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Neue Liebe zu den eigenen Juristen

Von Lars Reppesgaard
Wer als Jurist nicht in eine Großkanzlei einsteigt, kann auch in Rechtsabteilungen großer Unternehmen gut verdienen. Zwar können die Gehälter der Konzernjuristen nicht mit den Salären der Partner großer Sozietäten mithalten. Aber die Syndikjuristen werden inzwischen auch ganz ordentlich entlohnt.
BMW-Zentrale in München: Beim bayerischen Autobauer sind Hausjuristen eine Mischung aus Verhandlungsexperten, Fusionsmanagern und Rechtsratgebern. Foto: dpa
?Sie können nicht mit den Top-Verdienern in den Top-Kanzleien mithalten, aber sie verdienen viel, viel mehr als das Gros der Rechtsanwälte und sind in der Hierarchie der Unternehmen finanziell im oberen Drittel angesiedelt?, fasst Tim Böger, Chef der Hamburger Vergütungsberatung Personalmarkt, die die Gehälter von 851 Konzernjuristen verglich, zusammen.Im Schnitt bekommt ein Konzernjurist 67 000 Euro, mancher Kanzlei-Partner aber sechsstellige Jahresbeträge. Bei weiblichen Juristen sind es noch einmal 10 000 Euro weniger. Von Gleichberechtigung kann auch in diesem Berufszweig keine Rede sein. Dafür bietet die Position als Syndikus immer mehr Perspektiven, denn die Arbeit wird immer abwechslungsreicher. Kein Syndikus muss mehr befürchten, in irgendeiner dunklen Stube Jahr ums Jahr sich allein mit trockenem Vertragsrecht beschäftigen zu müssen und erst kurz vor der Unterzeichnung eines Deals zu Rate gezogen zu werden. ?Früher galten in vielen Firmen die eigenen Juristen als Leute, die nur Scherereien machen, weil sie einem sagen, was man alles nicht darf?, berichtet Ulrich Tödtmann, Vorstand der MVV Verkehr AG in Mannheim. ?Heute denkt fast keiner mehr so.?

