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Neue Väter braucht das Land

Väteralltag in Deutschland: Wenn Papa abends heimkommt, reicht die Zeit gerade noch für eine Gutenachtgeschichte. Für sein Kind im Job kürzer zu treten, scheitert oft an Geld, Chefs oder gutem Willen. Jetzt macht die Bundesregierung Dampf: Per Gesetz will sie die Männer an den Wickeltisch locken. Wer die Papa-Pause verweigert, verzichtet auf Elterngeld.
Das Herz schlug Alexander Schäfer bis zum Hals. Was er seinem Chef jetzt eröffnen wollte, hatte bei Pirelli, dem Unternehmen mit den heißen Reifen und den noch heißeren Kalendern, noch kein Mann gewagt. Elternzeit wollte er nehmen, ein ganzes Jahr lang. "So aufgeregt war ich zuletzt, als ich um die Hand meiner Frau angehalten habe", lacht der 36-jährige Außendienstleiter. Sein Chef wand sich. "So etwas" passe nicht in die Unternehmenskultur von Pirelli, betonte der Vorgesetzte. Als Privatmann immerhin gratulierte er zu dem mutigen Vorstoß.
Schäfer setzte sich durch: Am 13. April hat er seinen letzten Arbeitstag - von da an wird er nur noch für Finja, 4, Ferdinand, 2 œ, und Julius, 7 Monate, da sein. Die Auszeit, weiß Schäfer, kann ihn seine Karriere kosten. Der Posten des Außendienstleiters wird neu besetzt. Und was sein Arbeitgeber als Ersatz anbietet, steht in den Sternen.
Dennoch: Alexander Schäfer hat sich das Recht ertrotzt, ein aktiver Vater zu sein. Noch ist er Pionier, ein Einzelkämpfer. Doch ab 2007 wird er auf dem Spielplatz wohl nicht mehr allein unter Frauen sein. Um Männern die Kinderbetreuung schmackhaft zu machen, greift Familienministerin Ursula von der Leyen tief in die Staatskasse: Wer für sein Kind aus dem Job aussteigt, soll 67 Prozent seines bisherigen Nettogehalts bekommen. Zwei von zwölf Monaten Elterngeld sind ausdrücklich für Väter reserviert. Nehmen sie die Papa-Pause nicht wahr, verfällt ihr Anspruch auf das Geld

Zum Interview mit Familienministerin Ursula von der Leyen

Revolution von oben
Dass ausgerechnet eine CDU-Ministerin mit dem tradierten Familienbild bricht - er verdient das Geld, sie hütet die Kinder -, jagt Schockwellen durch Politik und Medien: ZDF-Anchorman Claus Kleber spricht von der "Peitsche" für Väter, die Rheinische Post gar von "Freiheitsberaubung". Die Männer, die es angeht, empfinden anders: Auszeit fürs Kind? Na klar! Fast die Hälfte möchte das Angebot der Bundesfamilienministerin nutzen, ein Drittel würde sogar ein ganzes Jahr lang für sein Kind kürzer treten, hat das Institut für Demoskopie Allensbach herausgefunden.
Doch zwischen Träumen und Taten liegen Welten. Gerade mal 4,9 Prozent aller Arbeitnehmer in Elternzeit sind Männer. Die restlichen 95 Prozent haben gute Gründe, warum sie lieber den Frauen das Feld überlassen: Geld, in erster Linie. Einen Einkommensverzicht, und sei es auch nur für zwei Monate, kann oder will Mann sich nicht leisten. Dazu kommt die Furcht vor Karrierebrüchen, Statusverlust oder einfach keine Lust aufs Hausmann-Sein. "Verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre", umschreiben Soziologen wie Ulrich Beck das Phänomen. Wie das aus dem Munde werdender Väter klingt, zeigen die Antworten, die karriere bei einer Umfrage im Geburtsvorbereitungskurs des Evangelischen Krankenhauses Düsseldorf bekam. Von fünf Männern plant nur einer, sich die Betreuung mit seiner Frau zu teilen. Und der ist als Selbstständiger sein eigener Chef.
Per Gesetz will Ursula von der Leyen nun die Väter-Revolution ins Rollen bringen. Das geplante Elterngeld werde jungen Männern in der Arbeitswelt den Rücken stärken, hofft die Ministerin, "denn bisher ist es noch wenig akzeptiert, die Rolle des aktiven Vaters einzunehmen". Ralf Ruhl, Chefredakteur der Väterzeitschrift "Paps", hält die Initiative der Ministerin für ein "enorm wichtiges Signal". Der Rechtsanspruch auf bezahlte Papa-Monate zwinge Arbeitgeber und Väter tatsächlich zum Umdenken: "Männer sind konservativ. Männer tun das, was andere Männer tun: Erst wenn Kollegen, Chefs und Freunde Elternzeit beantragen, werden auch sie mitziehen.

