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Neverland ist abgebrannt

Von S. Siering, T. Knüwer; Handelsblatt
Michael Jackson ist freigesprochen. Doch gibt es für den König des Pop eine Zukunft außerhalb seiner Plastik-Welt?
SANTA MARIA. Keine Reaktion. Versteinert ist Michael Jacksons Gesicht als die Sprecherin der zwölf Geschworenen den einstigen König des Pop in jedem der zehn Anklagepunkte für nicht schuldig erklärte. Erst als sie das letzte ?not guilty? durch den stillen Saal haucht, beugt sich der 46-Jährige zu seinem Anwalt Thomas Mesererau herüber und umarmt ihn kurz. Unschuldig. Kein Missbrauch eines Minderjährigen, keine Verschwörung mit dem Ziel der Kindesentführung und versuchter Erpressung. Unschuldig. Keine Verführung eines Minderjährigen zum Alkoholkonsum mit dem Ziel, das Opfer gefügig zu machen.Unschuldig.

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Dennoch: Michael Jackson kehrt trotz des klaren juristischen Siegs vor dem Gericht im kalifornischen Santa Maria als gebrochener Mann zu seiner Neverland-Ranch zurück. Künstlerisch wie persönlich setzt sich der Niedergang des einst größten Pop-Stars der Welt unentwegt fort. ?Thriller? (1982) verkaufte sich bis heute über 50 Millionen Mal, ?Bad? (1987) und ?Dangerous? (1991) kommen noch auf rund 28 Millionen Alben. Doch sein letztes, mit viel Tamtam angekündigtes Werk ?Invincible? (2001) floppte mit elf Millionen Verkäufen.Gerüchte kursieren, Jackson stehe vor der Pleite, er könne seine Schulden von mindestens 270 Millionen Dollar nicht mehr bezahlen, 1,5 Millionen Dollar soll er monatlich verbrauchen. ?Blödsinn?, heißt es dann aus seinem Lager: Allein der Musikrechtekatalog mit allen Beatles-Songs, den Jackson 1985 für 48 Millionen Dollar ersteigerte, sei rund eine Milliarde Dollar wert.Ähnlich spekulationsumwoben ist sein Privatleben. Die Ehe mit Elvis-Tochter Lisa Marie Presley scheiterte nach 20 Monaten. Die Heirat mit Krankenschwester Debbie Rowe brachte zwei Kinder hervor, aber die Klatschblätter gifteten: ?Business-Ehe?.Auch sein körperlicher Verfall bot Angriffsfläche. Ein Schwarzer, der weiß sein wollte, eine Nase, die angeblich 100-mal operiert wurde. Auf den Titelseiten-Bildern wirkte Jacksons durch Operationen entstelltes Gesicht wie eine schlechte Maske aus einem billigen Science-Fiction-Film. Und je unmenschlicher sein Aussehen, desto größer die Zweifel, ob er sich noch gesellschaftlichen Zwängen und Regeln unterwirft, ob er zu einer, wie auch immer gearteten Beziehung überhaupt fähig ist. Dem unglaublichen Makel eines drohenden Gerichtsprozesses wegen angeblichen Kindesmissbrauchs im Jahre 1993 konnte er sich noch entziehen. Zwölf Jahre später schaffte er das nicht mehr.Die letzten Bilder von Dienstag zeigen Jacksons schwarzen Van auf der Einfahrt seiner Neverland-Ranch, seines Refugiums. Doch kommt einer wie Michael Jackson, der schon als Fünfjähriger mit seinen Brüdern als Jackson Five auf der Bühne stand, überhaupt irgendwann zur Ruhe? Oder wird sein Management ihn drängen, die Musikwelt noch einmal von sich zu überzeugen, um nicht als potenzieller Kinderschänder in die Annalen der Popgeschichte einzugehen?Fast vergessen sind über dem Prozessgerangel seine Erfolge, die weit über Plattenverkäufe hinausgehen. Ohne Jacksons Videos hätte es Musiksender wie MTV vielleicht nie gegeben. ?Thriller? war die Grundlage für eine neue Form von energiegeladener, fast hektischer Soul-Musik. Seine Choreografien werden noch heute weltweit kopiert. 1985 begeisterte er die USA gemeinsam mit Lionel Ritchie und dem Sog ?We are the World? für die Band-Aid-Aktion. Wenig später gründete er die ?Heal the World?-Stiftung.Jahrelang schmückten sich Hollywood-Stars ? Elizabeth Taylor und Macaulay Culkin zählen zu Jacksons persönlichen Freunden ? und Politiker mit seiner Gesellschaft. So lud Ronald Reagan Jackson ins Weiße Haus ein, als sich dieser 1984 bei einem Unfall mit Feuerwerkskörpern für einen Werbespot schwere Verbrennungen zugezogen hatte. Selbst Präsident George Bush ließ sich mit Jackson noch auf dem Rasen vor dem Weißen Haus fotografieren.Diese Zeiten sind vorbei, spätestens seit dem Prozess. Der merkwürdige Lebensstil, die Vergötterung von Peter Pan, das Übernachten von Minderjährigen im Jackson-Bett und die vielen dunklen Sexgeheimnisse, die während der fünfmonatigen Verhandlung ans Tageslicht gekommen sind, haben einen noch dunkleren Schatten auf das Leben des einstigen King of Pop geworfen.Entgeistert registrierten viele US-Journalisten, dass der Platz vor dem Gericht trotzdem zum Tollhaus wurde, sogar aus Europa und Asien extra Fans anreisten. Vielleicht brauchte es einen Gerichtssaal als Bühne eines moralischen Theaters, um Jackson zurückzuholen auf die Erde ? und in die Herzen seiner Fans.Experten glauben, dass Jackson als Künstler erledigt ist. Ein Comeback wäre ?eine Freak-Show?, meint Walter Yetnikoff, der CBS Records führte, als die Plattenfirma ?Thriller herausbrachte. ?Meiner Meinung nach kann seine Karriere nicht wiederbelebt werden. Ich hoffe aber, dass ich falsch liege.?Vielleicht ist noch was in Las Vegas zu holen. Angeblich soll Multimilliardär und Casino-Hotel-Tycoon Steve Wynn schon angefragt haben, auch er zählt zum Freundeskreis Jacksons. Vom weltweiten Megastar zum Hotelchanteur in Las Vegas: Michael Jackson hat vor Gericht gesiegt ? und doch verloren.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.06.2005