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Nick Leeson: Der Mann, der Barings ruinierte

Von Michael Maisch
Für einen wird sich der spektakuläre Betrugsfall bei Société Générale auf jeden Fall lohnen. Wann immer ein krimineller Händler mit seinen finsteren Machenschaften Milliarden vernichtet, erinnern sich die Medien an einen Namen: Nick Leeson. Den Aktienhandel hat er schon lange hinter sich gelassen. Wie man Geld verdient, weiß der passionierte Pokerspieler aber offensichtlich noch immer.
Ende einer Flucht: Nick Leeson nach seiner Festnahme im März 1995 in Deutschland. Foto: ap
LONDON. Obwohl die Barings-Pleite mittlerweile zwölf Jahre zurückliegt, gilt Leeson noch immer als Prototyp des kriminellen Händlers, und so war der 40-Jährige auch am Donnerstag wieder ein gesuchter Interviewpartner. Aber Leeson weiß genau, dass nur ein knappes Gut ein begehrtes Gut ist, und deshalb lässt er seine Interviews über seinen Berater Neil Martin meistbietend versteigern. Bis Donnerstagmittag lag das höchste Gebot bei 1 000 Pfund, es kam von einer großen internationalen Nachrichtenagentur.Den Handel hat Leeson schon lange hinter sich gelassen. Wie man Geld verdient, weiß der passionierte Pokerspieler aber offensichtlich noch immer. Dass er eine Menge zu erzählen hat, daran zweifelt niemand. Leesons Abenteuer als Wertpapierhändler, der in Singapur auf die schiefe Bahn geriet und den die Polizei um den halben Globus bis nach Deutschland jagte, gab sogar den Stoff für einen Hollywood-Film ab.

Die besten Jobs von allen

1992 schickt die Barings Bank, Synonym für alten konservativen englischen Reichtum, den jungen Händler Leeson nach Asien. Der steigt dort rasch zum Star auf, der an den Terminmärkten teilweise zehn Prozent der gesamten jährlichen Einnahmen der Bank verdient. Die Probleme beginnen, als einige Wetten Leesons nicht aufgehen. Nach dem großen Erdbeben von Kobe setzt er auf eine schnelle Erholung der Kurse, vergeblich.Aber weil Leeson sich auf dem einsamen Außenposten selbst kontrolliert, fällt es ihm nicht schwer, die Verluste in den Büchern zu verstecken. Mit immer riskanteren Geschäften versucht der Händler, das Geld wieder hereinzuholen. Doch das Glück hat ihn verlassen. ?Es tut mir leid?, steht auf dem Zettel, den Leeson hinterlässt, bevor er sich am 23. Februar 1995, wenige Tage vor seinem 28. Geburtstag, auf die Flucht macht. 1,2 Mrd. Dollar fehlen am Ende in seiner Abrechnung.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Heute kann man in Leesons Fall von einer gelungenen Resozialisierung sprechenDas ist zu viel für die 233 Jahre alte Barings Bank, bei der sogar die englische Königin ein Konto hat. Für ein Pfund wird das Institut von der niederländischen ING-Gruppe übernommen. Leesons Fluchtversuch endet am 2. März 1995 in Handschellen am Frankfurter Flughafen.Heute kann man in Leesons Fall von einer gelungenen Resozialisierung sprechen. Vier Jahre saß er in einem Gefängnis in Singapur, und es kam noch schlimmer: Leeson erkrankte an Dickdarmkrebs, und seine erste Frau Linda ließ sich von ihm scheiden, weil er in seiner in der Haft geschriebenen Biografie über Besuche bei Geishas berichtete.Nach der Begnadigung wegen guter Führung kehrte Leeson nach England zurück und studierte Psychologie. Heute managt der Fußballfan und Anhänger von Manchester City hauptberuflich den lokalen Fußballclub Galway United, offenbar mit mehr Erfolg als im Terminhandel. Unter seiner Führung stieg der Verein in die erste irische Liga auf.Rein äußerlich erinnert nicht mehr viel an den ehrgeizigen jungen Trader, der so viel Unheil anrichtete. Leeson ist fülliger geworden, und dank Nickelbrille und schütterem Haar sieht er aus wie der Prototyp des gemütlichen Familienvaters. So ganz hat er aber mit seiner Vergangenheit noch nicht abgeschlossen. Denn der geschäftstüchtige Leeson ist im Nebenberuf ein begehrter After-Dinner-Speaker. Finanzfirmen heuern den Ex-Betrüger für ihre Partys an, damit er auf launige Art und Weise erklärt, was sie tun müssen, um Kriminelle wie ihn zu stoppen. Vielleicht hätten auch die Manager der Société Générale Leeson einmal als Redner buchen sollen.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.01.2008