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Nirgends wird so viel gelogen

Von Christoph Lixenfeld
Umziehen für den Job? Flexibel sein für die Firma? Bei vielen Arbeitnehmern stoßen Unternehmen damit auf einen wunden Punkt. Gerade junge Leute machen immer weniger Zugeständnisse, wenn es um die eigene Karriere geht.
Möbelpacker mit Umzugskarton: Engagement an anderem Ort kann zum Verlustgeschäft werden. Foto: dpa
Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann durfte das tun. Für seine Entscheidung, der Familie Priorität in seinem Leben einzuräumen und nach Kalifornien zurückzugehen, hatten die meisten Verständnis.So viel Verständnis schlägt den wenigsten Arbeitnehmern entgegen, wenn sie nicht wie auf Knopfdruck funktionieren und allzeit bereit sind, für die Firma mit Sack und Pack an jeden Ort der Welt umzuziehen. Dabei legen nicht mal die Manager, die von anderen Mobilität fordern, selbst Mobilität an den Tag. Auch Bayer Healthcare moniert, dass solche Weltbürger knapp sind. Bei Bayer Consumer Care zogen nur 15 von 100 Managern mit von Basel nach Deutschland.

Die besten Jobs von allen

Kompromisslosigkeit durch seinen Arbeitgeber erfuhr auch Sven Brandner*, der Abteilungsleiter eines Hamburger Softwarehauses. Eines Morgens hieß es: Das Unternehmen zieht nach München in die Räume der Mutterfirma um, um Kosten zu sparen. Brandner berief den Familienrat ein und schnell war klar: Seine Kinder wollten sich nicht von Schule und Freunden trennen. Auch die Ehefrau wollte nicht, weil sie dann ihren Job hätte aufgeben müssen. Brandner kündigte und machte sich selbstständig. Er verdient heute zwar deutlich weniger als zuvor, aber er bereut die Entscheidung nicht.Der Hamburger ist kein Einzelfall, im Gegenteil: Für 56 Prozent der Deutschen kommt ein Umzug wegen des Jobs nicht in Frage, so jedenfalls das Ergebnis einer Onlineumfrage des Internetportals meinestadt.de.Warum auch? Schließlich kann das Engagement in einer neuen Stadt durchaus ein Verlustgeschäft werden ? auch wenn es sich zunächst anders anlässt. Die neue Firma kann morgen insolvent sein, von Investoren übernommen werden oder gar fusionieren ? und schwupps stehen 1 000 Arbeitsplätze zur Debatte. Wer zuletzt kam, muss dann zuerst gehen. Ganz zu schweigen von Folgeproblemen wie Eigenheimen, die nur mit Verlust zu verkaufen sind.Nur: Im Vorstellungsgespräch gibt das niemand so offen zu. ?Bei keinem Thema wird so viel gelogen wie bei der Mobilität?, weiß Michael Kramarsch, Geschäftsführer der Towers Perrin Vergütungsberatung. ?Wer hypothetisch danach gefragt wird, ist zu jedem Umzug bereit. Aber wenn es dann zum Schwur kommen soll, sieht die Sache meist ganz anders aus?, so Kramarsch.Ähnliches erleben viele Unternehmen. Ex-MG-Chef Kajo Neukirchen schildert, wie er ein Werk mit 100 Mitarbeitern schloss. ?Wir boten allen Stellen in einem zehn Kilometer entfernten Werk an. Kein einziger hat das Angebot angenommen. An dieser Immobilität hat sich bislang nichts geändert.? Auch Ex-Beiersdorf-Chef Rolf Kunisch beklagte bereits vor Jahren, wie schwer es ist, Hamburger zum Standortwechsel zu bewegen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie Unternehmen gesuchte Arbeitnehmer trotzdem zum Ortswechsel bewegen könnten.An der extremen Attraktivität der Hansestadt kann das nicht liegen, wie der Fall Airbus zeigt: Der Flugzeugbauer würde hunderte Leute einstellen, hat aber große Probleme, die Stellen zu besetzen. ?Schon Ingenieure aus Süddeutschland dazu zu bewegen, zu uns in den Norden zu kommen, ist nicht leicht?, so Airbus-Personalchef Jörg Kutzim. Für Michael Kramarsch ist für das Phänomen ein Wertewandel verantwortlich: ?Viele, gerade junge Menschen, sind heute nicht mehr bereit, der Karriere alles unterzuordnen. Außerdem pochen heute oft die Ehepartner von Führungskräften auf die eigene Karriere.?Auch das bundesweit aufgestellte Ingenieurbüro Brunel, das für Technologieunternehmen konstruiert, entwickelt und Personal bereitstellt, ist auf die Flexibilität seiner Leute angewiesen und muss sich mit dem beschriebenen Phänomen auseinander setzen. ?Wir erleben durchaus, dass Menschen lieber arbeitslos werden, statt in eine andere Stadt zu wechseln?, klagt Carsten Siebeneich, Geschäftsführer von Brunel. Und: ?Einige verzichten auf die Chance, etwa in der Luft- und Raumfahrt zu sein, und ziehen einen Job beim Mittelständler in der Region vor. Selbst wenn sie dort weniger Geld bekommen und die Karrierechancen schlechter sind.?Um die Gesuchten trotzdem zum Ortswechsel zu bewegen, sollten sich die Unternehmen nicht nur mit Zeugnissen und Gehaltsvorstellungen der Kandidaten auseinander setzen, findet Thomas Herp, Geschäftsführer der Monitor Group Deutschland. ?Gut wären Gesamtpakete, die auch das Privatleben mit einschließen.? Doch die gibt es fast nirgendwo. Herp: ?Was macht eigentlich Ihre Frau? Das würde kein deutscher Personalchef einen Bewerber fragen. Das Private ist tabu.?Dieselbe Erfahrung macht Ernst Heilgenthal, Personalberater bei Gemini Executive Research in Köln: ?Die Unternehmen versuchen, sich möglichst wenig um private Belange zu kümmern, weil sie den Aufwand fürchten und die möglichen Kosten.?Dabei: Je mehr Frauen ? auch mit Kindern ? im Job bleiben, umso akuter wird das Thema. Erhält einer der Elternteile ein Jobangebot in einer anderen Stadt, steht zur Debatte: Folgt ihm die Familie und riskiert, dass der andere Elternteil dort keinen Job mehr findet? Ist nicht gleich das Modell Wochenendfamilie besser, so wie es besonders viele Professoren leben? Wenn der Wissenschaftler montags früh zur Uni anreist und Freitag mittags zurück ? zur Familie. Außerdem sind viele Unternehmen davon überzeugt, es auch gar nicht nötig zu haben, sich die Nöte der Bewerber zu Eigen zu machen. Aus dem Hause BMW heißt es zum Beispiel: ?Jeder Mitarbeiter bekommt sehr viel von uns, da erwarten wir auch, dass er sich flexibel zeigt.?
* Name geändert.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.07.2006