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Nett, neu und unterschätzt

Von Christoph Hardt und Joachin Hofer
Der bis vor vor kurzem nahezu unbekannte Peter Löscher übernimmt am Montag die Führung des Münchener Weltkonzerns Siemens. Er verspricht Evolution statt Revolution und lobt viel und gerne ? eine Zeitenwende? Der Österreicher hat bereits erste Marken im Unternehmen hinterlassen.
Der neue Siemens-Chef Peter Löscher will es nach seinem Amtsantritt behutsam angehen lassen - und dem Konzern einen neuen Stil verpassen. Foto: Siemens
MÜNCHEN. Es riecht neu im vierten Stock der Siemens-Zentrale. Das ist der rote Teppichboden, frisch verlegt und derart dick, dass beim Durchwaten des Gewebes der Eindruck entsteht, schon hier, an der Schwelle zur Macht, baue sich Hochspannung auf. Das passt. Bei Siemens, dem skandalgeschüttelten Weltkonzern, ist eine neue Zeit angebrochen. Seit vergangener Woche ist Peter Löscher da, in der Beletage hat er das Besucherzimmer bezogen. Auch das ist eine Demonstration. Denn noch sitzt Klaus Kleinfeld, sein Vorgänger, ein paar Schritte entfernt im Büro des CEO, noch 24 Stunden. Dann wird renoviert. Erst am Montag fängt die neue Ära wirklich an. Sein Vertrag gilt für fünf Jahre.Zwei Mal hat der designierte Vorstandschef in den vergangenen Wochen eine Rede gehalten, bei seiner Vorstellung im gleißenden Sonnenlicht vor der Siemens-Zentrale und an diesem Dienstag, halb offiziell, am Rande des Mediengipfels des Unternehmens. Wer beide Auftritte verfolgt hat, der erlebte einen schlanken und ruhigen Herren, dem etwas Filialleiterhaftes eigen ist.

Die besten Jobs von allen

Stramm stand er da, hoch gewachsen. Beim zweiten Blick dämmert es: der Ausnahmezustand bei Siemens ist vorbei, dieser Mann hat das Zeug, den Konzern nach den verheerenden Wochen der Kleinfeld-Endzeit in neue und ruhigere Gefilde zu steuern. ?Mein erstes Thema ist Vertrauen?, sagt er. Mit so einem geht man gerne in die Berge.In den vergangenen Wochen ist manches bekannt geworden über den vermeintlichen Niemand, den Aufsichtsratschef Gerhard Cromme vom Pharma-Riesen Merck nach München holte. Für Siemens ist es ein Einschnitt, selten waren Erwartungen und Befürchtungen derart auf eine Personalie konzentriert. Wer also ist dieser Mann?Löschers WurzelnPeter Löscher, geboren am 17. September 1957 in Villach, Kärnten, der Vater Sägewerksbesitzer, gutbürgerlich, bodenständig. Doch der Sohn verweigert sich dem väterlichen Unternehmen, es zieht ihn hinaus in die Welt, das habe er schon als Kind gewollt, erzählt seine Mutter. Während er es als Sportler bis zum Kapitän der österreichischen Volleyball-Nationalmannschaft bringt, absolviert er in Wien ein Wirtschaftsstudium, er geht nach Harvard, bekommt ein Stipendium in Hongkong.Diese Erfahrung prägt ihn, auch wenn er seine Karriere ausgerechnet in Gummersbach beginnt, bei Jochen Kienbaum, dem Personalberater. ?Ein ruhiger, konzentrierter Mensch, der sehr gut zuhören kann?, sagt Kienbaum. Löscher sei immer international gewesen. Sein allergrößter Vorteil sei aber, dass er Menschen für sich einzunehmen verstehe. Ähnlich positiv reden fast alle über Löscher.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie Löscher auf alte Bekannte bei Siemens trifftZweieinhalb Jahre Consulting, dann, 1988, wird er Referent in der Unternehmensplanung der Hoechst AG. 1999 rückt er zum Chef der Konzernplanung auf, unter Jürgen Dormann, dem großen Veränderer. Für Löscher ist es die ?bislang spannendste und schönste berufliche Aufgabe?. Er ist dabei, als aus dem Chemiekonglomerat der Life-Science-Konzern wird. Anschließend geht er für die spätere Aventis nach Tokio und heuert 2002 als Chef der Healthcare-Sparte beim britischen Medizinspezialisten