Die besten Jobs von allen


Fast wie Trennung
Vor dem Standesamt Köpenick tanzt ein Paar. Der Akkordeonspieler ist die Idee der Trauzeugin: Braut und Bräutigam sollen an Russland denken, wo sie ein glückliches Jahr verbracht haben. Die Sonne wärmt, obwohl es Ende November ist. Ein paar Klicks in der Systemsteuerung und die Szene wich der Windows-typischen Wiesenlandschaft. Rüdiger von Hennigs letzter Tag im Büro "hatte schon etwas von Trennung, wie bei einer Kündigung", sagt er. "Wäre komisch gewesen, mein Hochzeitsfoto als Hintergrund auf dem Bildschirm zu lassen." Von Hennig hängte eine Zeichnung ab, die sein fünfjähriger Sohn Jarik gemalt hatte, düngte den Ficus, schrieb eine Abwesenheitsnotiz in Outlook und drehte eine letzte Runde durch die Unternehmensberatung in Berlin-Mitte, die am 1. September 2005 zum ersten Mal einen Vater für ein halbes Jahr in Elternzeit entließ. "Bei der Geburt unserer Tochter Daria im Februar freuten sich alle Kollegen und Partner, wir bekamen ein schönes Geschenk", sagt von Hennig. "Aber als ich das Thema Elternzeit ansprach, war es aus mit der ungeteilten Freude. Eine Kollegin platzte heraus: Und wer macht jetzt die Arbeit?" Der Vorgesetzte des 35-jährigen Diplom-Psychologen gestand Monate später, dass ihm der Plan seines Mitarbeiters "einen Stich gegeben" habe. Von Hennig kann das verstehen - einerseits. "Die Berater sind verantwortlich für ihre Projekte", sagt er. "Schert da jemand aus, bedeutet das immer einen Bruch, einen Vertrauensverlust." Andererseits: "Ich bin sicher, das Umfeld hätte anders reagiert, wenn ich eine Mutter wäre." Während seine Frau, eine Juristin, ihren Führungsposten bei einem Verband ausfüllt, schmeißt von Hennig den Haushalt, "ein Vollzeitjob". Die tollen Fotoalben, die er in den ersten zwei Monaten zusammenstellen wollte, liegen noch halbfertig da. Wie es nach der Elternzeit weitergeht, verhandelt von Hennig gerade mit seinem Arbeitgeber. Er möchte seinen Stellenumfang reduzieren, zum Beispiel auf sechs Stunden am Tag, so dass seine Kinder höchstens sieben Stunden betreut werden müssen. "In Berlin bieten die Kindertagesstätten auch neun oder zehn Stunden an, aber das werden meine Frau und ich unseren Kindern nicht zumuten."

Kleinste Geburtenrate der Welt
Wie dringend sich in Deutschland etwas tun muss, zeigt ein Blick auf die Geburtenzahlen, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung gerade veröffentlicht hat: Kein anderes Land weltweit hat so wenige Geburten je 1 000 Einwohner. Statistisch gesehen bringt jede Frau nur noch 1,36 Kinder zur Welt.
Wer das ändern will, muss - so paradox es klingt - mehr Frauen in den Job bringen. So freuen sich in Europa just jene Länder über reichen Kindersegen, in denen besonders viele Frauen arbeiten - Island, Schweden, Norwegen und Finnland. Der Grund liegt nahe: Nur Familien, die finanziell auf sicheren Füßen stehen, leisten sich auch noch ein zweites oder drittes Kind. Dafür braucht es allerdings Väter, die ihren Teil der Familienarbeit übernehmen. Denn die Aussicht, Vollzeitjob und Familie allein zu stemmen, schreckt so manche erfolgreiche Frau vom Kinderkriegen ab.
Die vorbildliche Familienpolitik der skandinavischen Länder beweist auch, dass der Staat mit bezahlten Väter-Monaten tatsächlich neue Verhältnisse schaffen kann: 35 Prozent der Väter in Schweden sind für eine Weile "pappaledig". Noch selbstverständlicher bleiben die Väter in Norwegen (80 Prozent) und Island (85 Prozent) zu Hause.
Hierzulande sind die neuen Väter vor allem in jungen, trendnahen Branchen wie Medien und Werbung auf dem Vormarsch, aber auch unter Selbstständigen und im öffentlichen Dienst, wo die Voraussetzungen dank beruflicher Selbstbestimmung beziehungsweise staatlicher Vorbildfunktion besser sind. Wer dagegen im konservativen Mittelstand oder in Kleinunternehmen seine Vaterrolle ausleben möchte, kassiert oft eine Abfuhr

