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Niederlande

Barbara Weise
Die Arbeitslosenquote ist mit 4,7 Prozent (2005) nur halb so hoch wie in Deutschland. Gesucht: Leute für Vertrieb und Verkauf, Ingenieure und Techniker mit kommerziellem Händchen, Controller, Finanzanalysten, Mediziner.
Flach ist hier nur das Land

Kerstin Reinert, 26, Diplom-Ingenieurin aus Eisenach, lebt und liebt seit zweieinhalb Jahren in Amsterdam. Sie arbeitet als Junior-Architektin im renommierten Büro Jo Coenen - und baut zurzeit die neue Bibliothek der Stadt und die Rock- and Pop-Hall Tivoli in Utrecht

Job-Links
Nützliche Adressen

Holland ist wohl für jeden Architekten, der gerne modern baut, ein Traum. Deshalb habe ich mich nach dem Studium ausschließlich hier beworben, gar nicht erst in Deutschland. Ursprünglich sah mein Leonardo-Stipendium ein halbes Jahr Stippvisite vor, mein damaliger Chef war aber so begeistert, dass er mir einen Vertrag anbot. Für eine große Architektenkarriere wäre Rotterdam zwar die bessere Wahl gewesen, aber ich hatte mich vorher schon in Amsterdam verliebt. Hier ist alles viel relaxter. Die Stadt ist tolerant und bunt, voll mit Leuten aus aller Welt.
Die Sprache habe ich anfangs überhaupt nicht verstanden. Nach einem Jahr Zuhören hat es dann klick gemacht und mittlerweile bin ich recht gut. In Amsterdam kommt man aber auch anders zurecht. Die Leute switchen sofort um, wenn sie merken, dass du sie nicht verstehst. Englisch wird einem quasi aufgedrängt. In meinem jetzigen Büro, in dem ich vor einem halben Jahr angefangen habe, ist es allerdings wichtig, mitreden zu können. Bauherren wollen in ihrer eigenen Sprache verhandeln. Und im Vergleich zu meinen spanischen oder portugiesischen Freunden, die noch Probleme mit der Sprache haben, kann ich jetzt an vielen Projekten intensiver mitarbeiten, habe mehr Verantwortung bekommen. Das Arbeitsklima ist toll: Es wird einem mehr zugetraut als in Deutschland. Die lassen einen erst mal werkeln - und das Projekt geht auch so gut voran. Gewöhnungsbedürftig ist allerdings die Schludrigkeit. Deutsche sind gründlicher. Das erfüllt zwar voll das Klischee, aber für diese Eigenschaft schätzen uns die Holländer auch. Eine sehr schöne Einrichtung ist das abendliche "borreln" gehen. Nach Büroschluss zockelt man los in die Kneipen, trinkt ein paar Bierchen und bestellt Bitterballen. Diese frittierten Hackbällchen sind eine Art Nationalspeise. Dann ist Gott und die Welt auf der Straße. Ein Zugereister bekommt allerdings ein bisschen schwer Anschluss - weil alle schon ihr eigenes Privatleben haben. Über meinen holländischen Freund kenne ich jetzt zwar ein paar Einheimische mehr, aber eigentlich ist unser Freundeskreis wunderbar international bestückt. Das ist auch einer der Gründe, warum ich hier glücklich bin

Die besten Jobs von allen


Arbeitsmarkt

Die Arbeitslosenquote ist mit 4,7 Prozent (2005) nur halb so hoch wie in Deutschland. Gesucht: Leute für Vertrieb und Verkauf, Ingenieure und Techniker mit kommerziellem Händchen, Controller, Finanzanalysten, Mediziner (mehr unter www.hollandjobs.de). Jobhopping und befristete Arbeitsverträge sind für Jobeinsteiger wie Berufserfahrene normal. Zeitarbeit ist bis in die oberen Hierarchieebenen verbreitet und genießt einen guten Ruf. Ohne brauchbare Sprachkenntnisse geht für Ausländer in qualifizierten Jobs sehr wenig, auch das Englisch muss gut sein.