Amersham an.Hier lernen ihn zwei Leute kennen, die heute bei Siemens Schlüsselposten besetzen: Forschungsvorstand Hermann Requardt und der Chef der Medizinsparte, Erich Reinhardt. ?Das ist ja der Löscher?, soll Reinhardt am 20. Mai 2007 ausgerufen haben, als dem Vorstand der neue CEO präsentiert wurde. ?Es war ein bisschen anders, aber überrascht waren wir?, sagt der Med-Chef. Dass es hätte schlimmer kommen können, sei die erste verbindende Reaktion im Führungsgremium gewesen, berichten andere. Noch herrscht an diesem 20. Mai die Angst vor, Siemens stehe mit einem fremden CEO vor der Zeitenwende.Sanfter UmbauDiese Sorge hat sich gelegt. Löscher verspricht ?Evolution statt Revolution?, gemeinsam werde man im Vorstand über die Zukunft der Führungsstrukturen beraten. Dabei wird er auf die Bereichsfürsten Rücksicht nehmen müssen, Leute wie der erfolgreiche Med-Chef Reinhardt sind eine Macht. Selbstbewusst hat dieser wiederholt wissen lassen, mit der Berufung Löschers ändere sich die strategische Ausrichtung des Konzern nicht. Der Aufsichtsratschef hat da etwas anderes gesagt. ?Schneller, fokussierter und weniger komplex? müsse Siemens werden ? man darf gespannt sein.?In der Medizintechnik bin ich zu Hause, die Energietechnik kenne ich sehr gut, in den Industriebereich muss ich mich noch einarbeiten?, hat der Neue berufliche Erfahrungen und Defizite am Rande des Mediengipfels in Nürnberg zusammengefasst. Es mutet jedenfalls wie ein Glücksfall für seine spätere Karriere an, dass Amersham 2004 vom ewigen Siemens-Rivalen GE geschluckt wird. Löscher rückt in den GE-Vorstand auf und lernt Komplexität in neuer Dimension kennen. ?Es gibt doch noch viel komplexere Unternehmen als Siemens.?Er schneidet damit natürlich mehr an als nur eine Strukturfrage. Noch auf dem Höhepunkt der Wirren im Hause Siemens haben erfahrene Manager auf die Frage, ob die Krise nicht so groß sei, dass nur ein Unternehmensfremder Hilfe verspreche, immer nur gelächelt. Siemens sei doch ?viel zu komplex?, nur ein Siemensianer könne es richten.Siemens bleibt SiemensDer Österreicher wird ernst, es geht an die Substanz. IBM sei in seiner Komplexität unvergleichlich, und mit seinen Medien- und Finanzfirmen sei auch General Electric deutlich diversifizierter als der deutsche Rivale. Es folgt ein Schlüsselsatz, für den es noch keine deutsche Übersetzung gibt: ?I don?t want to generalelectrify Siemens.? Siemens bleibe Siemens, ?for sure?.Natürlich hat er bei GE das ganze Geschäft aus Sicht des Wettbewerbers miterlebt, seit Generationen verfolgen die Rivalen einander wie die Geier. Als Kleinfeld 2005 ins Amt gekommen ist, hat es intensive Debatten darüber gegeben, was Kleinfeld für GE bedeutet. Und was ist der große Unterschied? Siemens sei innovationsstärker, für GE sprächen die Umsetzungsgeschwindigkeit, das Marketing.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wie Löscher zu seinem Job gekommen istEs gibt also noch viel zu tun, ohne dass das letzte Kapitel unter dem neudeutschen Terminus Compliance bereits angeschnitten wäre. Auch hier, in Fragen sauberer Unternehmensführung, sammelt Löscher Erfahrungen, von GE wechselt er als Vorstand zum Pharmagiganten Merck, der vom Skandal um das Schmerzmittel Vioxx erschüttert wird. ?Da habe ich das ganze Thema miterlebt.?Er weiß, dass er sich im neuen Job auf ein Marathon wird einstellen müssen, die US-Anwälte werden sich noch Monate durchs Unternehmen fräsen. Aber er spricht über Compliance mit einer Autorität, die vor allem darin wurzelt, dass er bei Siemens keine Vergangenheit hat. Auch deshalb ist Peter Löscher da, wo er immer hin wollte: an der Spitze eines Weltkonzerns.Mit der Ablösung des erst zum Jahresbeginn angetretenen Antikorruptionschefs