Vaterfreundliches Consulting
Besonders hoch ist die Quote der Väter in Elternzeit ausgerechnet bei den leistungsorientierten Unternehmensberatungen: Weil Consultants meist in Projekten arbeiten, lässt sich eine Jobpause für sie recht einfach organisieren. Zudem haben die Unternehmen erkannt, dass Top-Leute zunehmend Wert auf Work-Life-Balance legen - und bei der Bewerbung gezielt danach fragen. "Dass Väter rund um die Geburt ihres Kindes eine Auszeit von zwei bis vier Monaten nehmen, hat sich bei uns eingespielt", erzählt Felix Schuler, Senior-Projektleiter bei der Boston Consulting Group. Der Volkswirt war im Februar 2005 zur gleichen Zeit wie seine Frau aus dem Job ausgestiegen. Drei Monate blieben sie mit Sohn Joseph zu Hause und lernten das Elternsein gemeinsam.
Schuler hatte schon einmal zwei Jahre pausiert, als er an seiner Promotion arbeitete. Auch jetzt könnte er wohl eine längere Auszeit durchsetzen, doch die jungen Väter in der Branche lieben es flexibler: "Ein ganzes Jahr Elternzeit zu nehmen, ist eher die Ausnahme. Individuelle Teilzeitlösungen dagegen kommen häufiger vor", berichtet Schuler. "Einige unserer Geschäftsführer haben über längere Zeit hinweg nur 50 Prozent gearbeitet."
Auch anderswo brechen verkrustete Strukturen auf, fordern immer mehr Männer ihr Recht auf Familienzeit ein: "Ich beobachte in den letzten zwei Jahren, dass der Anteil der Männer in meinen Beratungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie zunimmt", sagt Martina Rost, Vorstandsbeauftragte für Chancengleichheit beim Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport. Da kündigt sich ein neuer gesellschaftlicher Trend an, glaubt sie. Peter Döge, Geschlechterforscher beim Berliner Institut für anwendungsorientierte Innovations- und Zukunftsforschung (IAIZ), bestätigt die Vermutung: "Die jüngere Generation von Führungskräften will mehr leben als arbeiten.

Nichts für Feiglinge
Alexander Schäfer will auch endlich leben. Der Pirelli-Manager hat es satt, mehr Zeit auf der Autobahn als bei seinen Kindern zu verbringen. "Bisher war ich der klassische Wochenendpapa, mit 15-Stunden-Tagen und jeder Menge Dienstreisen", erzählt der Betriebswirt, der täglich von Augsburg nach München pendelt. "Meist schaffe ich es gerade so, zur Gutenachtgeschichte zu Hause zu sein." Erst als sich nach Finja und Ferdinand ganz ungeplant noch Julius ankündigte, beschloss Schäfer, in seinem Leben etwas zu ändern und seine Frau in ihrer Karriere zu unterstützen. Die hat gerade ihre Facharztausbildung begonnen und kann es sich nicht leisten, länger als ein halbes Jahr zu pausieren.
Der Weg, den Alexander Schäfer nun einschlägt, ist nichts für Feiglinge. Wer ankündigt, "Ich gehe demnächst in Elternzeit", braucht viel Mut und Selbstbewusstsein. Schließlich hat vom Kollegen über den Fußballkumpel bis hin zur Schwiegermutter jeder eine dezidierte Meinung zu Hausmännern - und sei es auch nur auf Zeit. Vollzeit-Papis müssen reichlich Sprüche einstecken - hämische, skeptische, nur selten bewundernde.
"Wann immer ich erwähne, dass ich nun einige Monate meine Tochter hüte, nehmen die Menschen Haltung an, als hätte ich berichtet, dass ich für mein Vaterland in einen aussichtslosen Krieg ziehe", witzelt der Hamburger Journalist Tillmann Prüfer über die Reaktionen seiner Mitmenschen. "Sie sagen: ,Respekt!' oder ,Toll! Das sind die neuen Väter!'"
Weit mehr als ironische Lobeshymnen aber fürchten Männer mit Familienambitionen den Weichei-Vorwurf ihrer Chefs und Kollegen. "Mein Spitzname ist ,Hausmann'", schrieb verbittert ein Mann, der an der Umfrage "Väter zwischen Karriere und Familie" der IGS Organisationsberatung und MWOnline teilgenommen hat. Teilzeitler müssen sich an ihren Bürotagen anhören: "Na, warst du wieder zwei Tage auf dem Spielplatz?" Noch immer herrscht in deutschen Unternehmen eine ausgeprägte Präsenzkultur: Wer von zu Hause aus arbeitet, wird nicht als Leistungsträger wahrgenommen. Und wer Führungsverantwortung besitzt, arbeitet Vollzeit. Halbe Chefs gibt's nicht.
"Das ist wie im Kasperletheater: Seid ihr alle da?" ätzt Hans-Georg Nelles, Leiter des EU-geförderten Projekts Väter und Karriere, das Unternehmen für das Problem sensibilisieren soll. In solch einem Klima schieben Männer lieber einen Geschäftstermin vor, statt selbstbewusst zu verkünden, dass sie um 17 Uhr ihren Sohn zum Fußball begleiten wollen

