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Neue deutsche Winzer

Lange galt der Riesling als Wein, den nur Oma und Opa liebten. Inzwischen wird er sogar wieder in den Top-Restaurants New Yorks getrunken. Das liegt nicht nur an seiner Qualität, sondern auch an der Generation junger Winzer, die in Rheinhessen eine neue Aufbruchstimmung verbreitet. In dem kleinen rheinhessischen Örtchen Westhofen steht Philipp Wittmann, jung, in Jeans und Designerpullover, der Blick entschlossen, der Handgriff fest, der ganze Kerl irgendwie gut aussehend. Unternehmensberater müsste der werden. Oder Chef einer Werbeagentur. Derivatehändler auf Urlaub würde auch passen. Alles falsch.
Natürlich ist ein Winzer alt. Seine Nase ist knollig und ein bisschen rot, seine Wangen übersät von geplatzten Äderchen, die Hände knorrig, der Gang müde. Nur sein Lächeln ist breit, seine Stimmung fröhlich. Klar, so ein Winzer arbeitet in der Natur, gottgesegnet, weindurchtränkt.
Und dann steht da auf einmal in dem kleinen rheinhessischen Örtchen Westhofen Philipp Wittmann, jung, in Jeans und Designerpullover, der Blick entschlossen, der Handgriff fest, der ganze Kerl irgendwie gut aussehend. Unternehmensberater müsste der werden. Oder Chef einer Werbeagentur. Derivatehändler auf Urlaub würde auch passen. Alles falsch. Tatsächlich ist der 31-Jährige Repräsentant einer neuen Winzer-Generation: "Message in a bottle" nennt sich die Gruppe von 20 jungen Weinanbauern, die Rheinhessens Riesling von seinem biederen Image befreien wollen. Und die anderen Weine gleich mit

Ein Touch Toscana
In Wittmanns Garten neben der alten Kelterei wachsen Olivenbäume, Palmen, australische Farne und Zypressen - ein Klima fast wie in der Toskana, trocken und heiß. Und auch Wittmanns Weinberg liegt vorteilhaft: Der Westhofener Morstein zwischen Alzey und Worms ist eine reine Südlage, deren schwerer Tonboden die Wasserversorgung garantiert. Ein hoher Anteil an verwittertem Kalkstein sorgt für rassige Frucht und mineralische Struktur. "Das soll man im Wein schmecken", sagt Philipp. 50 Prozent seiner Weine sind Riesling.
Das 25 Hektar große Weingut, seit 1663 in Familienbesitz, gilt als einer der besten nach ökologischen Richtlinien arbeitenden Betriebe in Rheinhessen. Während sein Vater Günter sich heute nur noch um die Weinberge kümmert, arbeitet Philipp vor allem im Keller und überwacht sämtliche Prozesse von der Ernte über die Gärung bis zur Abfüllung. "Um die Qualität zu verbessern, drehen wir an jedem Schräubchen", sagt der Junior - im Gegensatz zu den meisten Großkeltereien werden bei Wittmanns die Erträge ausgedünnt, so dass die restlichen Trauben mehr Platz zur Reife erhalten. Zudem bindet Philipp die einzelnen Reben nach oben, damit sie mehr Luft und Licht bekommen.

Die besten Jobs von allen


"Geerntet wird, wenn Geschmack und Zuckergehalt stimmen - von Oktober bis Mitte November", meint der junge Winzer. In Edelstahlfässern und in traditionellen Holzfudern werden die Weine ausgebaut. Für die besten Roten stehen auch einige Barrique-Fässer bereit - in Gewölben, die noch teilweise zu den uralten Gängen gehören, die die Westhofener im Dreißigjährigen Krieg als unterirdische Fluchtwege zur Kirche des Dorfes gebaut haben.
Aber trotz aller Naturverbundenheit: Romantisch ist die Arbeit des Winzers nicht - während der Ernte arbeitet Philipp bis zu 16 Stunden täglich. Dazu die Arbeit im Büro: Buchhaltung, Marketing, Vertrieb. Ohne seine Familie und acht Saisonarbeiter ginge auf dem Weingut gar nichts.
Wittmann und die übrigen 19 Mitglieder von "Message in a bottle" wollen die Region nach vorne bringen. Ihre Botschaft: Deutscher Wein ist nicht altbacken, sondern spritzig und dynamisch. "Wir wollen dem Riesling wieder zu der Größe verhelfen, die er vor hundert Jahren hatte", erklärt Philipp. Denn eins steht für ihn fest: "Einen wirklich guten Tropfen zu trinken, ist einfach ein geiles Gefühl.

