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Nicht zu viel einbilden

Peter Gomez
Mit dem frisch erworbenen Diplom oder Doktortitel beginnt für Sie nicht nur ein neuer Lebensabschnitt. Sie gehören ab jetzt auch zu jener Elite, die die Geschicke der Wirtschaft und der Gesellschaft im weitesten Sinne in Zukunft prägen werden. Fühlen Sie sich durch eine solche Aussage treffend charakterisiert? Wenn ja, haben Sie vielleicht ein Problem - dass Sie jetzt schon so elitär sind, sich für Elite zu halten. Und dies ohne Reflexion darüber, was wirkliche Elite ausmacht.
Mit dem frisch erworbenen Diplom oder Doktortitel beginnt für Sie nicht nur ein neuer Lebensabschnitt. Sie gehören ab jetzt auch zu jener Elite, die die Geschicke der Wirtschaft und der Gesellschaft im weitesten Sinne in Zukunft prägen werden. Fühlen Sie sich durch eine solche Aussage treffend charakterisiert? Wenn ja, haben Sie vielleicht ein Problem - dass Sie jetzt schon so elitär sind, sich für Elite zu halten. Und dies ohne Reflexion darüber, was wirkliche Elite ausmacht

So erklärt die Präsidentin der Studierendengewerkschaft der Eliteuniversität Cambridge: "Jedermann hält uns für gut. Das muss nicht stimmen, aber so lange die Leute daran glauben, funktioniert es." Zu etwas mehr Understatement rät uns Theodor Adorno: "Elite mag man in Gottes Namen sein, niemals darf man sich aber als solche fühlen." Bei so viel Selbstgefälligkeit erstaunt es letztlich nicht, dass breite Kreise der Gesellschaft Elite mit elitärem Verhalten gleichsetzen und dieser Begriff zum Schimpfwort verkommt. Das ist verhängnisvoll, denn jede Gesellschaft braucht Eliten, ohne sie gibt es keine nachhaltige Entwicklung.
Der Begriff der Elite wurde wieder in das Bewusstsein der deutschsprachigen Öffentlichkeit gerufen, als der deutsche Bundeskanzler medienwirksam Eliteuniversitäten forderte. Immerhin hat er damit eine Frage provoziert: Was ist überhaupt eine Elite? Bezieht man den Begriff nur auf Universitäten oder gar nur auf die Forschung, so wird er viel zu eng gefasst. Elite beinhaltet nicht nur Intellektuelle oder Spitzenforscher. Elite gibt es in allen Lebensbereichen. Es sind dies Menschen, die an sich höchste Ansprüche stellen und die gleichzeitig höchsten Ansprüchen anderer gerecht werden. Solche Ansprüche können sich beziehen auf Werte, Funktionen oder Führung im weitesten Sinne.

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Werteeliten stehen für die nachhaltige Einhaltung der Spielregeln eines harmonischen Zusammenlebens einer Gesellschaft. Funktionseliten erbringen in ihrem Aufgabenbereich Außerordentliches. Führungseliten werden aufgrund ihrer Glaubwürdigkeit akzeptiert. Als faktische Machteliten sind sie oft etwas Ambivalentes, aber für unsere Gesellschaft unentbehrlich. Wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Führungsstrukturen entwickeln Machtzentren, die leicht zum Missbrauch führen können. Verantwortungsvoller Gebrauch von Macht zeichnet wirkliche Eliten aus.

Ein kurzes Wort zum Spannungsfeld Elite, Chancengleichheit und Demokratie. Oft wird die Meinung vertreten, die Bildung von Eliten und eine gleiche Chancen ermöglichende Demokratie würden sich ausschließen. Meines Erachtens handelt es sich dabei nicht nur um einen Trugschluss, sondern um die Rechtfertigung eines verhängnisvollen Trends zum Mittelmaß.

Zeichnet sich jemand durch besondere Leistungsbereitschaft und die Übernahme von Verantwortung aus, werden sie oder er zurückgebunden und schon in der Schule als "Streber(in)" gebrandmarkt. Offene Gesellschaften können sich aber nur entwickeln, wenn eine Vielfalt von Eliten im gesunden Wettstreit stehen. Bedürfte es noch eines Beweises, so sind dies jene totalitären Gesellschaften, die bei der Machtübernahme als Erstes diese Vielfalt zerstören und durch eine einzige Machtelite ersetzen

Wie sieht nun die Situation an den Universitäten des deutschsprachigen Europa aus? Der Vorschlag, einer Hand voll Universitäten mit einer (recht bescheidenen) Budgetaufstockung den Weg zur Ausbildung von Eliten zu ebnen, greift da wohl etwas kurz. Denn heutige Eliteuniversitäten verfügen über eine Bildungstradition, die durch Freiräume, Eigeninitiative und -verantwortung sowie Wettbewerb gekennzeichnet ist. Diese Universitäten haben die Möglichkeit, ihre Studierenden auszusuchen, einen entsprechenden Preis für die Ausbildung zu verlangen und für die Professorenschaft Leistungsanreize bereitzustellen.

Vergleicht man die führenden englischen Universitäten mit den deutschen, so möchte ich hier das Zitat eines deutschen Professors anführen, der in Cambridge studiert hat und heute in Harvard lehrt: "Während die deutschen Studierenden sich anstrengen müssen, um eine gute Ausbildung zu bekommen, müssen sich die Studierenden in Oxford und Cambridge Mühe geben, keine gute zu bekommen." Dort sind die Rahmenbedingungen der ausgezeichneten Betreuungsverhältnisse und des permanenten Dialogs so fordernd und fördernd, dass man sich dem Lernerfolg kaum entziehen kann. So etwas lässt sich auch mit viel Geld in kurzer Zeit nicht herstellen.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich für Sie aus dieser Diskussion zu den Eliten ziehen? Auch wenn Sie an einer (vermeintlichen?) Eliteuniversität studiert haben, heißt dies noch lange nicht, dass Sie zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Elite gehören. Bei der Zugehörigkeit zur Elite ist es wie bei der Glaubwürdigkeit: Sie lässt sich nicht erwerben wie ein Diplom oder ein Doktortitel. Erinnern wir uns: Eliten stellen an sich höchste Ansprüche, und sie werden hohen Ansprüchen Anderer gerecht. Und Elite schafft nicht Vorrechte, sondern vor allem Pflichten. Deshalb muss Ihr oberstes Bestreben sein, an Ihrer Glaubwürdigkeit als Fach- und Führungskraft zu arbeiten. Das bedeutet, dass man Elite auch im Kleinen, ganz unbemerkt, sein kann. Im Kontrast dazu stehen die selbst ernannten Eliten, bei denen die Einbildung vor der Bildung kommt.


Dieser Artikel ist erschienen am 20.06.2005