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Nicht alles gefallen lassen

Die Fragen stellte Hans-Martin Barthold
Interview mit Ulrich Montgomery, Chef des Marburger Bundes, Verband der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte Deutschlands.
Die ?Halbgötter in Weiß“ sind hart gelandet. Empfehlen Sie noch ein Medizinstudium?

Frank Ulrich Montgomery: Ich selbst betrachte das Arztsein als den schönsten Beruf der Welt. Kann ich da anderen davon abraten, diesen Beruf zu erlernen? Wer Medizin studieren will, sollte sich freilich über die Perspektiven im Klaren sein. Der Markt ist eng geworden, aber für motivierte, gute Leute ist immer Platz.

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High-Tech-Medizin und leere Kassen, immer öfter Sterbehelfer statt Heiler – das Berufsbild verändert sich radikal. Bereitet das Studium ausreichend darauf vor?

Ein klares Nein! Seit bald zehn Jahren fordern wir eine Modernisierung des Studiums, um die jungen Ärzte nicht nur vom Wissen her, sondern auch psychologisch, mental und praktisch fit fürs Berufsleben zu machen. Das scheitert aber immer wieder an den Ultrakonservativen im Fakultätentag sowie an den Konflikten zwischen Bundestag und Bundesrat.

Nach Schweden und Norwegen ausgewanderte Ärzte erleben die kollegiale Arbeitswelt dort als Befreiung. Schreckt die unsoziale Hackordnung hierzulande nicht gerade leistungsstarke Abiturienten vom Studium ab?

In der Tat ist die feudalistische Hierarchie in den Krankenhäusern abschreckend. Unterstützt wird sie vor allem von den Krankenhausträgern, die ein böses Spiel der Ausbeutung mit den jungen Ärzten spielen. Mit kurzen Vertragsbefristungen, verweigerten Überstundenvergütungen und einer unverantwortlich hohen Dienstdichte üben sie zusätzlichen Druck aus. Das hält gewiss manche Begabte ab, sich für ein Medizinstudium zu entscheiden. Aber: Diese Zustände lassen sich auch nur aufrechterhalten, weil viele Ärzte fast alles mit sich machen lassen. Ein bisschen mehr Zivilcourage könnte manchmal helfen, solche alten Zöpfe abzuschneiden.

Die Beschäftigungsmöglichkeiten im kurativen Bereich verschlechtern sich von Monat zu Monat. Welche Ratschläge haben Sie angesichts dieser Tatsache für Medizinstudenten?

Erstens: Alternativen aufbauen, innerhalb des Faches durch Zusatzqualifikationen wie ?Medizininformatik“, außerhalb durch Zusatzstudien wie ?Krankenhausmanagement“. Zweitens: sich umschauen, ob man nicht ein Medizinstudium in alternativen Berufsfeldern verwenden kann – nicht in der kurativen Medizin, aber doch nahe dran. Drittens: praktisches Jahr und AiP-Zeit intelligent planen, keine Zeit vertun, sondern zielgerichtet auf die eigenen Pläne aufbauen oder im Ausland dazulernen.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.06.2001