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Nicht ohne meine Mutter

Von Mathias Brüggmann
Früher spielte sie gerne Fussball und war ihren Landsleuten nicht geheuer - heute ist Scheicha Lubna die mächtige Wirtschaftsministerin der Arabischen Emirate und Vorbild für ehrgeizige junge Frauen. Sogar ein Parfum ist nach ihr benannt.
Zierlich, aber durchsetzungsfähig: Scheicha Lubna. Bild: www.bachmann-illustration.de
ABU DHABI. Jennifer Lopez hat eines. Celine Dion und Heidi Klum auch. Alle Stars und Sternchen dieser Welt haben ein Parfüm, das ihren Namen trägt. Auch Scheicha Lubna.Scheicha wer?

Die besten Jobs von allen

Scheicha Lubna ist alles andere als ein Filmstar oder Model. Sie sorgt nicht mit wilden Partys, Skandalen oder extravaganter Kleidung für Aufsehen. Nein, Scheicha Lubna bevorzugt einen traditionellen, schwarzen Umhang und ein schwarzes Kopftuch, das, nicht immer ganz streng gebunden, ihre dunklen Haare bedeckt.Aber die zierliche 49-Jährige ist ein Star in der arabischen Welt. Sie hat es als erste Frau ganz nach oben geschafft, ins Kabinett der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), die auf der Arabischen Halbinsel liegen und im Süden und Westen an Saudi-Arabien grenzen. Scheicha Lubna ist mächtige Wirtschaftsministerin der sieben Emirate, zu denen Dubai genauso gehört wie Abu Dhabi und ihr Heimatland Sharja.?Mein Schritt hat die Rolle der Frauen in unserer Gesellschaft gestärkt?, erzählt sie im 14. Stock ihres Amtssitzes in Abu Dhabi, den sie häufig verlässt, um zu internationalen Konferenzen wie dem Weltwirtschaftsforum in Davos zu reisen. Sie ist Vorbild für junge Frauen in der arabischen Welt. ?Glaubt an euch, dann könnt ihr auch das Unmögliche schaffen?, ermuntert sie diese.Wer so viel bewegt in einer Männergesellschaft, braucht viel Mut, um neue Wege zu gehen. Scheicha Lubna Bint Khalid Al Qasimi war schon als Kind etwas anders als andere Araberinnen. Der Spross der Herrscherfamilie des Emirats Sharjah spielt am liebsten Fußball. Das ist den Emiren genauso wenig geheuer wie ihr Berufswunsch: Als eine der ersten Frauen studiert sie Informationstechnologien, und dies auch noch als Araberin in Kalifornien.?Wir waren gerade einmal fünf Frauen unter 30 Studenten?, erinnert sie sich. Der MBA-Abschluss im heimischen Sharjah folgt und parallel arbeitet sie für ein indisches IT-Unternehmen. Ausgerechnet für eine indische Firma, wo ansonsten doch Inder in den Emiraten die körperlich schweren, schlecht bezahlten Arbeiten übernehmen. So schlecht bezahlt wie Scheicha Lubna, die anfangs nur 1 000 Euro erhält. Für eine Prinzessin nur ein Taschengeld.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Warum der Premier ihr vertrautDoch sie hat noch mehr vor. Schnell steigt sie auf zur IT-Chefin des Hafens Dubai Ports. Die Frau, die schnell und lebhaft spricht, macht mächtig Tempo und schafft es, dass Frachten statt in einer Stunde in nur noch zehn Minuten ent- und beladen werden. So wird Kronprinz Scheich Mohammed Bin Rashid Al Maktoum auf sie aufmerksam und übergibt ihr ein großes Projekt: Sie soll die papierlose Verwaltung der Emirate vorantreiben und im Internet die Handelsplattform Tejari aufbauen. Bei Tejari.com gehört sie noch heute zum Aufsichtsrat.Der Umzug von Sharjah in das Hauptemirat Abu Dhabi am Golf hat Scheicha Lubna ebenfalls ihrem Förderer, dem heutigen Premierminister und Vizepräsidenten der VAE zu verdanken. Im November 2004 holt Al Maktoum die international mit Preisen geehrte Managerin als Wirtschaftsministerin