Das volle Programm
Als 2003 der Geschäftsführerposten bei der Evangelischen Jugend Schwerin frei wird, rechnen alle damit, dass sich Michael Schmitz auf die Stelle bewirbt. Was sonst? Für den Fachbereichsleiter wäre es der nächste logische Schritt auf der Karrieretreppe. Doch manchmal widersetzen sich auch Männer der Logik des Arbeitsmarktes. Michael Schmitz entscheidet sich für Sohn Lukas-Colva, der zu dieser Zeit das Licht der Welt erblickt. "Keiner hat geglaubt, dass ich das durchziehe", erinnert sich Schmitz. Knapp drei Jahre später arbeitet er wieder 30 Stunden in seinem alten Job. Aufgrund der verringerten Arbeitszeit muss sich Schmitz auf die Führung seiner 13 Mitarbeiter und Projektentwicklung beschränken. "Die Karriere ist durch die Teilzeit schon Einschränkungen unterworfen", merkt Schmitz.
Wie für viele Frauen beantwortete sich die Frage "Kind oder Karriere?" auch für Schmitz fast von selbst. "Meine Frau ist Geschäftsführerin in einem Internet-Unternehmen und hätte sich nicht für ein halbes Jahr aus dem Job verabschieden können. Außerdem verdient sie mehr", erklärt Schmitz. Während die Mutter nach acht Wochen wieder zur Arbeit musste, gönnten sich Vater und Sohn im Erziehungsurlaub das volle Programm: Pekip, Babyschwimmen, Babymassage. "Viele Frauen haben bedauert, dass ihre Männer keine Auszeit nehmen konnten", sagt Schmitz. "Nur während des Stillens saß ich etwas alleine mit der Flasche in der Ecke." Doch nach einem halben Jahr Erziehungsurlaub freute er sich auf Abwechslung, arbeitete 20, später 30 Stunden: "Das Leben zu Hause ist doch anstrengender, als man es sich vorstellt." Seine Erfahrungen flossen in ein Weiterbildungskonzept, das Müttern helfen soll, ihre Kompetenzen als "Leiterin eines kleinen Familienunternehmens" im Beruf einzusetzen. "Heute achte ich bei der Mitarbeiterauswahl darauf, dass auch Mütter darunter sind, auch wenn das für den Arbeitgeber nicht immer einfach ist."

Ausgegrenzt und ausgebremst
Die Furcht vor dem Karriereknick ist durchaus begründet. Zwar hat jeder Arbeitnehmer das Recht auf bis zu drei Jahre Elternzeit - auf dem Papier. Doch sobald ein Mann auf sein Recht pocht, wird er ausgegrenzt und ausgebremst, oftmals ganz subtil: Auf einmal wird er nicht mehr zu Meetings eingeladen; zentrale Entscheidungen laufen an ihm vorbei. So glauben 64 Prozent aller Befragten in der Online-Studie "Väter zwischen Karriere und Familie", dass sich Elternzeit eher negativ auf die Karriere in ihrem Unternehmen auswirkt.
"Ich spürte, dass ich für meinen Professor plötzlich nicht mehr so wichtig war", berichtet auch Jörg Dobers, 37, aus Berlin. Der Biochemiker kümmerte sich während seiner Promotion tagsüber um Tochter Lea Sophie, während seine Frau einen Managementkurs absolvierte. "Mein Prof fragte nur, ob ich vergessen hätte, was er die ganze Zeit für mich getan habe. Das gab schon einen Knacks, und ich hatte das Gefühl, dass es negativen Einfluss auf meine Prüfung hatte."
Heute arbeitet Dobers als medizinisch-wissenschaftlicher Redakteur für Parexel International, ein Unternehmen für Arzneimittelforschung, und erlebt dort eine ganz andere Einstellung zu Familien. "Erfreulich wenig Steine in den Weg gelegt" habe ihm sein Arbeitgeber bei der Elternzeit für seine zweite Tochter. Kein Wunder: Spezialisten wie er sind auf dem Arbeitsmarkt dünn gesät. Um sie zu halten, müssen sich Unternehmen in puncto Familienfreundlichkeit etwas einfallen lassen: "Die Personalabteilung hat mir einen unglaublich flexiblen Vertrag gemacht", freut sich Dobers. "Man hat mir ein komplettes Home Office gestellt. Ob ich dort drei oder 30 Stunden pro Woche arbeite, bleibt mir überlassen.