Lange hat der Riesling nach dem Zweiten Weltkrieg unter der Massenproduktion gelitten. "Die Industrieware hat sich immer weiter von der Traube entfernt", sagt Klaus-Peter Keller, Mitglied der Gruppe "Message in a bottle" und Winzer in Flörsheim-Dalsheim, fünf Autominuten von Westhofen entfernt. "Wir jungen Winzer aber wollen ganz dicht an der Traube dran sein." Für sie ist industrielle Fertigung und Weindesign, wie es vor allem im Ausland praktiziert wird, ein Tabu. Für sie zählt nur Handarbeit. Erst sie garantiere Qualität

"Man muss schon fanatischer Winzer sein, um gegen die industrielle Fertigung bestehen zu können", meint der 31-jährige Keller. Und er weiß, was Fanatismus ist. Seine Pflege der Weinberge bezeichnet er als "absolut pedantisch". Sooft wie er tatsächlich im Weinberg ist, könnte man ihm zutrauen, dass er alle seine Rebstöcke mit Vornamen kennt. Er hütet sie wie einen großen Schatz: Um auf chemische Mittel zu verzichten, hat er vor jede Rebzeile einen Rosenstrauch gesetzt - die empfindlichen Rosen sind sein Indikator, um Krankheiten, wie zum Beispiel Mehltaupilz, frühzeitig zu erkennen - und selbst dann wird höchstens Kupfer oder Schwefel gespritzt.

Dass der Riesling im Kommen sei, zeige sich vor allem am großen Interesse des amerikanischen und französischen Fachpublikums, meint Keller. Deutsche Weißweine seien im internationalen Vergleich moderater im Alkoholgehalt, vor allem der Riesling passe gut zu Fisch und asiatischer Küche. Keller ist sich sicher: "Erst wenn der Riesling im Ausland wieder etwas wert ist, reagieren die Deutschen. Die wollen ihren Geschmack stets vorgeschrieben bekommen."
Aber woran unterscheidet denn nun der Laie den handwerklichen vom Massen-Riesling? Für Keller eine glasklare Angelegenheit: "Wenn die Flasche schnell leer ist und man dann noch eine trinken will, war der Wein gut.

Winzerschmiede Geisenheim
Wittmann und Keller haben wie die meisten Winzer, die in Deutschland eine Topausbildung absolvieren, in Geisenheim studiert - der Kaderschmiede für den Weinnachwuchs. Doch auch wenn beide auf einem Weingut groß geworden sind, der Rebensaft ihnen wie Muttermilch gereicht wurde und sie Praktika auf Weingütern in Frankreich und Südafrika absolviert haben: Als Königsweg, um ein erfolgreicher Winzer zu werden, sehen sie ihre privilegierten Lebensläufe nicht. "Nicht jeder muss studiert haben. Es gibt viele sehr gute Quereinsteiger in dem Beruf. Wein machen ist im Grunde Gefühlssache", erklärt Keller.
Wer jedoch dann den Weg des Winzers geht, "entscheidet sich nicht für einen Beruf, sondern für eine Lebenseinstellung", meint Wittmann. Man widme seinen Alltag dem Weinberg und dem Keller. Auch die Familie habe sich dem "Leben für den Wein" zu beugen. Kein Wunder, dass Wittmann und Keller mit Frauen liiert sind, die aus Winzerfamilien kommen

Riesling zur Beruhigung
120.000 Flaschen verkauft Keller im Jahr, Wittmann sogar noch 30.000 mehr - die meisten nach Japan und in die USA zum Stückpreis zwischen sieben und 25 Euro, die absoluten Spitzenweine für bis zu 300 Euro. An die Gastronomie in New York haben allein die Kellers zuletzt 5.000 Flaschen geliefert. "Wir könnten noch mehr verkaufen, wollen aber nicht. Denn das würde nicht nur die Kapazitäten sprengen, sondern auch die Nähe zu unseren Kunden zerstören." Zum Beispiel zu dem Zahnarzt in Tokio. Keller: "Vor der Behandlung bietet er seinen Patienten stets einen Schluck von unserem Riesling an. Das finde ich großartig."
Martin Roos
Dieser Artikel ist erschienen am 17.10.2005