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Neuer HP-Chef ist Gegenteil von Fiorina

Von Jens Eckhard, Handelsblatt
Sein Konterfei mit der langen Nase zierte bislang nicht die Titelseiten von Wirtschaftsmagazinen. Noch nicht, aber das wird sich ändern, wenn Mark Hurd, 48, zum 1. April neuer Chef des amerikanischen High-Tech-Konzerns Hewlett-Packard wird. Dort erwarten ihn heikle Aufgaben.
Mark Hurd
Denn jetzt ist klar: Mark Hurd, 48, wird zum 1. April neuer Chef des amerikanischen High-Tech-Konzerns Hewlett Packard.Nach dem misslungenen Experiment mit Management-Superstar Carly Fiorina an der Konzernspitze wählte der HP-Aufsichtsrat mit Hurd nun einen Managertyp, dem im Vergleich mit seiner geschassten Vorgängerin eher das Image einer grauen Maus anhängt.

Die besten Jobs von allen

Anders als Fiorina, die bei AT&T, Lucent und HP große Sprünge auf der Karriereleiter machte, arbeitete sich Hurd in 25 Jahren beim Elektronikkonzern NCR vom Verkäufer zum Vorstandschef hoch. Während Fiorina HP mit großen strategischen Schritten expandierte, ohne dass die Ertragskraft oder der Aktienkurs davon profitierten, sanierte Hurd in aller Stille die Not leidende NCR innerhalb von nur zwei Jahren.Er sei das genaue Gegenteil von Fiorina, sagt Alan Sonnenfeld von der Yale School of Management. Er hofiere nicht die Finanzpresse, sondern konzentriere sich auf die Führung seines Unternehmens. Für Hewlett Packard sei die Wahl ?brillant?.Geboren wurde Hurd in New York City. Mit einem Tennis-Stipendium studierte er an der Baylor University in Texas und profilierte sich dort als bester Spieler seines Teams. Nach dem Abschluss seines Wirtschaftsstudiums versuchte er sich als Tennis-Profi, erkannte aber schnell, dass daraus keine Karriere für ihn werden würde.1980 heuerte er als Vertreter bei NCR, damals noch National Cash Register, in Texas an. Er erlebte so den Wandel des einstigen Herstellers von Registrierkassen zu einem Elektronik- und Computerkonzern ebenso mit wie die traumatische Übernahme 1991 durch den Telefonriesen AT&T, die NCR fast ruiniert hätte. AT&T kaufte 1992 auch die Datenspeicherfirma Teradata hinzu, integrierte sie in NCR, verbrauchte eine Reihe von Chefs, und gab nach Investitionen und Verlusten in zweistelliger Milliardenhöhe schließlich auf. NCR wurde wieder zu NCR und zusammen mit der heutigen Lucent Technologies 1996 in die Selbstständigkeit entlassen. Für Fiorina war Lucent das Sprungbrett zu HP, für Hurd ist es NCR.Hurd spezialisierte sich bei NCR auf das Geschäft mit der Speicherung und Auswertung großer Datenmengen. 1999 wurde er Leiter der NCR-Tochter Teradata, die er zu einem profitablen Geschäft mit über einer Milliarde Dollar Umsatz entwickelte. 2001 wird er Präsident von NCR, im September 2002 zusätzlich Chief Operating Officer und im März 2003 schließlich als Nachfolger von Lars Nyberg Vorstandschef. Nach Jahren enttäuschender Ergebnisse ist der Kurs der NCR-Aktie zu diesem Zeitpunkt auf dem tiefsten Punkt seit der Entflechtung von AT&T angekommen. 2002 verlor das Unternehmen 220 Millionen Dollar bei 5,6 Milliarden Dollar Umsatz. Innerhalb von zwei Jahren machte Hurd daraus 290 Millionen Dollar Gewinn. Der NCR-Kurs vervierfachte sich.Er habe im Tennis gelernt, sagt er in einem Interview, dass man sofort mit vollem Tempo aufspielen müsse. Der NCR-Aufsichtsrat belohnte sein Tempospiel 2004 mit über zwei Millionen Dollar Gehalt und Bonus. Bei Hewlett Packard erwarten ihn nach einhelliger Expertenmeinung heikle Aufgaben. Fiorina führte HP in neue Bereiche wie die Unterhaltungselektronik und expandierte das Computergeschäft durch die umstrittene Milliardenübernahme von Compaq. Der Konzern wuchs, aber unter dem Druck von Konkurrenten wie Dell, IBM und einer Reihe von Spezialanbietern blieben die Gewinne weit unter den Versprechungen von Fiorina. Unter ihrer Führung verlor HP über die Hälfte des Marktwertes, was zusammen mit ihrer Weigerung, ihre Herrschaft zu teilen, zu ihrer Entlassung führte.Hurd ist erst der zweite Außenseiter an der Spitze der 1939 gegründeten Hewlett Packard. Er kommt von einem Unternehmen, das mit knapp sechs Milliarden Dollar Umsatz und 28 000 Beschäftigten ein Zwerg ist im Vergleich zu den gut 80 Milliarden Dollar an Erlösen und über 150 000 Mitarbeitern bei HP. Mit seinem bewussten Understatement passt er zwar besser in die traditionelle Firmenkultur von HP als Fiorina, aber mit seinen künftigen Entscheidungen wird er kaum Popularitätswettbewerbe gewinnen. Er hat sich bei NCR einen Namen als Kostenkiller gemacht und scheut nicht vor Entlassungen und der umfangreichen Auslagerung von Jobs nach Indien und China zurück. Er wird die diversen Geschäftsfelder von HP arrondieren und sich mit der Forderung nach Abspaltung des nur marginal profitablen Computergeschäfts auseinandersetzen müssen.Der Aufsichtsrat sprach sich bislang öffentlich gegen eine Aufspaltung des Konzerns aus. Analysten sagen, dass der angestammte Druckerbereich, der nur etwa ein Drittel der Erlöse, aber fast drei Viertel der Gewinne erwirtschaftet, als selbstständiges Unternehmen mehr Wert hätte als der heutige Gesamtkonzern. Vyomesh Joshi, der intern hoch angesehene Chef des Druckergeschäftes, hatte sich Hoffnungen auf die Nachfolge von Fiorina gemacht. In der Regel bleiben durchgefallene Kandidaten für den Chefposten in den USA nicht lange bei ihrem alten Unternehmen.Noch im Dezember wiegelte Hurd in einem Fernseh-Interview Lobgesänge auf seine Leistungen bei NCR ab: ?Es bleibt trotz allem noch viel zu tun?, sagte er. Dass er es nicht mehr tun wird, bekam dem Marktwert des Unternehmens schlecht: Der NCR-Kurs fiel nach dem Bekannt werden seines Wechsels um 17 Prozent; die HP-Notierung nahm gleichzeitig um gut 10 Prozent zu.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.03.2005