Wie sag ich's meinem Chef?
Jörg Dobers gehört zu den Glücklichen, denen die Papa-Pause keine beruflichen Nachteile beschert. Doch das Gros der jungen Väter hat mächtig Manschetten davor, es sich mit dem Arbeitgeber zu verscherzen. Zwar bieten fortschrittliche Unternehmen Programme zum Wiedereinstieg nach der Familienpause an. Doch die richten sich hauptsächlich an Frauen. "Für Väter gibt es in den Betrieben kaum Ansprechpartner - auch in den Betriebsräten stecken oft noch alte Rollenklischees", kritisiert Organisationsberater Hans-Georg Nelles. Den neuen Vätern fehlen die Vorbilder.
Vor dem Gespräch mit Chef und Personalabteilung sollte deshalb die Recherche im Internet oder bei Bekannten mit Elternzeit-Erfahrung stehen: Welche Rechte habe ich, welche Schwierigkeiten könnten auf mich zukommen, wie plane ich schon jetzt den Wiedereinstieg? "In dem Moment, wo ich frage: Chef, was bieten Sie mir an? sagt der: nix", warnt Marcus Schmitz. Besser sei es, wenn Väter bereits mit einem detaillierten Plan über Dauer der Auszeit, Arbeit von zu Hause aus und Rückkehrkonzept ins Gespräch gehen. "Auch der Chef hat Ängste", wirbt Schmitz um Verständnis für verstörte Bosse. "Mitarbeiter führen die Diskussion am besten aus der Sicht des Unternehmens - das Wort Win-Win-Situation versteht jeder Vorgesetzte." So können Väter argumentieren, dass ein Entgegenkommen bei der Elternzeit ihre Motivation erhält und sie langfristig ans Unternehmen bindet

Bürgermeisters Auszeit
Wie man Familie und Beruf unter einen Hut bringen kann, hat Achim Exner bereits 1991 demonstriert. Der damalige Oberbürgermeister von Wiesbaden machte Schlagzeilen bis nach Japan, als er für ein halbes Jahr in Vaterschaftsurlaub ging. "Der Ausdruck muss eine Erfindung von Männern sein - mit Urlaub hat das gar nichts zu tun", lacht Exner. In den Vorstandsetagen der örtlichen Unternehmen wurde die Familienauszeit des Stadtoberen mit Naserümpfen aufgenommen. Dabei war Exner in den sechs Monaten keineswegs aus der Welt: Seine Repräsentationspflichten delegierte der SPD-Mann zwar an seinen Stellvertreter. Doch die Abendsitzungen des Magistrats leitete er weiterhin, arbeitete ansonsten Teilzeit von zu Hause aus. "In den meisten Führungspositionen ist so etwas möglich", versichert Exner. Gerade dort gäbe es die technische Ausstattung und Mitarbeiter, um Routinearbeit zu delegieren. Im Büro herumzusitzen sei gar nicht nötig. "Manager werden schließlich für ihren Kopf bezahlt und nicht für ihren Hintern."
Dass der Kopf sogar beim Kinderwagenschieben auf Hochtouren läuft, wissen inzwischen auch die Mitarbeiter des Wiesbadener Bauamts: Immer wenn ihr Rathaus-Chef einen Spaziergang mit seiner Tochter machte, inspizierte er ganz nebenbei die städtischen Baustellen - und machte Druck, die Arbeit zu beschleunigen.
Noch heute ist Exner dankbar für die Erfahrungen, die ihm seine Familien-Auszeit beschert hat: "Wer das als Mann nicht macht, hat etwas versäumt." Auch "Paps"-Chefredakteur Ralf Ruhl betont den Gewinn an Lebensqualität, den die Elternzeit bringt: Bei den meisten Männern habe sich die Beziehung zum Kind stark gefestigt; es entstehe eine tiefere Bindung als sie ein Feierabendvater je aufbauen könne. "Und entgegen aller Befürchtungen sagen viele: Ich hatte längst nicht den Stress und den Druck wie bei der Arbeit.