Daniel Noa hat Löscher eine erste Marke gesetzt. Der 55 Jahre alte Ex-Staatsanwalt Noa ist dem Vernehmen nach bei Siemens nie wirklich heimisch geworden und habe nicht zuletzt deshalb kein schlüssiges Compliance-Programm entwickeln können. Zudem, so ist bei Siemens zu hören, erschwerten Noas bescheidene Englischkenntnisse die Zusammenarbeit mit den internen Korruptionsermittlern der amerikanischen Kanzlei Debevoise & Plimpton. Nun sucht Löscher nach einem Nachfolger.Löschers BerufungDoch wie kam Löscher eigentlich zu seinem Job? Die Geschichte seiner Berufung, sie stellt sich ungefähr so dar: Über Siemens-Aufsichtsrat Walter Kröll, den langjährigen Chef der Helmholtz-Gesellschaft, bekommt Gerhard Cromme auf dem Höhepunkt der Siemens-Krise den Wink. Die Suche eines Headhunter-Büros ist im Sande verlaufen, Linde-Chef Wolfgang Reitzle ist als Kandidat durch Presseberichte verbrannt worden.Auf den Anruf Crommes reagiert Löscher, als hätte er nur darauf gewartet. ?Ich habe erst mal mit meiner Frau gesprochen und dann blitzartig den Flieger gebucht.? Cromme, der neue starke Mann, und Löscher, der unbekannte Internationale, sie verstehen sich prompt. Löscher spricht von einem ?phantastischen Verhältnis? und ?Tandem?, Cromme fortan von seinem ?Wunschkandidaten?.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Wie Löscher mit Kleinfelds Gefolgsleuten umgehtLöscher, das ist vor allem ein neuer Stil. Mehr Sein als Schein und damit etwas Siemens-Typisches. Jedenfalls verstärkt sich der Eindruck, dass er sich bis hin zur Wortwahl intensiv vorbereitet hat. Auch das ist eine Konsequenz aus 30 Monaten Kleinfeld. Der fühlte sich von Anfang an schlecht beraten in Fragen der Öffentlichkeitsarbeit.Mit Kleinfeld hat Löscher zwei Tage nach seiner Nominierung in Amerika geredet, auf dessen Anregung hin. Er übernehme ?die Firma? in einem operativ sehr guten Zustand. Vor einer Woche ist er dann in München angekommen, es war wie eine Heimkehr. ?Ich freue mich darauf, wieder im eigenen Kulturkreis arbeiten zu können?, sagt Löscher und spricht vom Glück, seine Kinder in Europa groß werden zu sehen.Er ist ohne eigene Leute gekommen, er übernimmt das Sekretariat seines Vorgängers, das sollen Zeichen sein. ?Ich bin überrascht, wie stolz jeder Einzelne auf das Unternehmen ist?, verstreut er Vanille in alle Richtungen. Mit den engsten Mitarbeitern hat er gesprochen, am vergangenen Montag folgte der erste Härtetest: Nach einem gemeinsamen Mittagessen mit den Vorstandskollegen und seinem Vorgänger leitete Löscher erstmals eine Sitzung des obersten Führungsgremiums, informell versteht sich. ?Das war wie eine Befreiung?, sagte ein Vorstandskollege. ?Er ist ein Gewinn für Siemens?, sagte Vorstandskollege Heinrich Hiesinger.Löscher trifft auf PiererAm Dienstag hat Peter Löscher mit Heinrich von Pierer gesprochen, dem lange Zeit so Mächtigen, hinweggefegt vom Skandal. Löscher redet mit großem Respekt von dessen Verdiensten, er selbst weiß ja auch, dass das vor allem Vergangenheit ist. Man braucht sich nur umzuschauen in der Führungsriege der Siemens AG, der Stimmungswandel ist da. Entspannt parlieren die Granden am Rande des Mediengipfels über Skandalgeschichten, das Präteritum regiert: ?Das waren wirklich aufreibend schlimme Zeiten?, sagt ein Vorstand.In den nächsten Tagen wird Löscher auf Reisen gehen, auch nach Berlin, wo er sich mit der Kanzlerin treffen will. ?Habe ich 100 Tage?? fragt er mit einem Lächeln, das bei aller Freundlichkeit vor allem eines zeigt: er ist entschlossen. Man sollte sich nämlich sehr davor hüten zu behaupten, der nette Herr Löscher bringe kein Ego mit. Es ist nur nicht mehr Teil der Unternehmensstrategie.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.06.2007