taylor Wessing in Düsseldorf, sieht dem neuen Wartezeitgesetz in seiner Branche klare Grenzen gesetzt: "Wir können es uns überhaupt nicht leisten, Arbeitsverhältnisse mit Juristen nur auf zwei Jahre abzuschließen", so Gimmy. Schließlich wollten Mandanten nicht ständig einen neuen Ansprechpartner aufgedrückt bekommen. "Und um zu sehen, ob ein neuer Kollege zur Kanzlei passt, reichen sechs Monate Probezeit völlig aus.

Vor allem Führungskräfte, Spezialisten und Absolventen mit seltenem Fachwissen werden mit einer kurzen Probezeit ins Unternehmen gelockt - darauf deuten die Ergebnisse der karriere-Umfrage hin. Alle anderen aber, so viel steht auch fest, werden um ihren Kündigungsschutz kämpfen müssen.

Gelobt sei, was flexibel macht
Dass gerade die Jungen heute bluten müssen, ist kein deutsches Phänomen. "Ob Großbritannien, USA, Norwegen oder Mexiko - Job-Einsteiger sind die Hauptbetroffenen der Globalisierung", konstatiert der Bamberger Soziologe Hans-Peter Blossfeld. Er hat fünf Jahre lang in 14 Ländern untersucht, wie sich das rasante Tempo der wirtschaftlichen Veränderung und die damit einhergehende Verunsicherung auf den Berufsstart auswirkt.

Resultat: Weltweit verläuft der Einstieg ins Erwerbsleben chaotischer als je zuvor. Immer öfter schieben sich Praktika, Aushilfs- oder Teilzeitjobs und Scheinselbstständigkeit zwischen Hochschulabschluss und die erste Festanstellung. Ein Sechstel aller Hochschulabsolventen hierzulande ist im ersten Job "inadäquat" beschäftigt, hat das Hannoveraner Hochschul-Informations-System (HIS) ermittelt.

Doch schon im zweiten Job reduziert sich die Zahl der unangemessenen Beschäftigungen auf unter zehn Prozent, schätzt Kolja Briedis vom HIS. Und wer sich als Honorar-Aushilfe, Zeit- oder Projektarbeiter bewährt, erhält häufig eine feste Anschlussstelle mit ordentlicher Bezahlung. Auf diese Chance setzt von den 20- bis 29-jährigen Erwerbstätigen bereits knapp ein Viertel. Damit ist der Nachwuchs in Sachen Flexibilität den Älteren eine entscheidende Nasenlänge voraus: Insgesamt liegt die Quote der befristet Beschäftigten in Deutschland bei gerade mal acht Prozent

"Befristete Arbeitsverhältnisse sind ein Beschäftigungsmotor", ist Jürgen Kunz von der Personalberatung Kienbaum überzeugt. Dumm nur, dass die schwarzrote Koalition ausgerechnet diesem beliebten Sprungbrett die Dynamik nimmt: Im Gegenzug zum gelockerten Kündigungsschutz soll die "sachgrundlose" zweijährige Befristung von neuen Arbeitsverträgen abgeschafft werden. Von der Neuregelung ausgenommen bleiben lediglich Jobs bei Existenzgründern, Vertretungsstellen und Zeitverträge für klar umrissene Projekte. Letzteres dürfte immerhin variabel einsetzbaren, hochkarätigen Projektarbeitern die Karriere sichern

Überleben in der Freiheit
Schon heute arbeiten etwa Ingenieure als selbstständige Unternehmer bei BMW oder Airbus von der Produktentwicklung bis zum Qualitätsmanagement. Von Vermittlungsfirmen wie Hays oder Brunel werden die mobilen Kräfte zum Einsatz gebracht. "Warum sollten sich nicht auch Ärzte, Banker oder Marketingspezialisten in Zukunft als professionelle Job-Hopper betätigen", fragt Zukunftsforscher Matthias Horx. "Gut ausgebildete Springer nehmen dann immer nur die Aufgaben wahr, für die Firmen oder Organisationen gerade Lösungen benötigen", lautet seine Vision. Das ist zwar nicht sicher, aber Spezialisten vermarkten ihr Wissen - und machen damit am Ende vielleicht deutlich mehr Profit, als eine Festanstellung bringen würde

Nur 30 bis 40 Prozent der Beschäftigten in Deutschland werden 2020 noch regulierte Arbeitszeiten und unbefristete Verträge haben - allenfalls die schrumpfende Kaste der Staatsdiener. Wo die Reise hingeht, zeigt London, Europas Dorado der Flexi-Jobber. Dort arbeiten heute gerade noch 28 Prozent in festen Nine-to-five-Jobs.

