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Nestlé à la Russe

Von Mathias Brüggmann, Handelsblatt
David Jakobaschwili steuert gerne alles selbst ? auch Russlands größten Nahrungsmittelkonzern Wimm-Bill-Dann.
MOSKAU. Eine Sekretärin braucht David Michailowitsch Jakobaschwili eigentlich nicht. Auch auf Manager könnte er verzichten. Der Aufsichtsratschef und Aktionär des russischen Lebensmittelkonzerns Wimm-Bill-Dann (WBD) macht am liebsten sowieso alles selbst. Kopierer, Scanner und Drucker stehen in Reichweite neben seinem Schreibtisch. ?Kopien ziehe ich mir selbst, und wenn ich etwas einscannen muss, mache ich es schnell allein?, sagt der Mann mit dem Schnurrbart.Außerdem arbeitet er eh meist nachts. ?Tagsüber wird man immer durch Telefonate gestört?, verrät der 46-Jährige. So verlässt er sein etwa sechs mal drei Meter großes Büro selten vor drei Uhr morgens. Müdigkeit bekämpft er mit einem Trainingsgerät. Tagsüber reicht ihm ein blauer Gummiball, den er knetet: ?Das ist gut für die Herzmuskeln und für den Kopf.?

Die besten Jobs von allen

Der Georgier mit russischem Pass ist ein Arbeitstier. Mit harter Hand steuert er den größten russischen Lebensmittelkonzern WBD mit 23 Werken, vor allem in Russland. Mit Milchprodukten, Mineralwasser, Saft, Käse und Kindernahrung erzielte er in den ersten neun Monaten vergangenen Jahres einen Umsatz von rund 685 Millionen und einen Reingewinn von rund 21 Mill. Dollar.Und über seine Trinity-Holding wacht er noch über viele andere Firmen: von einer neuen Fabrik für Schutzmasken über eine Firma für neuartige Zigarettenfilter, die er demnächst an die Börse bringen will, bis zum Generalvertrieb für General Motors.?Er ist ein sehr guter Unternehmer?, lobt Florian Fenner, Fondsmanager der russischen Investmentbank UFG. Europarats-Generalsekretär Walter Schwimmer machte Jakobaschwili im vergangenen Dezember gar zum ?neuen Star der russischen Wirtschaft? und zeichnete ihn für sein Engagement für die ?Schule für Politik in Sarajevo? aus.Lorbeeren, die er sich hart erarbeiten musste. Nach seiner Schulzeit in der georgischen Hauptstadt Tiflis wollte er zunächst Arzt werden. Dann drängte es ihn in die Diplomatie. Er bemühte sich um Aufnahmen in die Moskauer Diplomaten-Hochschule. ?Doch es klappte nicht?, räumt der Mann mit den weichen Gesichtszügen ein. Stattdessen geht er zum Polytechnischen Institut. Auch damals kennt sein Arbeitseifer keine Grenzen. Tagsüber büffelt er für sein Biologiestudium, abends schuftet er in einer Metallfabrik, und nachts schwitzt er als Arbeiter beim Bau der U-Bahn in Tiflis. So schlägt er sich durch ? auch mit Schweinemast.Als Michail Gorbatschow die UdSSR öffnet, nutzt er die Gelegenheit und fährt zum ersten Mal ins Ausland. Er will gleich dableiben und verbringt einige Monate im goldenen Westen. Seine Reise nach Deutschland, Finnland und Schweden finanziert er mit Hilfsjobs. Er putzt Fenster und macht Betten in einem Hotel. Doch dann zieht es ihn wieder nach Moskau zurück.Mit Freunden gründet er eine Kooperative, einen von Gorbatschow erlaubten kleinen Privatbetrieb ? einen Schönheitssalon. Es folgen wilde Jahre mit Gebrauchtwagenimporten aus den USA. Er bringt die Fahrzeuge über Finnland nach Moskau. Dabei liefert er sich heiße Verfolgungsfahrten mit ?korrupten Polizisten? und Kriminellen, die ihm die Autos abjagen wollen. ?Das war natürlich Krieg, wir mussten uns mit Knüppeln verteidigen.? Er setzt sich durch und baut sein Geschäft immer weiter aus: mit Hotelbooten, Holzverarbeitung, Restaurants und dem Handel mit US-Jeans.Sein endgültiger Durchbruch als Unternehmer gelingt ihm aber erst 1992. Damals gründet er Wimm-Bill-Dann, ein westlicher Phantasiename, als Saftabfüller. Er macht ihn zu einem kleinen russischen Nestlé-Konzern und bringt ihn 2002 sogar an die New Yorker Börse (aktuelle Marktkapitalisierung: 756 Millionen Dollar). Aber vor kurzem scheiterten Verkaufsverhandlungen mit dem französischen Konkurrenten Danone, der seine Beteiligung zur Mehrheit ausbauen wollte, an unterschiedlichen Vorstellungen.Jakobaschwili ist inzwischen ein reicher Mann. ?Ich habe fünf Motorräder, eine Tauchausrüstung und ein Wassermotorrad. Mehr brauche ich nicht?, erzählt er stolz von seinem Privatleben. Da WBD ? an dem er mit 6,4 Prozent beteiligt ist ? keine Gewinne ausschütte, sondern reinvestiere, lebe er von kurzfristigen Kapitalmarkt-Transaktionen. ?Allein mit Gazprom-Aktien habe ich kürzlich 100 Prozent verdient?, nennt er ein Beispiel für sein finanzielles Geschick.Da bleibt genug übrig, um mal ? wie vor einigen Wochen ? zwei Flugzeuge für Bekannte, Botschafter, Abgeordnete und Geschäftspartner zu chartern und sie in das georgische Batumi am Schwarzen Meer zu fliegen. Per Handschlag begrüßt Jakobaschwili, im offenen Hemd, alle an der Gangway und jettet mit ihnen zum Abschiedskonzert des weltberühmten Cellisten Mstislaw Rostropowitsch, den Jakobaschwili aus Freundschaft finanziell unterstützt.Ganz so edel geht es im Geschäftsleben nicht zu. Als sein Nahrungsmittelkonzern WBD vor zwei Jahren an die Börse ging, musste er zugeben, dass zu seinen Hauptaktionären auch Vorbestrafte gehören. Nicht nur das. Besonders umstritten ist seine Wachgesellschaft, die auch unter dem Namen Trinity firmiert. Sie wird von Moskaus Medien der Mafia zugerechnet.?Alle haben doch Dreck am Stecken?, merkte dazu ein deutscher Banker in Moskau an. ?Ich hoffe, WBD ist für andere ein Beispiel, dass man mit Transparenz erfolgreich an die westlichen Kapitalmärkte gehen kann ? und letztlich vertraue ich Jakobaschwili.?
Dieser Artikel ist erschienen am 12.01.2004