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Nichts für gefräßige Haie

Von Oliver Stock
Raymond Weil hat in kurzer Zeit seine Edeluhrenmarke aufgebaut. Das lockt Luxuskonzerne an, jene gefräßigen Haie im Genfer Becken, die schon heute über eine ansehnliche Sammlung edler Marken verfügen. Doch Weil lässt sie abblitzen. Einer, von dem die Konkurrenten sagen, dass er oben angekommen ist ? und das nach nur drei Jahrzehnten, also praktisch einem Augenzwinkern in einer Branche, die erst die Alten wirklich ernst nimmt.
MÜNCHEN. Die ?Meistersinger? warten nicht. Raymond Weil wird noch das karierte Jackett gegen den dunklen Anzug tauschen müssen, um mit der ganzen Familie einen Urlaubsauftakt nach Maß zu genießen: Die Oper in München ist etwas anderes als die in Genf. Dafür fährt der Mann, der seinen Namen jährlich auf 300 000 Uhren der teureren Art prägen lässt, gern vom Genfer See nach Bayern.Am Tisch sitzt ein freundlicher alter Herr. Einer, von dem die Konkurrenten sagen, dass er oben angekommen ist ? und das nach nur drei Jahrzehnten, also praktisch einem Augenzwinkern in einer Branche, die erst die Alten wirklich ernst nimmt. 80 Jahre wird Raymond Weil. Sein Geburtstag im Spätsommer fällt zusammen mit dem 30-jährigen Firmenjubiläum. Gratulieren lässt er sich heute schon, denn ?jeder Tag ist ein schöner Tag?, sagt er. ?Wenn Sie älter werden, haben Sie Zeit zum Philosophieren?, fügt er hinzu.

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Eigentlich wäre sein Betrieb kaum der Rede wert. Nur knapp reiht sich das Unternehmen Weil mit seinen mehr als 80 Mitarbeitern in die Riege der Mittelständler ein.Der Name jedoch verspricht Glanz. Raymond Weil ergänzt jene überschaubare Mannschaft von Schweizer Uhrenherstellern, die bislang der Versuchung widerstanden haben, ihr Unternehmen, ihr Know-how und vor allem ihren Namen an einen der beiden Luxusgüterkonzerne zu verkaufen, die wie gefräßige Haie im Genfer Becken nach Beute Ausschau halten: Richemont verfügt mit Cartier, IWC oder Vacheron Constantin bereits über eine ansehnliche Sammlung von Luxusmarken. Und Nicolas Hayek, Präsident der Swatch-Gruppe, ist auch nicht zimperlich, wenn es um Akquisitionen geht. Zwischen der sportlichen Omega und der superteuren Breguet würde sich eines der Prachtstücke aus der Manufaktur von Raymond Weil gut machen.?Natürlich gibt es Offerten?, sagt Oliver Bernheim, ?aber die gucken wir uns gar nicht erst an.? Bernheim ist als Unternehmenschef und Verwaltungsratspräsident Nachfolger von Raymond Weil. Praktischerweise ist er auch dessen Schwiegersohn ? eine Entwicklung, die Weil, als sie sich vor knapp einem Vierteljahrhundert anbahnte, mindestens so glücklich machte, wie das betroffene Liebespaar.?Zu meiner Freude heiratete meine Tochter keinen Tierarzt oder Maler?, stellt der Firmengründer und Inhaber fest, sondern eben jenen Herrn Bernheim, der schon damals Erfahrungen als Marketingmanager für Unilever in Paris gesammelt hatte. Bernheim ist einer wie er geworden. Ein Mann der Uhren.Schwiegersohn und Unternehmenschef in einer Person gefunden zu haben entband Weil, der zuerst Betriebswirtschaft studierte und als Geschäftsführer in einer Uhrenfirma arbeitete, von der Notwendigkeit, die Firmennachfolge außerhalb der Familie zu regeln. Seine Faszination für die Uhrmacherkunst und das Design konnte er weitergeben: Inzwischen sind die beiden Enkel, Elie (25) und Pierre (23), ins Unternehmen eingestiegen. Dass sie einst ihr Lebenswerk verkaufen, halten die Väter für unwahrscheinlich. ?Eher kaufen wir dazu?, sagt Bernheim, und es klingt im feinen Genfer Französisch nicht mal großspurig.