Von der Zukunft als Patchworker kann Jeanette Wieneke, Diplom-Psychologin aus Neuss, schon heute berichten: Auf befristete Verträge als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrkraft an ihrer Uni folgten Aufträge als Bewerbungstrainerin und ein Teilzeitjob als Patienten-Beraterin in einer Klinik. Der 35-Jährigen passt das Job-Konstrukt. "So bleibt mir genügend Zeit für den Ausbau meiner eigenen Firma." Ihr Hobby hat die begeisterte Chorsängerin zum zweiten beruflichen Standbein gemacht: Sie vermittelt von zu Hause aus Solisten und Orchester für private Events und organisiert Reisen für Musikliebhaber. Wie Jeanette Wieneke sagen immerhin schon 62 Prozent der Bundesbürger, eine interessante Tätigkeit sei ihnen wichtiger als die Art der Anstellung, hat das Marktforschungsinstitut Ipsos herausgefunden. Und knapp die Hälfte der Deutschen möchte laut aktueller "Kelly World at Work"-Studie am liebsten gleich aus ihrem traditionellen Arbeitsverhältnis aussteigen, um sich beruflich auf eigene Füße zu stellen

Das Gründerfieber grassiert nicht nur in den Köpfen: Nach jüngsten Statistiken ist die Zahl der Selbstständigen im Vergleich zu 1996 um 36 Prozent auf 3,8 Millionen angewachsen. Ich-AG und gekippter Meisterzwang haben den Anstieg zwar forciert, doch der Sprung in die Selbstständigkeit ist nicht mehr bloß Sache von Arbeitslosen und Handwerkern - die Bildungselite zieht kräftig nach. Willi Oberlander, Leiter des Instituts für Freie Berufe, sieht die Zahl der Freelancer in den kommenden fünf Jahren um jeweils bis zu fünf Prozent wachsen und die der Unternehmensgründer um bis zu 1,5 Prozent. "Ärzte, Architekten, Leute in Informations- und Medienberufen, Betriebs-, Gesundheits- und Bildungsberater werden ihre Dienste künftig auf eigene Rechnung offerieren", ist sich Oberlander sicher.

Auf eigene Stärken vertrauen
Steffen Hemberger ist jener neue Gründertyp, der mit innovativer Dienstleistung auch noch Jobs schafft. Als Besitzer einer prosperierenden Online-Agentur im Schwarzwald-Örtchen Schramberg beschäftigt er mittlerweile sechs Mitarbeiter. Der gelernte Bankkaufmann und Diplom-Betriebswirt "vertickte schon als Student PCs". Weil die Kunden der Garagenfirma auch Schulungsbedarf hatten, bot Hemberger die passenden Computerkurse gleich mit an. "Da habe ich gemerkt, dass ich mit Dienstleistungen risikoärmer mehr Geld verdienen kann als mit dem Handel von Produkten.

Nach dem Studium programmierte Hemberger als einer der Ersten Web-Auftritte für seine Kundschaft. Zur Klientel des 38-Jährigen zählen heute Versicherungskonzerne und Kommunen. "Auf die eigenen Stärken vertrauen", lautet das Credo des Schwarzwälder Unternehmers. Für seine "Dokusafe"-Lösung, mit der jeder weltweit online Zugriff auf eine digitale Kopie persönlicher Dokumente hat, räumte er jüngst den Innovationspreis des Landes Baden-Württemberg ab. Der junge Unternehmer ist sich mit Bildungsexperten einig: Wer sich weiterqualifiziert, für den wird es Arbeit geben

Man bewegt sich
Für einen guten Job nehmen die Deutschen zunehmend längere Wege in Kauf: Anfahrtswege bis 50 Kilometer akzeptieren 78 Prozent der Berufstätigen - neun Prozent mehr als noch vor fünf Jahren, wie eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Emnid ergeben hat. Jeder Dritte wäre bereit, sich täglich einen Arbeitsweg von bis zu 100 Kilometern zuzumuten, acht Prozent würden für ihren Job sogar noch weiter fahren

Auch die Bereitschaft, gleich ganz den Wohnort zu wechseln, wächst: von 38 Prozent im Jahr 2000 auf mittlerweile 42 Prozent. Denn das Leben aus dem Koffer zerrt an den Nerven, das wissen vor allem Berater allzu gut. Monatelang, nicht selten sogar ein ganzes Jahr, verschicken Unternehmen wie die Heidelberger SAP ihre Leute quer durch die Republik zur Kundschaft. Dann wohnen die Informatik-Spezialisten und Projektbetreuer auf Kosten ihres Arbeitgebers werktags im Hotel, bevor sie dauerhaft eine möblierte Wohnung beziehen dürfen und somit die Chance bekommen, einen neuen Freundeskreis fern der Heimat aufzubauen

