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Nerven breit wie Nudeln

Von Martin Roos und Sandra Louven
Ex-Vodafone-Vorstand Thomas Geitner soll in den letzten zwölf Monaten ?Berater? gewesen sein. Manche behaupten er sei ?Privatier?, andere wiederum er sei ?schlichtweg arbeitslos? gewesen. Jetzt kehrt er zurück ? als Chef der künftig riesigen Klebstoffsparte von Henkel.
Thomas Geitner (52) wird zum 1. März 2008 in die Henkel-Geschäftsführung eintreten. Foto: pr
DÜSSELDORF. Ganz untätig vorstellen kann man sich den ehrgeizigen Schwaben nicht. Tatsächlich gab er Ende 2006 seinen Vorstandsposten bei Vodafone auf, schied nach einem Strategiestreit aus dem Unternehmen aus und ? verschwand in der Versenkung.Jetzt ist er wieder da, wie die Taube aus dem Zylinder. Der mittlerweile 52-jährige Heidenheimer wird am 1. März Chef der Klebstoff- und Technologiesparte von Henkel. Er löst Alois Linder, 60, ab, der nach offiziellen Angaben aus ?rein privaten Gründen? früher als geplant den Düsseldorfer Kosmetik-, Waschmittel- und Klebstoff-Konzern verlässt.

Die besten Jobs von allen

Mit dem Stabwechsel in der Sparte setzt sich der Umbau im Henkel-Vorstand fort. Im April will Henkel-Chef Ulrich Lehner sein Amt an Kasper Rorsted abgeben. Geitner übernimmt damit einen Konzernbereich, der künftig über sechs Milliarden Euro Umsatz ausmachen wird.Henkel ist ein kleiner Coup gelungen. Denn dass die Düsseldorfer jemanden holen, der schon für mehrere Chefposten von Weltkonzernen gehandelt wurde, ist eine Überraschung. Bei Henkel wird er den vielleicht wichtigsten Spartenjob in der Geschichte des Konzerns übernehmen. Möglicherweise schon am 1. April, also einen Monat nach Geitners Amtsantritt, wird Henkel die ICI-Tochter National Starch, die vor allem Industriekleber produziert, gekauft haben. Für die Sparte mit etwa zwei Milliarden Euro Umsatz zahlen die Düsseldorfer knapp vier Milliarden Euro ? so viel wie nie zuvor für ein Geschäft. Mit seinen 52 000 Mitarbeitern hat Henkel zuletzt einen Jahresumsatz von 12,7 Milliarden Euro gemacht. Geitner wird mit seinen Klebern künftig etwa 50 Prozent des Konzernumsatzes verantworten.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Umstellung dürfte ihm nicht schwefallenSeine Internationalität und Erfahrungen als Top-Manager machen ihn laut Henkel zum richtigen Kandidaten. Sich auf die Klebstoffbranche umzustellen dürfte ihm nicht sehr schwerfallen. Auch in der Telekommunikation fand er sich schnell zurecht. Der gelernte Maschinenbauer arbeitete im Konzernvorstand von RWE, als seiner Maschinenbau-Sparte dort 1997 das neue Ressort Telekommunikation zugeschlagen wurde. Als die Telefongesellschaft Otelo ein Jahr später einen Fehlstart in den liberalisierten Festnetzmarkt hinlegte, musste Geitner ran: Er sanierte Otelo ? bis zum Verkauf an die Mannesmann-Tochter Arcor. Nach der Übernahme von Mannesmann durch Vodafone holten ihn die Briten als Europa-Chef nach Düsseldorf.In der Telekommunikation hat sich Geitner einen guten Ruf erarbeitet. Er gilt als durchsetzungsstark, visionär, aber auch sehr kostenbewusst. Immer wieder wurde er in der Branche als Vorstandschef gehandelt ? etwa als 2003 Vodafone-Chef Chris Gent abtrat. Und auch als die Deutsche Telekom im vergangenen Jahr einen neuen Chef für ihre Geschäftskundensparte T-Systems suchte, fiel der Name Thomas Geitner.?Mut zur Angst?, sagt Geitner, Familienvater von vier Kindern, zeichne ihn aus. Sein Erfolgsrezept: ?Hartnäckigkeit, Überzeugungskraft, Visionen und Nerven wie breite Nudeln muss man haben.? Dass er abgetaucht war, hat vielleicht auch mit etwas anderem zu tun: ?So motivierend und bestätigend Erfolge auch sein können, so wichtig ist ein intaktes Privatleben. Deshalb darf das Leben nach der Arbeit nicht erst im Pensionsalter beginnen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 07.02.2008