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Keinen Ferrari, eher den Audi unter den Uhren?Nachzuprüfen ist es bis auf weiteres schwer, weil Bernheim sich an die Gepflogenheiten von Familienunternehmen hält und keine Zahlen nennt. Analysten schätzen die Margen in der Luxusuhrenindustrie auf mehrere 100 Prozent, womit klar ist, dass man auch mit 300 000 verkauften Stück ein kleiner König werden kann. ?Wir wissen, wo wir herkommen?, fügt Weil als Argument dafür hinzu, dass ein Uhrmacher besser im Takt bleibt, wenn er zu keinem der großen Konzerne gehört. Patek Philippe und letztlich auch Rolex machen vor, wie gut so etwas gehen kann. ?In der Luxusindustrie zählt es, zu seinen Wurzeln zu stehen.?Dennoch hat sich das Geschäft verändert, seit Weil sein Büro in Genf nur noch aufsucht, um ein paar Ideen loszuwerden. Sie fallen ihm öfter ein, seit er dem täglichen Druck entwichen ist. ?Meine Zukunft liegt hinter mir?, lautet die Einsicht des alten Herrn. Wenn ein anderer solche Worte sagt, klingen sie manchmal traurig. Weil dagegen schlägt einen fröhlichen, selbstbewussten Ton an, den nur einer treffen kann, der in der Krisenzeit der Schweizer Uhrenindustrie startete und es zu einem Lebenswerk gebracht hat.Verändert hat sich die Art, Luxusgegenstände zu verkaufen. ?Früher?, sagt Weil, ?habe ich eine Uhr verkauft, weil sie gut funktionierte und schön anzusehen war.? - ?Heute?, ergänzt der Schwiegersohn, ?verkaufen Sie keine Uhr, sondern eine Marke.? Das erfordere neben einem guten Produkt vor allem eine goldrichtige Strategie, um das Angebot zu platzieren. ?Früher waren unsere Kunden glücklich, etwas für sich selbst zu kaufen. Heute wollen sie auch zeigen, was sie haben?, beschreibt Weil seine Klientel ? und diesmal klingt es altersmilde.Im Fall der Marke Raymond Weil heißt das, für ein hübsches Sümmchen etwas Hübsches zu bieten. Weil bedient das mittlere Luxussegment. ?Keinen Ferrari, eher den Audi unter den Uhren?, beschreibt Bernheim das Image der Marke. Wer zwischen 500 und 4 500 Euro für einen Zeitmesser ausgeben will, ist bei den Genfern richtig. Warum er nicht in einem Markt, in dem es nach oben keine Preisgrenzen zu geben scheint, zu den Sternen greife und in die fünfstelligen Regionen vorstoße, erklärt Bernheim mit dem Bild vom Eiffelturm: Unten ist der Turm breit und bietet vielen Besuchern Platz, ganz nach oben schaffen es nur die wenigsten. Wer überleben will, kann sich nicht an die Spitze setzen, wo die Luft am dünnsten ist.Uhrenkönig Hayek, übrigens nur drei Jahre jünger als der bescheidene Kollege Weil aus Genf, malt bei ähnlichen Gelegenheiten das gleiche Bild ? nur dass seine Swatch-Gruppe den Eiffelturm in seiner ganzen Höhe beliefert. ?Aber das?, sagt Weil und muss jetzt wirklich in die Oper, ?ist eine andere Geschichte und hat mit einem Familienbetrieb aber auch gar nichts mehr zu tun.?
Dieser Artikel ist erschienen am 04.08.2006