Mehr Dampf auf den Familienzug
Der Stress könnte allerdings nach einem Jahr kommen - wenn die bezahlte Elternzeit vorüber ist, aber keine Kinderkrippe weit und breit freie Plätze hat. Von Ganztagskindergärten ganz zu schweigen: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kommen auf 100 Kinder in Westdeutschland nur 2,7 Plätze in Tageseinrichtungen. Bis zum Jahr 2010, so plant die Politik, sollen zusätzliche 230 000 Plätze für Kinder unter drei Jahren geschaffen werden. Doch der Ausbau geht mangels kommunaler Mittel nur schleppend voran. Gute Tagesmütter aber sind rar und teuer. Das macht die Rückkehr in den Beruf für Eltern zu einem finanziellen wie organisatorischen Drahtseilakt.
Und den jungen Vätern werden weitere Knüppel zwischen die Beine geworfen. "Die verschiedenen Politikbereiche arbeiten völlig gegeneinander", kritisiert Vaterschaftsexperte Ralf Ruhl. Während die Familienpolitik den Weg frei macht für eine andere Rollenverteilung, baut die Arbeitsmarktpolitik neue Hürden auf. Da wird der Kündigungsschutz beschnitten und der Lohn gekürzt. Von genügend Geld und Planungssicherheit für junge Familien kann keine Rede sein.
Und so zuckelt der Familienzug weiter nur mit halber Kraft durch Deutschland. Vielleicht gewinnt er 2007 ein wenig an Fahrt, wenn Ursula von der Leyen eine Schippe Kohle drauflegt. Doch für die große Aufholjagd wird das Geld kaum reichen. Skandinavien macht vor, wie's besser geht: Dort zahlt der Staat Eltern 80 Prozent ihres bisherigen Nettogehalts. Deutschland dagegen will die Staatskohle bei 67 Prozent deckeln. Ein Drittel Einkommensverlust - für die meisten immer noch zu viel. Väterforscher Peter Döge zeigt sich enttäuscht über die halbherzige Umsetzung einer guten Idee: "Man ist auf halber Strecke stehen geblieben." Zudem befürchtet er, dass das Elterngeld schon bald zum Verschiebebahnhof von Einsparungen werden könnte

Vorbilder verzweifelt gesucht
Es ist also noch ein langer Weg, bis Deutschland tatsächlich "das kinderfreundlichste Land Europas" wird, wie Gerhard Schröder vor zwei Jahren großspurig ankündigte. Dazu braucht es eine gemeinsame Anstrengung aller Politikressorts und Unternehmen, die Familienförderung zu ihrer Sache machen - und mutige Männer wie Alexander Schäfer, der jetzt bei Pirelli als erster Vater in Elternzeit geht. Und zwar mit Begeisterung - auch wenn das knappere Geld nicht mal mehr für eine Putzfrau reicht. Und weil ein Manager wie Schäfer nicht einfach so aus seiner Haut kann, sieht er's ganz geschäftlich: "Ich betrachte die Zeit mit meinen Kindern als eine Art Weiterbildungsmaßnahme." Seine Kollegen haben ihm versichert, wie toll sie seine Entscheidung finden. Sogar die Männer. Insgeheim, so glaubt Schäfer, beneiden sie ihn sogar: "Viele würden das auch gerne machen. Sie trauen sich nur nicht.

Vater - und dann? Wie werdende Väter die Betreuung ihres Kindes organisieren wollen

Frank Behler, 34, Kundenberater
Meine Frau wird erst mal für ein Jahr aus dem Beruf aussteigen. Sie ist Lehrerin, das macht es für sie leichter als für mich, später wieder einzusteigen. Der finanzielle Aspekt spielt für uns eine geringere Rolle, weil wir beide ungefähr gleich viel verdienen. In meinem Unternehmen kenne ich keinen Mann, der in Elternzeit gegangen ist. Grundsätzlich vorstellen kann ich es mir schon, selbst mal für eine Weile auszusetzen. Das Elterngeld halte ich für eine gute Sache. Aber dass man hier einen Zwang für Väter eingebaut hat, in Elternzeit zu gehen, gefällt mir nicht. Das soll jede Familie mit sich selbst ausmachen