in seine Regierung. ?Ich habe den Job wegen meiner Erfolge und Leistungen bekommen, nicht nur als weibliches Mitglied der Herrscherfamilie?, sagt Scheicha Lubna selbstbewusst.Noch einen Grund gab es für ihren Aufstieg ins Kabinett: ?Frauen arbeiten viel härter, deshalb glaube er an sie?, habe der Premier ihr gesagt. Der Premier, gibt sie das Kompliment gleich zurück, kenne sich sehr gut mit Menschen aus und wisse auch ?beim Wetten immer, welches Pferd als Sieger über die Ziellinie geht?.Mit Scheicha Lubna jedenfalls hat der Herrscher die Richtige auf seinem Tippzettel angekreuzt: Seine Wirtschaftsministerin lenkt nicht nur krisenfrei den gewaltigen Boom am Golf. Den könnte man vielleicht noch den hohen Ölpreisen zuschreiben. Aber ihre Leistung ist es, dass die VAE inzwischen 62 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts außerhalb der Rohstoffbranche erwirtschaften. Und spöttisch fügt sie in ihrem Amtssitz hinzu: ?Wenn Sie mit mir als Wirtschaftsministerin reden, sprechen wir nicht über Öl, sondern über die reale Wirtschaft.?Dabei sei ihr sehr wohl bewusst, dass sie als Frau in einer Top-Position viel kritischer beobachtet wird als männliche Kollegen. ?So ein Job ist für eine Frau eine besondere Herausforderung: Du kannst es dir nicht leisten zu versagen?, sagt Scheicha Lubna. Doch inzwischen gibt es eine zweite Frau im Kabinett, die Sozialministerin. Und 22,5 Prozent der Abgeordneten im Parlament sind weiblich. ?Meine Ernennung hat das Image unseres Landes geändert: Wir haben mit einer weiblichen Ministerin gezeigt, dass wir ein liberales Land sind?, sagt Scheicha Lubna.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie Lubna als Blumehändlerin scheiterteAber der Wandel in eine moderne Gesellschaft verläuft auch für sie nicht ohne Brüche. Als ihr der Scheich den Posten als Wirtschaftsministerin anbietet, sagt sie: ?Ich muss erst einmal meine Mutter anrufen. Das ist Teil unserer Tradition.?Bereut sie es, dass sie keine Familie gegründet hat? Als sie in den Dreißigern war, habe sie das viel mehr belastet, sagt die Singlefrau. ?Da wollte ich Kinder haben, eine Familie. Heute denke ich nicht mehr daran?, sagt sie offen und ehrlich. Außerdem sei es ihre Entscheidung gewesen, Karriere zu machen.Tatsächlich ist sie heute nicht mehr die einzige Frau in Spitzenpositionen in arabischen Ländern: Auch in Bahrain, Katar und Oman haben es Frauen ins Kabinett geschafft.Trotz des Erfolgs sind Scheicha Lubna Starallüren fremd. Sie kommt selbst ins Foyer ihres Ministeriums, das Fotos mit ihr und den Großen dieser Welt schmücken, um ihren Gast abzuholen. Sie behandele ihre Mitarbeiter herzlich, ist zu hören. Diplomaten in Abu Dhabi erzählen, sie könne aber ?nicht nur charmant, sondern auch hart sein?.Mit ihrer eigenen Firma hatte sie indes nicht so großen Erfolg: Den Blumenladen, den sie in ihrer Zeit als Managerin bei Dubai Ports aufbaute, hat sie an einen Cousin verkauft. ?Ich war meine beste Kundin.?Dafür hat sie heute den Traum im Erdgeschoss: 13 Stockwerke unter ihrem Ministerbüro bietet Abu Dhabis berühmtester Juwelier die Pretiosen von Cartier und Uhren von Piaget.Dezent funkeln zwar ein paar kleine Steine auf ihrem Gewand. Doch Scheicha Lubna ist viel mehr stolz auf etwas anderes: Ihr kalligrafierter Namenszug schmückt die edlen und teuren Flakons ihres Parfüms ?Scheicha Lubna Mix?. Ihr geht es nicht um Eitelkeiten ? ein Fünftel der Einnahmen fließen in die Krebsstiftung ihrer Heimat Sharjah.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.02.2008