Die Entscheidung gegen das Job-Nomadentum und für den Umzug an den Arbeitsort ist klug, glaubt man Professor Norbert Schneider von der Uni Mainz. Er hat untersucht, wie weit berufliche Mobilitätserfordernisse noch mit Partnerschaft und Familie vereinbar sind. Seinen Studien zufolge steckt schon jeder sechste Erwerbstätige in einer von insgesamt sechs "mobilen Lebensformen"

Zugenommen hat in den letzten Jahren vor allem die Zahl der Fern- und Wochenendbeziehungen. Das geht an die Substanz. Ein Drittel der Beschäftigten empfindet die ständige Reiserei als enorm belastend. All jenen, die unter chronischem Zeitmangel und Entfremdung leiden, empfiehlt der Mobilitätsforscher schleunigst Umzugshelfer anzuheuern: "Das ist eindeutig die günstigste Alternative.

Altersvorsorge - wovon?
Zeitnot und Geldmangel entwickeln sich zum Hauptproblem junger Berufseinsteiger. Die unsichere Joblage zwingt sie zum Leben von der Hand in den Mund. An Altersvorsorge, sooft sie auch gepredigt wird, ist für Leute wie Katja Haeberlin (Name geändert) gar nicht zu denken: Als der freien Journalistin vor zwei Jahren ihre erste BfA-Renteninformation auf den Tisch flatterte, traute die 32-Jährige ihren Augen nicht: Ganze 90 Euro Rente im Monat hat sie später zu erwarten. Das reicht nach heutigen Preisen für zwei Wochen bescheidenes Essen. Gern würde Haeberlin für ihr Alter vorsorgen. Aber wie? Im ersten Jahr ihrer Selbstständigkeit machte sie gerade mal 20 000 Euro Umsatz. Weil sie dringend einen neuen Rechner und eine Digitalkamera brauchte, wird der Journalistin nach Abzug aller Kosten vielleicht die Hälfte davon übrig bleiben. Ihre Direktversicherung, die sie während einer früheren Festanstellung abgeschlossen hatte, liegt vorerst auf Eis. 1.500 Euro im Jahr fürs Alter sind eine stolze Summe für die Freiberuflerin: "Wenn ich das Geld habe, bezahle ich, wenn nicht, dann nicht."

Katja Haeberlin und Millionen anderer junger Akademiker stehen vor einem Dilemma: Ihr Einkommen ist alles andere als üppig, der Konsumbedarf nach dem Studium besonders hoch. Womöglich müssen noch Bafög oder Studiengebühren zurückgezahlt werden, die Familienplanung wird konkret. Kein Wunder, dass in einer Emnid-Umfrage zur privaten Altersvorsorge die 30- bis 39-Jährigen von allen Altersgruppen am häufigsten antworteten: "Das kann ich mir nicht leisten.

Dabei ist 92 Prozent der Studierenden sehr wohl bewusst, dass sie ihren späteren Lebensunterhalt allein aus der Rente nicht werden bestreiten können, wie eine Studie des Lehrstuhls für Versicherungswirtschaft an der Uni Köln ergab. Doch das Problem liegt für die meisten so weit weg wie der Mond. "Häufig wird die Altersvorsorge zunächst zurückgestellt und dann zu spät begonnen", weiß Boy-Jürgen Andresen, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Dr. Dr. Heissmann. "Erst mal abwarten, bis ich ein sicheres Einkommen habe", heißt es dann oft

Doch damit wird wertvolle Zeit vertan. Wer fürchtet, dass ihm einkommensschwache Zeiten drohen - durch Arbeitslosigkeit, Elternzeit oder Selbstständigkeit -, sollte eher bei der Wahl des Anlageprodukts darauf achten, dass die Zahlungen problemlos unterbrochen werden können. "In diesem Fall sind flexiblere Formen wie Fondssparpläne sinnvoll", empfiehlt Bernd Katzenstein vom Deutschen Institut für Altersvorsorge. "Die kann man jederzeit anhalten.

Dreh an der Lohnschraube
Auch Festangestellte müssen in Zukunft knapper kalkulieren. Während die Kürzungen am Fixgehalt mit minus einem Prozent im Schnitt 2006 noch relativ moderat ausfallen, gehen die Unternehmen mit dem groben Tranchiermesser an die Lohnzusatzleistungen: Betriebsrenten, Fahrgeld- und Kantinenzuschüsse oder Vermögenswirksame Leistungen fallen als Erstes weg. Stattdessen setzen Unternehmen auf erfolgsabhängige Boni oder Prämien. Bei Berufseinsteigern sind bis zu 20 Prozent variabler Gehaltsanteil durchaus üblich, bei Führungskräften noch viel mehr

