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Nicht viel reden, handeln!

Von Holger Alich
Der 1,87 Meter große Top-Manager Baudouin Prot leitet mit BNP Paribas einen Riesen der Bankenszene. Doch er schien lange so, als wolle er lieber im Eigenkapital ersticken, als eine größere Transaktion wagen. Das hat sich nun geändert. Plötzlich und für alle unerwartet schlägt der Absolvent der Elite-Schmiede ENA in Italien zu.
PARIS. Auf die Frage nach seiner Strategie für den Mittelmeer-Raum kramt Prot so lange in seinen Unterlagen (?Moment, das habe ich gleich?), bis er die genaue Zahl der Filialen, mit denen seine Bank dort vertreten ist, nennen kann.So vorsichtig und kontrolliert wie im Gespräch zeigt sich der 54-Jährige als Stratege: ?Wir bevorzugen kleine und mittlere Zukäufe, bei denen das Exekutionsrisiko gering ist?, war stets sein Credo. So sammelte er allein im vergangenen Jahr 14 neue Beteiligungen für insgesamt 2,3 Mrd. Euro ein.

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Europäische Bankenkonsolidierung? War bisher nicht Prots Ding; zu teuer, zu gefährlich. Der 1,87 Meter große Top-Manager mit dem wehenden Seitenscheitel leitet mit BNP Paribas zwar einen Riesen der Bankenszene: 110 000 Mitarbeiter, knapp 62 Mrd. Euro Marktkapitalisierung und eine Eigenkapitalrendite von über 20 Prozent ? nach Steuern, wohlgemerkt. Doch Prot schien lange so, als wolle er lieber im Eigenkapital ersticken, als eine größere Transaktion wagen.Und plötzlich und für alle unerwartet schlägt der Absolvent der Elite-Schmiede ENA in Italien zu. In einer Kommando-Aktion bereitet Prot in weniger als vier Wochen den größten Zukauf einer französischen Bank im Ausland vor. Das Übernahmeziel, die italienische BNL, bekam den Code-Namen ?Mozart?, Käufer BNP Paribas tarnte sich mit dem Namen ?Beethoven?.Mit der Übernahme der BNL für neun Milliarden Euro tritt Bank-Chef Prot endgültig aus dem Schatten seines Vorgängers: Bank-Legende Michel Pébereau. Dieser schmiedete nach einem monatelangen Übernahme-Krimi im Jahr 1999 den Konzern und schnappte die Investmentbank Paribas dem Konkurrenten Société Générale weg.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Übernahme der BNL ist nun Prots Meisterstück.Die Übernahme der BNL ist nun Prots Meisterstück. Trotz des großen Volumens will er nichts von einem Strategiewechsel wissen: ?Wir wollten immer unsere Aktivitäten im Privatkundengeschäft verstärken und haben dabei Europa stets den Vorzug vor den USA gegeben.? Er räumt aber indirekt ein, dass er mit seinen Absichten etwas hinter dem Berg gehalten hat. ?Es nutzte nichts, im Voraus zu erklären, dass wir ein Banknetz in Europa kaufen werden, denn die Gelegenheiten dazu sind rar.? Typisch Prot: Nicht über Bankenkonsolidierung reden, sondern handeln.BNP-Präsident Pébereau kann zufrieden mit seinem Ziehsohn sein. Es waren riesige Fußstapfen, in die der Kunstliebhaber Prot trat, als er im Jahr 2003 die operative Führung von diesem Bank-Visionär übernahm, der weiter als Aufsichtsrat das Geschehen von Nahem verfolgt. ?Dass ich an Michel Pébereau gemessen werde, damit muss ich leben?, sagte Prot einmal lakonisch.Seine Stärke: Auch in kritischen Situationen verliert er nie den Humor. Kurz nach der Übernahme der Bank-Führung erbte Prot im August 2003 eines der heikelsten Industrie-Dossiers Frankreichs: Die Rettung des Transport- und Energie-Konzerns Alstom. Die Top-Banker des Finanzplatzes Paris saßen versammelt beim damaligen Wirtschaftsminister Francis Mer, als die Meldung in die Runde platzte: Die EU-Kommission will den Rettungsplan so nicht genehmigen und verlangt eine überarbeitete Version. Die Truppe ist niedergeschlagen. Auf dem Weg zurück in die Zentrale der BNP Paribas seufzt Philippe Citerne, Nummer zwei der Société Générale: ?Jetzt hilft nur noch beten.? Prots trockene Antwort: ?Das passt gut, wir fahren gerade an einem Baumarkt vorbei. Wir brauchen nur noch auszusteigen und Gebetsteppiche zu holen.?In der eitlen Bankenszene ist der schlaksige Prot mit seiner trockenen Art ein Unikat. Denn trotz seiner Erfolge liegt ihm Selbstdarstellung fern. ?Er hasst Statussymbole und Mondänes?, bestätigt Corinne Fabre vom Beratungshaus Burson Marsteller.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Prot ist ein Facharbeiter im besten Sinne des Wortes.Prot ist ein Facharbeiter im besten Sinne des Wortes, der das Bank-Metier von der Pike auf gelernt hat. Nach Abschluss der Wirtschaftsschule HEC und der Ecole nationale d?Administration (ENA) beginnt er seine Karriere im Staatsdienst. Nach sieben Jahren wechselt er in die Privatwirtschaft und heuert bei der BNP an. Dort bringt er das Privatkundengeschäft auf Vordermann. Seitdem hat ihn die Liebe zum Geschäft mit Kunde ?Jedermann? nicht mehr losgelassen. Das zeigt sich im Großen wie seiner Strategie, die auf dem erfolgreichen Privatkundengeschäft im In- und Ausland fußt. Und im Kleinen: Bis heute antwortet der Bank-Chef persönlich manchmal auf Kundenbeschwerden.Daher fuchst ihn, dass Banken in Frankreich ein schlechtes Image haben und Verbraucherschützer ihnen permanent Abzocke vorwerfen. ?Die Franzosen sind stolz auf Airbus und L'Oréal. Dabei sind auch wir oft weltweit Nummer eins, etwa bei der Projektfinanzierung wie der Brücke von San Francisco.?Mit seinem Husarenstück in Italien dürfte Prot indes einiges dazu beitragen, den angekratzten Nationalstolz seiner Landsleute wieder zu pflegen. Einige haben Schwierigkeiten damit, dass ein Ausländer den Stahlriesen Arcelor schlucken könnte, der tief in Frankreich verwurzelt ist. Und in Prots Zettel-Bergen stehen bestimmt schon die Kandidaten, die BNP Paribas eines Tages in Deutschland kaufen könnte. Auf die Bankenkonsolidierung in Deutschland wird sich Prot wie gewohnt gut vorbereitet haben ? ohne groß darüber zu reden.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Prots Vita: Das Bank-Metier von der Pike auf gelernt.Das Bank-Metier von der Pike auf gelernt
  • 1951: BNP-Chef Baudoin Prot wird am 24. Mai in Paris geboren.
  • 1972: Abschluss der Wirtschaftshochschule HEC.
  • 1976: Eintritt in den Staatsdienst als Finanzinspektor.
  • 1983: Wechsel zur BNP Paribas als beigeordneter Generaldirektor. Zuständig ist er für das internationale Geschäft.
  • 1987: Verantwortlich für das Privatkundengeschäft der Bank in Frankreich.
  • 2000: Berufung in den BNP-Verwaltungsrat.
  • 2003: Prot wird im Mai Generaldirektor der Bank und übernimmt die operative Verantwortung. Seither hat der Aktienkurs der Bank knapp 70 Prozent zugelegt.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.02.2006