Boom-Regionen

Im Ballungsgebiet Randstad im Westen des Landes wird in den Niederlanden das Geld verdient. Dazu gehören Amsterdam, Den Haag, Utrecht und Rotterdam, jeweils inklusive Speckgürtel. Stark im Norden ist Groningen. Im Süden, rund um Maastricht, Roermond, Eindhoven, dominieren produzierendes Gewerbe, im Norden und Westen die Serviceunternehmen

Gehalt

Brutto gibt es etwas weniger als in Deutschland, dafür wird weniger abgezogen: Statt wie hierzulande bis zu 52 Prozent zahlt ein kinderloser Single nur 39 Prozent für Steuern und Sozialabgaben. Einer Ein-Verdiener-zwei-Kinder-Familie bleiben statt 64 Prozent 71 Prozent vom Einkommen. In den niederländischen Großstädten lebt es sich ähnlich teuer wie in München oder Düsseldorf. Speziell Wohnen haut rein: Da es für normal große Einheiten keinen richtigen Mietmarkt gibt, stellt sich schnell die Frage: Winz-Apartment für 700 Euro oder gleich ein Häuschen kaufen?

Bewerben

Hochoffizielle Qualitätsnachweise sind Niederländern nicht so wichtig, es zählen Erfahrung und Persönlichkeit. Initiativbewerbungen werden gerne genommen. Wichtigste Auswahlmethode: das Bewerbungsgespräch. Dicke Mappen in Luxusumschlägen sind verpönt. Eingeschickt wird: ein kurzer chronologischer Lebenslauf ohne Foto und Noten, mit Hobbys und privatem Engagement. Anschreiben: erläutert kurz und sachlich die Motivation - in Niederländisch, zur Not in Englisch. Zeugnisse: erst zum Gespräch

Job-Links: Zeitarbeitsunternehmen für Akademiker: Wirtschaft und Arbeitsmarkt
  • Mit 15,5 Millionen Einwohner auf 42.000 km² sind die Niederlande eines der dichtbesiedeltesten Länder der Welt (456 je km²)

  • Die Niederlande haben eine starke, international orientierte Wirtschaft. Sie gehören zu den 15 größten Wirtschaftsnationen und stehen auf Platz 8 der 10 größten Exportnationen der Welt

  • Über die Hälfte des Bruttosozialprodukts wird durch Industrie- und Dienstleistungsaktivitäten außerhalb der Landesgrenzen erwirtschaftet. Über 60 Prozent der Erwerbstätigen sind im Dienstleistungssektor beschäftigt

  • Die Arbeitslosenquote lag in den letzten Jahren zwischen 2,5 und 4 Prozent. Damit ist sie im EU-Vergleich relativ niedrig

  • Gute Aussichten auf einen Job bestehen hauptsächlich im gewerblich-technischen Bereich, zum Beispiel als Facharbeiter in der Industrie, im Bau- und Baunebengewerbe, im Hotel- und Gaststättengewerbe, sowie im medizinischen Sektor und in den modernen Servicedienstleistungen

  • In den Niederlanden gibt es einen Mangel an mittleren Führungskräften und Spezialisten im technischen Bereich. Dies gilt vor allem für die Bereiche Metall, Elektronik und Elektrotechnik.
Arbeitsvermittlung und Bewerbung
  • In den Niederlanden finden Sie in allen größeren Städten die staatlichen Arbeitsämter Centra voor Werk en Inkomen (CWI) (früher "arbeidsbureaus"). Wer sich als Arbeitsuchender registrieren lassen will, muss nur die EU-Staatsbürgerschaft nachweisen. Für eine Arbeitsaufnahme benötigen Sie aber zusätzlich eine Steuernummer (SoFi-Nummer), die Sie beim nächstgelegenen niederländischen Finanzamt (belastingdienst) erhalten

  • Stellenvermittlung und Informationen finden Sie auch im Internet unter www.werknet.nl

  • Es gibt zwei verschiedene Arten von privaten Vermittlungsagenturen. Die so genannten "uitzendbureaus" suchen Mitarbeiter für dritte Unternehmen und treten normalerweise als offizielle Arbeitgeber auf. Der zweite Typ von privaten Arbeitsvermittlungen sind die "bemiddelingsbureaus". Diese Agenturen vermitteln Arbeitsuchende an Unternehmen, ohne selbst als gesetzliche Arbeitgeber aufzutreten. Die uitzendbureaus vermitteln in der Regel in befristete Arbeitsverhältnisse. Im Anschluss daran entsteht aber häufig ein unbefristeter Vertrag. Der Einstieg in den niederländischen Arbeitsmarkt läuft fast ausschließlich über ein solches uitzendbureau. Hierbei fallen für den Arbeitnehmer keine Vermittlungsgebühren an.