Für die Arbeitgeber eine sichere Sache: Läuft der Laden, profitieren alle davon. Läuft er nicht, müssen alle bluten. "Damit geht ein Stück Sicherheit weg - aber es tun sich auch neue Chancen auf", sagt Christian Näser, Vergütungsexperte bei Kienbaum Management Consultants. Wer richtig ranklotzt, kann am Ende des Jahres sogar mehr Geld nach Hause bringen als mit einer klassischen Gehaltserhöhung

Das wird auch nötig sein. Denn die neue Probezeitregelung beschert deutliche Gehaltseinbußen. "Bei Hochschulabsolventen ist es bisher üblich, nach sechs Monaten Probezeit noch einmal übers Gehalt zu reden", weiß Näser. Dieses Gespräch wird es in Zukunft erst nach zwei Jahren geben. Heißt im Klartext: Die Masse der Jobwechsler muss sich 24 Monate lang mit einem niedrigeren Einkommen begnügen. Neuen Mitarbeitern können da schon 10 000 Euro und mehr durch die Lappen gehen

Aber auch hier kann Verhandlungsgeschick helfen: "Vor allem Akademiker haben Möglichkeiten", sagt Marc André Gimmy von der Kanzlei Taylor Wessing. Sein Tipp für alle, deren Stelle nicht tariflich gebunden ist: "Verhandeln Sie über eine Klausel, die Ihnen schon vor Ablauf der 24 Monate eine Gehaltserhöhung garantiert.

Zehn Jahre Rush Hour
Es sind viele Bälle, mit denen junge Berufstätige jonglieren müssen: Gehaltsverhandlungen und Altersvorsorge, Bewerbungsstress, Jobeinstieg und Überstunden - kein Wunder, dass Privates auf der Strecke bleibt. So haben 49 Prozent aller Angestellten und 64 Prozent der Selbstständigen laut einer Studie des BAT-Freizeit-Forschungsinstituts keine drei Stunden Freizeit am Tag.

Vor allem die vollgepackten Jahre zwischen 25 und 35 haben sich zur Rush Hour des Lebens entwickelt. Genau zu der Zeit, wo das Leben am anstrengendsten ist, die Karriere die größte Aufmerksamkeit erfordert, muss die Entscheidung für ein Kind fallen. "Soziologen nennen die Zeit zwischen 30 und 40 den Lebensstau - da muss unheimlich viel passieren", weiß Karen Pfundt, Autorin des Buches "Die Kunst, in Deutschland Kinder zu haben".

Und so kommt es, dass für immer mehr Akademiker der Familienzug abfährt. Unter den 35- bis 40-jährigen Frauen mit Hochschulabschluss haben 42 Prozent keine Kinder. 1991 waren es erst 31 Prozent. "Zu oft ist es keine Frage des Wollens", erklärt Kathrin Dressel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). "Angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen stehen Frauen vor einem Entweder-Oder." Die neue Unsicherheit macht aber vor allem den Vätern in spe Angst, wie eine Studie des Hochschul-Informations-Systems HIS ergab: 41 Prozent der männlichen Studierenden möchten erst dann ein Kind, "wenn ich eine sichere berufliche Position habe". Von den Frauen sagen das nur 31 Prozent

Eine typische Aufschiebe-Karriere hat auch Nicola Haas-Sontheim (Name geändert) hinter sich. Bauzeichner-Lehre mit 18, anschließend drei Jahre Arbeit, um Anspruch auf elternunabhängiges Bafög zu haben. Dann Architektur-Studium, Abschluss mit 30, mühsamer Jobeinstieg - da war nie Zeit für ein Kind. "Ich wollte immer erst alles hinter mich bringen", sagt Haas-Sontheim, die 2004 geheiratet hat. Erst seit zwei Jahren fühlt sie sich abgesichert genug, um Mutter zu werden. Und jetzt klappt es nicht. Der Staat hätte es in der Hand, mit dem Ausbau von Hortplätzen und Kitas sicherheitsbedürftigen Akademikern die Angst vor dem Kinderkriegen zu nehmen. Stattdessen schüre er sie weiter, klagt Autorin Karen Pfundt: "Durch die 24-monatige Wartezeit wird die Familiengründung noch mehr erschwert und doppelt sich mit den schwierigen Betreuungsstrukturen.

Dem 26-jährigen Diplomanden Matthias Schulz und seiner Freundin hat der Staat jedenfalls vorerst die Lust aufs Kinderkriegen vergällt. "Früher habe ich mal gesagt: Bis 25 will ich Kinder haben. Heute sage ich: 30 ist ein gutes Alter." Und mit 30? Die Krisenkinder der Merkel-Ära müssen sich entscheiden: Sie können sich einigeln im Sicherheitsdenken. Oder sich einfach mal was trauen



 mehr zum Thema "Fair Company"
Dieser Artikel ist erschienen am 02.03.2006