Die besten Jobs von allen

Die Syndizi von heute mischen sich ein. ?Wir sehen die Juristen als Rechtsmanager?, sagt Jürgen Reul, der bei der BMW Group als Leiter der Hauptabteilung Rechtsangelegenheiten für Auslands- und Gesellschaftsrecht verantwortlich ist. ?Wir erwarten, dass wir früh in die Projekte einbezogen werden und sie gemeinsam mit den Fachabteilungen abarbeiten.?Die Hausjuristen sind nicht nur bei BMW eine Mischung aus Verhandlungsexperten, Fusionsmanagern und Rechtsratgeber. Die meisten Firmen haben erkannt, dass es sich auszahlt, schon in frühen Projektphasen oder bei der ersten Konzeption einer Übernahme oder eines Unternehmensumbaus die Syndizi einzuschalten und ihr Know-how abzufragen. ?Es gibt mehr Kommunikation im Vorfeld von Transaktionen?, beobachtet Tödtmann. ?Man steigt nicht beim allerersten Brainstorming ein, aber sobald das Grobkonzept für ein Vorhaben steht, erfolgt eigentlich immer ein Anruf bei den Rechtsfachleuten.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wo die Syndizis am besten verdienen.20 Juristen arbeiten in der BMW-Konzernrechtsabteilung. Sie begleiten Kooperationen wie das Joint Venture mit dem chinesischen Autobauer Brilliance oder die Zusammenarbeit von General Motors, Dailer-Chrysler und BMW bei der Entwicklung von Hybridmotoren. Bei solchen Projekten stellen sich viele Fragen rund um das Patent- und Urheberrecht, zudem ist Expertise im Vertragsrecht gefragt. Auch bei Fusionen sind die Syndizi im Einsatz ? oder wenn es um den Verkauf von Unternehmensteilen geht. Reul etwa war an der Abtrennung Rovers von BMW vor sechs Jahren beteiligt. Während die Marke Mini im Konzern blieb, wurde die Geländewagensparte Land Rover an Ford verkauft. Rover Cars und MG übernahm schließlich eine private Investorengruppe. ?Wir mussten zunächst für alle Teile analysieren, in wie weit die BMW AG mit Rover sachlich und rechtlich verbunden war?, erinnert er sich. ?Wir überlegten, welche Unternehmensteile man an wen übertragen, welche Verträge man kündigen und welche man neu schließen musste. Wir haben Umweltrisiken überprüft, Arbeits- und Lizenzrechtsfragen geklärt, die Trennung der IT-Systeme begleitet und die Unternehmenskaufverträge verhandelt.?Die Syndizi in der Automobilindustrie verdienen am besten. Sie bekommen jährlich im Schnitt 71 000 Euro. In Pharmaunternehmen gibt es rund 66 000 Euro. Am unteren Ende der Skala sind Juristen in der Öffentlichen Verwaltung und im Gesundheitswesen mit unter 50 000 Euro Verdienst.BMW wirbt offensiv um die Besten jedes Abschlussjahrgangs ? ein Klientel, das auch die großen, internationalen Kanzleien im Visier haben. Interessant ist die Arbeit in den Konzernen für viele der Top-Absolventen auch deshalb, weil die Aussichten, in einer großen Kanzlei Partner zu werden und damit in die obersten Einkommensbereich vorzustoßen, heute gering ist. Doch in den Konzernen verdienen junge Juristen nicht nur weniger Geld, sondern haben auch weniger klar vorgezeichnete Aufstiegsmodelle und Karrierewege als in den Großkanzleien. ?Wer in den Unternehmen in einer Rechtsabteilung anfängt, hat nicht automatisch die Chance, ihr Leiter zu werden. Dagegen ist der Weg vom Einsteiger zum Partner in den Kanzleien theoretisch klar vorgezeichnet ist?, sagt Astrid Tostmann, Headhunterin bei der Unternehmensberatung Heidrick & Struggles in Frankfurt und spezialisiert auf Juristen. ?In vielen Unternehmen wird das so genannte Talent Management stiefmütterlich behandelt?, sieht Astrid Tostmann.Dass ein Konzernjurist wie Tödtmann in einem Unternehmen ganz nach oben kommt, ist nach wie vor die Ausnahme. Er hatte zuvor MVV geholfen, die alte Stabsabteilung des öffentlichen Verkehrsbetriebes in eine modernisierte, teilprivatisierte Rechtsabteilung umzuwandeln, die den heute börsennotierten Konzern optimal unterstützt. Doch nur wenige Juristen bekommen bei ihrer Arbeit in diesem Maß die Chance, sich nicht nur als Fachmann, sondern auch als Gestalter und Manager zu bewähren. ?Es ist deshalb heute ungewöhnlich, dass es Juristen bis in den Vorstand schaffen?, sagt Personalexperte Tim Böger. Haben sie sich doch den Ruf als ewige Bedenkenträger oder Bremser über Jahrzehnte erarbeitet.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Überdurchschnittliche Arbeit wird nur selten mit Boni honoriert, dafür hat die Arbeit in der Konzernen aber einen anderen Vorteil. Die Unternehmen stehen also vor der Herausforderung, Karriere- und auch Vergütungsmodelle zu entwickeln, die einen Job als Syndikus auch dann noch attraktiv machen, wenn die Aussichten, in einer Kanzlei Partner zu werden, eines Tages wieder besser werden sollten. Tostmann: ?Langfristig muss sich die Vergütungsstruktur für Juristen bis hin zur Führungsebene, also auch für die Leiter von Rechtsabteilungen, stärker am Leistungsprinzip orientieren.?Dass konzeptionelle Bestleistungen oder kluge Verträge durch Boni besonders honoriert werden, ist derzeit in den Firmen nur selten der Fall. Variable Gehaltsbestandteile, die den Verdienst bei Spitzenleistungen explodieren lassen könnten, machen nur im geringen Maße das Einkommen der Syndizi aus.Dafür hat die Arbeit in der Konzernen aber einen anderen Vorteil: Das Gehalt zieht immerhin verlässlich an. Berufseinsteiger können im Schnitt mit 42 000 Euro rechnen. Je nach Firma können es auch 47 000 Euro werden. Nach zehn Jahren im Beruf wird daraus ein Einkommen von durchschnittlich über 80 000 Euro im Jahr. Bei gut zahlenden Branchen lassen sich Gehälter von 94 000 Euro erzielen.?In anderen Fachrichtungen dauert es viel länger, bis sich das Gehalt verdoppelt?, vergleicht Gehälterprofi Böger. Zum Vergleich: ?Ingenieure steigen etwa bei 38 000 ein und bekommen nach zehn Berufsjahren rund 57  000 Euro.? Juristinnen in Unternehmen verdienen immer schlechter als männlichen Kollegen: Einen Abschlag von mindestens 17 Prozent müssen sie von Anfang an hinnehmen, später sind es noch 14 Prozent.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.12.2006