  • Die wichtigsten Stellenmärkte in Tageszeitungen finden Sie im Algemeen Dagblad? De Telegraaf und De Volkskrant. Für Hoch- und Fachhochschulabsolventen bietet die Wochenzeitschrift Intermediair eine gute Auswahl

  • Eine Initiativbewerbung ist in den Niederlanden üblicher als in Deutschland. Anschriften hierfür finden Sie in den gouden gids oder in Firmenverzeichnissen wie Kompass. Eine weitere gute Möglichkeit der Kontaktaufnahme besteht auf einschlägigen Fachmessen. Solche recruitment events sind z.B. die Studie Beurs in Utrecht oder der Carrieredag in Amsterdam

  • Es empfiehlt sich, vor einer Bewerbung telefonisch bei dem Unternehmen nachzufragen. So kann man die Aufmerksamkeit des Arbeitgebers für die eigene Person wecken

  • Das Anschreiben in einer Bewerbung schreibt man meist handschriftlich, den Lebenslauf aber maschinengeschrieben. Passfotos sind normalerweise nicht notwendig. Bei einer schriftlichen Bewerbung in den Niederlanden ist es nicht erforderlich, Kopien von Diplomen, Arbeitszeugnissen oder anderen offiziellen Unterlagen beizufügen. Diese Unterlagen müssen Sie erst zum Vorstellungsgespräch mitbringen

Löhne, Soziale Absicherung, Steuer, Versicherung
  • Ein 13. Monatsgehalt ist üblich.

  • In allen Berufsbereichen wird das Urlaubsgeld in der Regel im Juni gezahlt. Es beträgt durchschnittlich acht Prozent des Jahresgehaltes.

  • Der Arbeitgeber orientiert sich am zuletzt gezahlten Gehalt, wobei bei einem Arbeitsplatzwechsel ein Aufschlag von maximal zehn Prozent üblich ist.

  • Fachleute und Hochschulabsolventen erhalten häufig zusätzliche Vergünstigungen, wie z.B. einen Firmenwagen, einen Repräsentationsfond, Erstattung von Telefon- und Telefaxgebühren

  • Grundsätzlich sind alle Arbeitnehmer im System der sozialen Sicherung erfasst. Der Arbeitgeber zieht die Beiträge zur Alters- und Hinterbliebenenversicherung ganz und die zur Kranken-, Krankengeld-, Arbeitslosen-, und Invaliditätsversicherung zu einem festgesetzten Teil vom Monatseinkommen ab

  • Es ist empfehlenswert, eine zusätzliche Krankenversicherung abzuschließen. Je nach Höhe des Einkommens kann es sich dabei um so genannte ?ZiekenfondsŽ oder einen Privatversicherer handeln.
Wussten Sie schon...

... dass man in den Niederlanden in der Regel bescheidener auftritt als in Deutschland? Beim Bewerbungsgespräch etwa sollte man die eigenen Fähigkeiten nicht zu stark hervorheben, was aber nicht mit fehlenden Qualifikationen oder Unsicherheit verwechselt werden darf.

Nützliche Adressen

Europäisches Berufsberatungszentrum Rheine
Arbeitsamt Rheine
Dutumer Str. 5
48431 Rheine
Tel.Nr. 05971 / 930-102
Fax-Nr. 05971 / 930-909
e-mail: rheine.euroguidance@arbeitsamt.de

Ministerium für auswärtige Angelegenheiten
Ministerie van Buitenlandse Zaken
Bezuidenhoutseweg 67
Postbus 20061
NL-2500 EB Den Haag
Tel.: (00 31) 70 - 3 48 64 86
http://www.bz.minbuza.nl
E-Mail: minbuza@minbuza.nl

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Postbus 30157
NL-9700 LJ Groningen
Dieser Artikel ist erschienen am 22.08.2003