Florian Haferkorn, 26, Bankkaufmann
Wer die Betreuung unseres Kindes übernimmt, darüber haben wir am meisten diskutiert. Meine Freundin macht gerade eine Ausbildung bei der Sparkasse, da kann sie natürlich kaum Elternzeit nehmen. Aber sie verdient nicht viel, also muss ich erst mal weiterarbeiten. Wir machen es jetzt so: Ich lege meinen gesamten Jahresurlaub in die zweite Jahreshälfte und kümmere mich in dieser Zeit um unser Kind. Wenn ich keinen Urlaub habe, hilft meine Mutter. Da darf nicht viel dazwischenkommen, sonst haben wir ein Problem. Nach der Ausbildung wird meine Freundin dann in Elternzeit gehen. Ich würde sehr gerne auch mal länger für mein Kind aus dem Job aussteigen

Michael Bokemüller, 42, Mathematiker
Klar würde ich gerne viel Zeit mit meinem Kind verbringen - aber das wäre unrealistisch. Für mich wäre es schwieriger, in Elternzeit zu gehen, als für meine Frau; ich würde auch dann nicht aussetzen, wenn ich Elterngeld bekäme. Sie möchte nach vier oder fünf Monaten als Teilzeitkraft in ihren Job in der Personalabteilung der Uni-Klinik zurückkehren. Zum Glück bietet mein Arbeitgeber - eine Versicherung - eine Krabbelgruppe für Kinder ab dem vierten Monat an. Dahin werde ich meine Tochter an drei Vormittagen die Woche bringen, damit meine Frau arbeiten kann.

Karsten Paeth, 32, Elektroingenieur
Für die Entwicklung eines Kindes ist auch die finanzielle Sicherheit von großer Bedeutung. Da ich beruflich besser gestellt bin als meine Frau, wird sie sich erst mal für mindestens sechs Monate ausschließlich um das Kind kümmern. In gewissen Berufen ist es wegen der Karrieremöglichkeiten noch sehr schwierig, dass Männer für die Familie aussetzen. Das ist eine Konsequenz der heutigen Leistungsgesellschaft. Ich fühle mich als Ernährer meiner Familie, und ich glaube, dass die meisten Väter das ähnlich sehen. Die Idee von der Elternzeit für Männer ist zwar vom Ansatz her gut. Ich hätte mir aber gewünscht, dass man die dafür vorgesehenen Gelder lieber in die Bildung investiert. Denn die wird für die Kinder später von größter Bedeutung sein

Arno Hoffmann, 41, Selbstständig
Wir sind beide selbstständig und arbeiten momentan von morgens bis abends, oft auch samstags und sonntags. Fest steht, dass wir die Kinderbetreuung irgendwie aufteilen werden. Darüber brauchten wir gar nicht zu diskutieren. Für mich ist es selbstverständlich, dass ich die Betreuung mit übernehme. Ich mag keinem Schema folgen, das andere für richtig halten. Und wenn blöde Bemerkungen kommen sollten, kann ich damit leben. Wie das finanziell gehen soll, wissen wir jetzt noch nicht. Deshalb finde ich es sehr schade, dass es das Elterngeld nicht auch für Selbstständige gibt. In meinem Umfeld grassiert die Kinderlosigkeit wie eine Krankheit. Das liegt am langen Studium, an der langen Ausbildung - es ist einfach ein finanzielles und zeitliches Problem.

