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"Negative Einstellung"

Krisztina Koenen
Baden-Württemberg will den Staatsvertrag über die ZVS kündigen. Das Auswahlverfahren, so der baden-württembergische Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU), "fördere falsche Mentalitäten bei den Studierenden" und führe zur "Provinzialisierung der Hochschulen".
Herr Minister, Sie wollen gegen die zentrale Verteilung von Studienplätzen klagen. Warum?

Die ZVS fördert falsche Mentalitäten bei den Studierenden. Die Studenten nehmen mit der anonymen ZVS Kontakt auf, statt die Hochschule oder die Fakultät der eigenen Wahl kennen zu lernen. Außerdem reicht das Abitur als Auswahlkriterium nicht aus. Die Durchschnittsnote ist kein hinreichendes Kriterium für die fachbezogene Studierfähigkeit. Völlig sachfremd ist das Kriterium Wartezeit - durch die wird man nicht qualifizierter.

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Aber die ZVS differenziert nach Ländern, und die Bewerber haben die Möglichkeit, eine Reihenfolge der gewünschten Universitäten anzugeben. Warum reicht das nicht?

Weil die ZVS überwiegend nach dem Kriterium Wohnortnähe vergibt und die Studenten deshalb strategisch vorgehen. Sie geben bestimmte Hochschulen nur an, um andere mit großer Sicherheit auszuschließen. Und die Abiturnote spielt mit 51 Prozent eine relativ geringe Rolle. Der Wohnort hat ein viel zu großes Gewicht.

Warum ist das schlimm?

Die Bedeutung, die der Wohnortnähe zugebilligt wird, führt zur Provinzialisierung der Hochschulen. Sie werden immer stärker regionalisiert. Selbst an Universitäten, die früher einen europäischen Ruf hatten, gibt es inzwischen regionale Quoten von 70 Prozent. Die Mentalitätsveränderung ist die schlimmste Auswirkung von ZVS und Numerus clausus.

Aber ist der Numerus clausus nicht notwendig, wenn es mehr Bewerber als Studienplätze gibt?

Doch, aber dann sollen die Hochschulen nach eigenen Kriterien und nicht die ZVS nach planwirtschaftlichen Grundsätzen auswählen. Der Numerus clausus hat zur Entwertung des Abiturs geführt. Die Noten wurden immer besser, weil die Lehrer wissen, dass Noten über Lebenschancen entscheiden. Die Schüler wählen Fächer und Leistungskurse, um ihre Noten zu optimieren.

Die Wissenschafts- und Kultusminister der Länder sind im Verwaltungsausschuss und den Gremien der ZVS vertreten. Warum haben Sie dort nicht mehr getan?

Wir haben immer wieder versucht, Fächer aus der ZVS herauszunehmen. Bei Jura und Architektur ist das jetzt gelungen. Wir haben die Forderung des Beirates unterstützt, die Selbstauswahlquote der Hochschulen auf 50 Prozent zu erhöhen - vor der Verteilung der Studienplätze durch die ZVS. Das bekam im Verwaltungsrat leider nicht die notwendigen Mehrheiten. Über die Kultusministerkonferenz haben wir erreicht, dass die Selbstauswahlquote jetzt auf 24 Prozent erhöht wurde - das Maximum, das das Hochschulrahmengesetz zurzeit zulässt.

Trotzdem verwundert, dass Ihr Ministerpräsident Erwin Teufel den Staatsvertrag über die ZVS vor zwei Jahren mit unterschrieben hat.

Weil wir durch das Hochschulrahmengesetz dazu verpflichtet waren. Andernfalls wäre die Zuständigkeit an den Bund übergegangen. Im Übrigen haben wir geglaubt, über den Beirat und den Verwaltungsausschuss der ZVS das System von innen heraus reformieren zu können. Bis Mitte Oktober besteht noch die Chance auf eine gütliche Einigung. In den vergangenen Monaten hatten wir den Eindruck, dass der Versuch praktisch gescheitert ist.

Wenn Sie könnten, wie würden Sie das Auswahlverfahren regeln?

Bei landesweitem Numerus clausus würden wir bis zu 90 Prozent der Studenten selbst auswählen. Wir würden feststellen, welche spezifische Studierfähigkeit für ein bestimmtes Fach notwendig ist. Die Abiturnote ist ein sinnvoller Hinweis: Keiner soll Mathematik studieren mit einer vier oder fünf auf dem Zeugnis. Wichtig ist auch, die Motivation zu prüfen. Die US-Hochschulen lassen ihre Bewerber einen kurzen Essay schreiben, in dem sie begründen sollen, warum sie dieses Fach an dieser Hochschule studieren wollen. Der dritte Schritt wäre ein schriftlicher Test, der vierte das Auswahlgespräch. So könnten wir die hohen Abbrecherquoten reduzieren, die in manchen Fächern bei 70, 80 Prozent liegen.

Quelle: Wirtschaftswoche
Dieser Artikel ist erschienen am 08.05.2002