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Neue Partitur

Von Georg Weishaupt
Für deutsche Klaviermarken sind die Zeiten rauer geworden. Billigprodukte aus Korea, Indonesien und China überschwemmen den deutschen Markt. Mit billigen Pianos aus China versucht Bechstein-Chef Karl Schulze, die weltberühmte Klaviermarke zu retten.
Deusche Klavierbauer haben es schwer. Foto: dpa
HB BERLIN. Eine Etage tiefer geht es weniger glanzvoll zu. Vorbei an einem Archiv gelangt man in ein langes Großraumbüro. Am Kopfende steht der Schreibtisch von Karl Schulze. Der Chef hat seine wenigen Mitarbeiter stets alle im Blick.?Ja, wir haben nicht die üblichen Hühnerställe, sondern flache Hierarchien, keine einzige Sekretärin und keine Telefonistin?, erläutert der Vorstandschef und Mitinhaber der C. Bechstein Pianofortefabrik AG auf seine leicht schnoddrige Art den Sparkurs in der Firmenzentrale der berühmten Klavier- und Flügelmarke.

Die besten Jobs von allen

Traditionshudelei ? auf Bechstein spielten schon Komponisten wie Franz Liszt und Claude Debussy und Pianisten wie Vladimir Ashkenazy ? kann sich Schulze schon lange nicht mehr leisten, wenn seine Firma mit dem klangvollen Namen und den noch klangvolleren Produkten überdauern soll. Dafür leitet Schulze in dieser Woche auf der Frankfurter Musikmesse eine neue Ära für Bechstein ein: Das Klavier Marke ?Wilhelm Steinmann? wurde in Schanghai, China, gebaut und ist für unter 3000 Euro zu haben.China? Kommen Bechstein-Flügel bald alle aus China? ?Nein, um Himmelswillen?, entgegnet Schulze und versichert, dass das Flaggschiff ?C. Bechstein? und schlichtere Marken wie ?Bechstein Academy? und ?Zimmermann? weiterhin im Traditionswerk im sächsischen Seifhennersdorf gebaut werden.Für deutsche Klaviermarken wie Bechstein, Schimmel und Blüthner sind die Zeiten rauer geworden. Billigprodukte aus Korea, Indonesien und China überschwemmen den deutschen Markt. Im vergangenen Jahr stammten zwei Drittel der hier verkauften etwa 16 000 Klaviere und Flügel von Auslandsfirmen, angeführt von Yamaha aus Japan.In diesem Verdrängungswettbewerb muss Schulze die Kosten für Verwaltung und Fertigung drücken und neue Märkte wie China erobern. Deshalb ist der groß gewachsene 56-Jährige bis zu 200 Tage pro Jahr unterwegs zu Händlern und Werken in Tschechien, Indonesien, Korea und China. Da kümmert sich der ausgebildete Klavierbauer und Betriebswirt darum, dass die hohen Qualitätsanforderungen der Traditionsfirma stimmen ? und dass die Kosten im Rahmen bleiben.Längst lässt Schulze die Einsteigermarke ?Euterpe? in Indonesien und die Mittelklassemarke ?W. Hoffmann? in Tschechien bauen. In zwei Jahren will er in Schanghai Klaviere der Marke ?Bechstein Academy? fertigen ? ?aber nur für den chinesischen Markt?.Was wie ein gefährlicher Spagat anmutet zwischen der Topmarke Bechstein und den Billigablegern, verteidigt Schulze mit einer Komplettanbieterstrategie: ?Wir wollen jedem Kunden, auch dem Einsteiger, ein passendes Instrument anbieten und ihn so ans Haus binden.?Mancher in der Branche sieht die Strategie Schulzes kritisch. ?Kunden können nur schwer erkennen, was sie eigentlich für ein Instrument kaufen?, sagt etwa Christian Blüthner-Haessler, geschäftsführender Gesellschafter vom langjährigen Konkurrenten aus Leipzig und Vorsitzender des Fachverbandes Deutsche Klavierindustrie.Schulze ficht das nicht an. Seit der gebürtige Oldenburger 1986 seine drei Klaviergeschäfte in Norddeutschland verkaufte und bei Bechstein einstieg, lebt er für die Nobelmarke. Seine Frau Berenice Küpper leitet das Marketing. Seinen Hund hat er ?Bechstein? getauft.Seine Hingabe ließ ihn durchhalten, denn zu Beginn musste er kräftig aufräumen. Er legte die drei Werke des 1853 gegründeten Unternehmens in Berlin zusammen und kaufte zu, wie nach der deutschen Vereinigung die Sächsische Pianofortefabrik (?Zimmermann?).All das reichte nicht. 1993 stellt Schulze einen Insolvenzantrag, um ?die Firma leichter sanieren zu können?. Das bringt ihm zwar den Ruf ein, ?mit allen Wassern gewaschen? zu sein, wie sich ein Kritiker mokiert. Doch die Sanierung gelingt.Schulze fasst die deutsche Fertigung im sächsischen Werk zusammen. 2003 verbessert er über eine Überkreuzbeteiligung mit dem koreanischen Musikkonzern Samick die Kapitaldecke von Bechstein. Samick hält 48 Prozent an Bechstein, Schulze 15 Prozent an Samick.Seine Bilanz: Seit 2002 ist der Umsatz nach eigenen Angaben gestiegen, zuletzt von 23,5 auf 25,6 Millionen Euro. Mit 230 Mitarbeitern erzielte Bechstein vergangenes Jahr einen Jahresüberschuss von einer Millionen Euro. 4500 bis 5000 Instrumente pro Jahr verkauft Bechstein, zwei Drittel davon in Deutschland.Bechstein ist wieder wer ? dank Schulze. Dessen Finanzvorstand Karl-Heinz Geishecker beschreibt seinen Chef als ?Unternehmer alter Schule, der eine Vision hat, die er pragmatisch umsetzt?. Schulzes großer Trumpf sei sein gutes Verhältnis zur Belegschaft. 2004 versammelte Schulze seine Mannen in Sachsen und erklärte ihnen mit einer flammenden Rede, warum zehn Mitarbeiter gehen mussten. Geishecker: ?Da fehlte nur noch, dass die am Schluss applaudiert hätten.?
Dieser Artikel ist erschienen am 07.04.2005