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Nicht in Schönheit sterben

Von Claudia Kaiser und Thorsten Knobbe
Nicht selten lautet das Motto von Jobsuchenden: Erfolg hat nur, wer sich anders gibt, als er tatsächlich ist. Das fängt meist schon bei den Bewerbungsunterlagen an. Lesen Sie, wie Sie die Gradwanderung zwischen Schein und Sein perfekt meistern ? und worauf Sie bei der Suche nach einem Karriereberater achten sollten.
Anschreiben und Lebenslauf entscheiden, ob ein Bewerber überhaupt in die engere Auswahl für eine Stelle genommen wird oder gleich an der ersten Hürde scheitert. Dazu kommt, dass Unternehmen häufig sehr anspruchsvolle Stellenprofile publizieren, die einen Bewerber womöglich glauben lassen, er sei für kaum eine Stelle qualifiziert genug. Also überlegt man als Bewerber, wie man sich im besten Licht darstellen kann. Der Weg zum Karriereberater liegt damit nahe, zumindest für einigermaßen solvente Kandidaten.Gute Karriereberater nehmen sich der Unterlagen des Kandidaten verantwortungsvoll an und prüfen, wie sich der Bewerber präsentiert. Ist seine Vita stringent dargestellt, gibt es einen roten Faden? Sind die wesentlichen Kompetenzen, Qualifikationen und Erfahrungen herausgestellt? Was wird einen neuen Arbeitgeber an diesem Profil wohl am ehesten reizen, inwieweit also werden die Erwartungen erfüllt?

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Spätestens hier gilt es, mit einem großen Missverständnis aufzuräumen. Der Bewerbungserfolg hängt fast nie davon ab, wie innovativ ein Anschreiben formuliert oder wie schön ein Lebenslauf gestaltet ist. Auch die inzwischen berühmte ?Seite 3? hat in den meisten Fällen keinen Effekt, außer vielleicht einen unfreiwillig komischen oder peinlichen. Selbst die Frage nach der geeigneten Bewerbungsmappe gerät in Zeiten der Online-Bewerbung zunehmend in den Hintergrund.
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Die Wahrheit ist so einfach wie schmerzhaft: Entscheidend für das Nehmen oder Reißen der ersten Hürde bei der Bewerbung sind die dargestellten fachlichen bzw. managementbezogenen Fähigkeiten und die Berufserfahrung eines Bewerbers. Selbst die Persönlichkeit, unbestritten im weiteren Entscheidungsprozess sehr wichtig, spielt zunächst keine Rolle, denn sie lässt sich kaum aus den Unterlagen erschließen.Was bedeutet das für die Aufbereitung der Unterlagen und die Anforderungen an einen Karriereberater? Ein guter Karriereberater muss vor allem Stellenprofile, Branchengepflogenheiten, Denkweisen von Entscheidern unterschiedlichster Hierarchieebenen und aktuelle Trends am Arbeitsmarkt kennen, er muss aus der Praxis heraus argumentieren ? und diese Erkenntnisse mit dem Profil und der Darstellung des Bewerbers abgleichen. Hierbei ergeben sich automatisch Ansatzpunkte, deren Überarbeitung eine zielgerichtete und optimierte Selbstdarstellung des Bewerbers ermöglichen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Es geht nicht darum, etwas vorzutäuschenEs geht nicht darum, Bildungsabschlüsse oder bestimmte Noten vorzutäuschen. Es kann aber sehr wohl darum gehen, bestimmte Studienschwerpunkte, Praktika oder Zertifikate herauszustellen, andere hingegen unter den Tisch fallen zu lassen. Es ist nicht ratsam, etwa Auslandserfahrung, Projekterfahrung oder eine bestimmte Funktionserfahrung zu erfinden, nur weil ein potenzieller neuer Arbeitgeber sich dieses Profil wünscht. Aber es kann und muss erlaubt sein, die vorhandene Erfahrung so aufzubereiten, dass sie dem Leser der Bewerbung sofort ins Auge fällt und er den Kandidaten als möglichst passend empfindet.Haben wir es hier mit Lügen im Lebenslauf oder Irreführung des neuen Arbeitgebers zu tun? Ein klares Nein! Gerade im fortgeschrittenen Karrierestadium von Executives sind die Lebensläufe oft so komplex, manchmal kaleidoskopisch, dass man eben nicht alles stur chronologisch aneinanderreihen darf, sondern auswählen und gewichten muss. Man kann von einem Personalberater oder Personalentscheider nicht verlangen, nach ausführlichem Lesen des Werks das für die aktuelle Position Essenzielle herauszuklauben. Man sollte ihm mundgerecht eine ?Story? liefern. Ein Märchen erzählen darf man hingegen nicht.Doch das erfordert seitens des Karriereberaters viel Fingerspitzengefühl und eben Erfahrung. Er muss sich in die Berufs- und teils auch Lebenswelt des Kandidaten einfühlen und gemeinsam mit ihm den Weg einschlagen, der den meisten Erfolg verspricht. Damit wir uns richtig verstehen: Erfolg misst sich nicht immer in Geld oder Aufstieg in der Hierarchie, sondern auch in Überzeugung, Zufriedenheit oder Lebensumständen. Die Bewerbungsunterlagen als ein früher konkreter Schritt zur nächsten Stelle müssen also auch in dieser Hinsicht zu Persönlichkeit und Überzeugungen des Bewerbers passen.So verbietet es sich quasi von selbst, die eigene Vita auf dem Papier in ein ?Potemkinsches Dorf? zu verwandeln. Es ist völlig unsinnig, Kernkompetenzen anzugeben, die man nicht hat, denn spätestens im neuen Job kommt das böse Erwachen. Die Informationswelt tut ihr übriges dazu. Dank ausgefeilter Suchtechnologien braucht man heute für die Einholung vieler Informationen nicht einmal mehr ein Detektivbüro bzw. einen Risikomanagement-Dienstleister. Der Personalentscheider klickt selbst und kann so manche Lüge im Lebenslauf prompt entlarven.Bleibt die Frage nach Notlügen. Diese sind dann erlaubt, wenn die Existenz des Bewerbers bedroht ist, er sich also in einer wirklich misslichen Lage befindet. Auch die Seite 3, die etwa einen Schicksalsschlag oder frühere grundfalsche Entscheidungen erklären kann, hat in diesen Fällen durchaus ihre Berechtigung, generell kann und muss sie bedrohliche Lücken im Lebenslauf erklären. Doch selbst bei Notlügen gilt: Sie sollten intensiv mit dem Bewerber entwickelt und abgesprochen werden, die Strategie muss wasserdicht und für den Bewerber passend sein. Auch haben Notlügen ihre Grenzen. Eine Notlüge sollte auf etwas Vergangenes abzielen, also nur Bereiche betreffen, die für die aktuell anvisierte Stelle irrelevant sind. Notlügen mögen sich eignen, um bestimmte Lücken im Lebenslauf oder Entscheidungen zu erklären, aber man sollte niemals Erfahrungen oder Kompetenzen, die für die aktuelle Stelle gewünscht sind, erflunkern. Das dicke Ende kommt fast immer schneller, als man denkt.Claudia Kaiser und Thorsten Knobbe sind Berater bei » Leaderspoint, einem führenden Anbieter von Karrieremanagement-Dienstleistungen.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.10.2007