Der moderne Mann und ich
Wenn ich nicht müsste, würde auch ich meinen Namen nicht nennen. Warum? Alle Väter, die ich fragte, warum sie für ihre Familie keine Auszeit nehmen, wollten anonym bleiben. Ich verstehe das. Ich verstehe, warum kein Mann darüber in aller Öffentlichkeit sprechen will. Das Thema ist peinlich. Welcher Mann will schon zugeben, dass er ein moderner, familienpräsenter Vater sein möchte, aber trotzdem beruflich die Riesenkarriere anstrebt. Beides zu verbinden ist unmöglich.
In dem Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe, ruft meine jüngste Tochter unaufhörlich: "Hör mal jetzt zu, Papa", "Guck mal, eine Krone". Die Zweieinhalbjährige hält sich einen Kerzenleuchter auf den Kopf. "Schreibst du auf dem Putia?" Sie meint den Computer. "Was machst du denn für Quatsche?" Dann reißt sie mir den USB-Stick aus dem Putia. Und freut sich. Ich, der moderne Mann, schwitze. Meine Frau sieht mich. Ich erwarte von ihr, dass sie das Kind endlich aus meiner heiligen Arbeitsatmosphäre entfernt. Doch sie rührt sich nicht. Sie ist müde von einem langen Arbeitstag. Als Mutter, Hausfrau und als freie Illustratorin. Ich bin froh, dass ich tagsüber im Büro sein kann, keine Kinder hüten muss und sage deswegen nichts.
"Hör mal jetzt zu, Papa ", ruft unsere Kleine wieder. Die große Tochter schläft schon. "Wo ist der Schtick?", fragt sie und klettert um den Putia herum. Meine Frau schmiert sich Bio-Lifting-Creme ins Gesicht und überlegt, wer morgen für die Kinder da ist, während sie einer Jobabgabe hinterherhechelt. Ich grübele, wie ich jemals auf die Idee kommen konnte, bei meinem Chef um Teilzeit zu bitten. Mir würde doch zu Hause gar nichts mehr gelingen. Ich wäre nach spätestens zehn Stunden mit den süßen Kleinen restlos genervt.
Gott sei Dank war mein Chef wenig beeindruckt von meinem Plan, einen Tag pro Woche weniger zu arbeiten. Solche Modelle liefen oft darauf hinaus, dass man den gleichen Job dann in vier Tagen machen würde, sagte er. Als ich vorschlug, drei Tage die Woche zu arbeiten, fragte er, ob ich mir das wirklich leisten wolle.
Meine Frau hält meinen Chef nun für einen naseweisen Schnösel. Ich habe es ihm natürlich nicht gesagt. Ich hoffe immer noch, dass er und der Verlag mir endlich eine Gehaltserhöhung geben. Wenn die wüssten, dass ich es bin, der morgens der Familie das Frühstück macht, abends die Schularbeiten der Großen kontrolliert und der Kleinen zum 2.000sten Mal erklärt, dass der Gorilla Donald Duck nicht fressen wird, würden sie mein Potenzial sicher erkennen. Alle reden immer von der Supermami als der Supermanagerin. Väter können es auch sein. Nur müssen sie dann wohl auf die Gehaltserhöhung verzichten.
Die Kleine stört nun unerträglich. Ich greife zum letzten Mittel meiner väterlichen Autorität. Ich sage ihr, wenn sie jetzt nicht ins Bett geht, werde ich es sein, der sie ins Bett bringt. Und nicht die Mama. Die Kleine versteht. "Okeee", sagt sie schnell und verschwindet. Na, geht doch.?

Martin Roos (Redakteur bei karriere)

Auszeit per Gesetz: Das ändert sich 2007

Neues Elterngeld
Berufstätige, die nach der Geburt ihres Kindes zu Hause bleiben (Elternzeit), sollen für den Einkommensverlust entschädigt werden. 67 Prozent des bisherigen Nettoeinkommens - aber maximal 1 800 Euro - zahlt der Staat dem Elternteil, der aus dem Beruf aussteigt oder weniger arbeitet. Bis zu 30 Stunden Teilzeitarbeit während der Elternzeit sind möglich. Die Regelung gilt für Ehepaare und Unverheiratete. Das Elterngeld wird zwölf Monate lang gezahlt, kann aber auf bis zu zwei Jahre ausgedehnt werden. Zwei Monate bleiben dem Vater, zwei der Mutter vorbehalten. Nimmt einer das Angebot nicht in Anspruch, gibt es für diese zwei Monate auch kein Geld. Eltern mit geringem Einkommen oder ohne Erwerbstätigkeit (z.B. Hausfrauen) erhalten eine Mindestleistung, die so hoch ist wie das bisherige sechsmonatige Erziehungsgeld.

Kinderbetreuung absetzbar
Doppelverdiener und Alleinerziehende können zwei Drittel ihrer Betreuungskosten für Kinder bis 14 Jahre von der Steuer absetzen - maximal 4 000 Euro im Jahr. Bei Paaren mit nur einem Verdiener gilt dies nur für Kinder zwischen drei und sechs Jahren. Außerdem können Eltern die Kosten für Haushaltshilfen geltend machen: Auf Minijob-Basis sind zehn Prozent (maximal 510 Euro) absetzbar, bei einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung zwölf Prozent (maximal 2 400 Euro). Nutzen die Eltern freie Dienstleister, etwa eine Putzhilfe, lassen sich 20 Prozent absetzen, höchstens aber 600 Euro

Dieser Artikel ist erschienen am 11.05.2006