Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Nicht ohne den Vater

Von Stefanie Müller
Als Tochter von Emilio Botín hat man es nicht leicht, in die beruflichen Fußstapfen des Vaters zu treten. Schließlich ist der 72-Jährige Spaniens berühmtester Banker. Ana Patricia Botín hat den Schritt trotzdem gewagt und führt seit 2002 die Bank Banesto.
MADRID. Die Frau mit dem gebräunten Gesicht, den strahlenden blauen Augen und der klassisch dezenten Kleidung wirkt immer etwas unsicher, wenn sie vor der Presse steht. Auch in dieser Woche bei der Präsentation der Geschäftsergebnisse der Bank, die sie führt: der Banco Español de Credito (Banesto). Ana Patricia Botíns Stimme ist fest und dunkel, aber die Gesten sind weniger überzeugt, als man das von ihrem selbstbewussten Vater, Emilio Botín, gewohnt ist.Und das, obwohl das Ergebnis ihrer Bank blendend ist: Banesto konnte im vergangenen Jahr den Gewinn um 154 Prozent auf 1,4 Mrd. Euro steigern. Der Vater, der die Geschicke der Muttergesellschaft Bank Santander Central Hispano (SCH) lenkt, dürfte stolz sein auf die Arbeit seiner Tochter. Trotzdem schaut Ana Botín besorgt. Ihre Stirn legt sich in Falten. Die dreifache Mutter würde wenigstens für diesen Tag am liebsten ihren allmächtigen Vater aus dem Leben verbannen, zumindest aus ihrem Berufsleben. Denn sie fürchtet, dass irgendein Journalist Fragen zur SCH und damit indirekt zu ihrem Vater stellen könnte.

Die besten Jobs von allen

Kein Wunder: Die Tochter gilt als seine Nachfolgerin an der Spitze der größten spanischen Bank. Ihre Familie hat SCH in den vergangenen 150 Jahren aufgebaut und hält mehr als ein Prozent daran. Böse Zungen behaupten, die international vielfach prämierte Unternehmerin Ana Bótin habe ihre Position allein den familiären Kontakten zu verdanken. ?Ich musste mich jedoch bei all den Jobs immer beweisen wie jeder andere Angestellte der Bank, er hat mir nichts geschenkt?, verteidigt sie sich.Luis Abril, der früher die Kommunikationsabteilung bei der SCH leitetete, kann das bestätigen: ?Sie hat schon früh bewiesen, dass sie eigenständig ist und nicht im Schatten des 72-jährigen Vaters steht.? Mit dem MBA von der renommierten US-Uni Harvard in der Tasche begann sie bei JP Morgan in New York. Während der sieben Jahre, die sie bei der US-Investmentbank verbrachte, lernte sie, mit Millionen zu jonglieren, ihr Englisch zu perfektionieren, über den eigenen Tellerrand zu schauen und dabei nicht das Leben zu vergessen. Trotz ihrer steilen Karriere heiratete sie früh und bekam Kinder. Von ihrer Mutter, der Pianistin Paloma O?Shea, hat sie den Sinn für Musik und Kultur geerbt. Von ihrem Vater den Ehrgeiz und die aufbrausende Art. ?Sie kann ganz schön laut werden?, berichtet ein ehemaliger Mitarbeiter.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Sie kann der Herausforderung nicht widerstehen, einmal eine der größten Banken der Welt zu lenken." Die elegante und stolze Frau, die fern von ihrem Heimatort Santander in Internaten in der Schweiz, Großbritannien und Österreich groß wurde, erwarb viele Fähigkeiten, die ihrem Vater, der sich bis dato allein im hispanischen Kulturkreis aufhielt, kein Englisch sprach und von Investment-Banking wenig verstand, völlig abgingen. Das große Geld verdient Vater Botín immer noch im Massengeschäft.Aber so sehr die 46-Jährige auch die Emanzipation von ihrem beruflichen Vorbild versucht: ?Sie kommt an ihrem Vater, einem der reichsten und einflussreichsten Männer Spaniens und Lateinamerikas, nicht vorbei?, sagt Manuel Romera, Finanzdirektor an der spanischen Managementschule Instituto de Empresa. In einer von Männern dominierten Welt sei sie auf seine Hilfe angewiesen, er habe ihre Karriere vorgezeichnet.So übertrug er der jungen Frau Ende der 90er-Jahre den Investmentbankbereich der SCH. Viele hielten ihn für wahnsinnig. Als sie in Lateinamerika Millionen in den Sand setzte, warf er sie 1999 ohne mit der Wimper zu zucken wieder hinaus und kam damit dem Wunsch des Fusionspartner Banco Central Hispano (BCH) nach.Er ließ erst eine Zeit verstreichen, bis er Ana Patricia im Jahr 2002 den Job bei Banesto gab. In der Zwischenzeit baute seine Tochter wieder ein eigenes Leben auf, managte einen Risikokapitalfonds, beriet Technologiefirmen und sondierte neue Jobs in der ausländischen Finanzwelt. Schließlich blieb sie jedoch wieder in Spanien bei ihrem Vater hängen. ?Sie kann der Herausforderung nicht widerstehen, einmal eine der größten Banken der Welt zu lenken. Sie gibt sich in seine Hände, in der Hoffnung, ihn bald zu beerben?, sagt ein Mitarbeiter. Sie ist eitel wie ihr Vater, dem sie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sieht. Der wird jedoch arbeiten, bis der Tod ihn von seiner Bank scheidet. Bis dahin muss sie durchhalten und beweisen, dass sie eine Bank mit der größten Effizienz führen kann. Bisher macht sie einen guten Job. Im vergangenen Jahr sank das Kostenertragsverhältnis bei Banesto von 40 auf 38 Prozent.
Banesto im ÜberblickNummer fünf: Banesto ist Spaniens fünftgrößtes Kreditinstitut. Die Bank ist eine Tochtergesellschaft der Santander Central Hispano (SCH). Sie ist nur im Inland tätig.Neue Filialen: In diesem Jahr will Banesto 150 weitere Filialen eröffnen ? bisher sind es bereits 1 800. Trotzdem wird die Bank 600 der 9 800 Angestellten in den Vorruhestand schicken. Das entspricht dem landesweiten Trend: mehr Verkaufsstellen, weniger Leute.Wachstum: 2006 wuchs der Gewinn um 18 Prozent auf 673 Mill, Euro (bereinigt um einen Firmenverkauf). Vor allem die Baufinanzierung lief gut. 2007 setzt Banesto vor allem auf das Firmenkundengeschäft und will dort um mehr als 20 Prozent zulegen.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.01.2007