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Naturaltausch

Ulrike Heitze
Mit Gehaltserhöhungen sind Unternehmen zurzeit eher knauserig. Bei welchen Gehalts-Extras Chefs doch Ja sagen und wie viel für Arbeitnehmer rausspringt.
70 Euro - das ist bei einem Normalverdiener die magere Netto-Ausbeute einer hart erkämpften 200-Euro-Gehaltserhöhung. Vom schönen Plus bleibt nach Steuern, Renten- und Arbeitslosenversicherung, Krankenkasse und Soli-Zuschlag weniger als die Hälfte. Um einiges ertragreicher wären die 200 Euro gewesen, wenn der Arbeitnehmer sie nicht als Bargeld, sondern als Kindergartenzuschuss, Jobticket, Direktversicherung, Benzingutschein oder Computerleihgabe ausgehandelt hätte. Diese Gehalts-Extras sind zum großen Teil steuer- und sozialabgabenfrei - und damit vorteilhaft für den Mitarbeiter und das Unternehmen.

Ein Argument, von dem sich Chefs gerade in Krisenzeiten überzeugen lassen, weiß Thomas Aleweld, Practice-Leader Talent & Organisation Consulting bei der Unternehmensberatung Hewitt in Wiesbaden. "Viele Firmen haben das Problem, dass sie weder Geld für eine deftige Gehaltserhöhung noch für den vollen Bonus haben. Doch auch wenn derzeit viele Arbeitnehmer froh sind, überhaupt einen Job zu haben, können es sich gerade kleinere und mittlere Unternehmen nicht leisten, gute Leute zu vergraulen. Deshalb sind sie offen für Alternativen."

Die besten Jobs von allen


So wie der Eschborner Kartografie-Software-Entwickler Mapsolute. "Die Diskussion über Steuervergünstigungen ist bei uns im vollen Gange, denn viele Mitarbeiter wollen tatsächlich keine monetären Extras, weil davon nichts übrig bleibt", sagt Alexander Wiegand, Geschäftsführer von Mapsolute. "Wir setzen Direktversicherungen und Riesterrenten-Modelle ein und entwickeln sie weiter."

Von Fitness bis zur Rente

Von der Altersvorsorge über Kuschelgesten wie "einfach öfter loben", einem Danke-schön-Blumenstrauß oder einer Champions-League-Karte bis zu größeren Gehalts-Extras wie Weiterbildung, Dienstwagen oder Essensgeld reicht die Palette des Engagements.

So spendiert eine Düsseldorfer Werbeagentur ihren kreativen Köpfen jeden Mittwoch ein opulentes Mittagessen. Die Wiesbadener Volksbank modernisiert ihr Zulagensystem nach den Wünschen der Mitarbeiter. Und die Fitnessstudio-Kette Future Sports verzeichnet einen Run auf firmengesponserte Mitgliedschaften

Ausgesprochen lohnend an diesen Naturalien ist, dass man den Steuer- und Abgabenvorteil mehrfach nutzen kann. So kann ein Mitarbeiter 600 Euro pro Jahr kostenlos in Form von Warengutscheinen bekommen und sich gleichzeitig über einen geliehenen Laptop freuen, bei dem der Chef die Internet-Gebühren zahlt. Wenn der Angestellte diese Leistungen aus seinem Nettoeinkommen zahlen würde, müsste er deutlich mehr verdienen.

Kleine Extras, große Wirkung

"Am liebsten verhandeln Unternehmen jetzt über alles, was ihnen hilft, Mitarbeiter kostengünstig zu motivieren und Lohnnebenkosten zu senken", sagt Bernhard Köstler, Steuerfachmann und Autor eines Gehaltsratgebers. Er rät Arbeitnehmern, statt Gehaltserhöhung steuerfreie Extras vorzuschlagen. Wer einmal einen Kindergartenplatz oder ein Jobticket aus eigener Tasche bezahlt hat, weiß, dass diese Zulagen viel wert sind, zumal sie nicht durch Steuern und Sozialabgaben geschmälert werden. Grundsätzlich sind Gehalts-Bonbons in Unternehmen jeder Größenordnung machbar und bekannt. Doch es gibt Unterschiede, wie offensiv sie verkauft werden.

Kreativ contra Cafeteria

In Konzernen und bei großen Mittelständlern sind solche Extras gang und gäbe. Alle Mitarbeiter können meist aus einer Palette das auswählen, was zu ihnen passt - und was für ihre Hierarchiestufe vorgesehen ist.

Bei diesen so genannten Cafeteria-Systemen beobachten Unternehmensberater eine Modernisierungswelle. "Viele Firmen räumen mit ihrem Nebenleistungswildwuchs auf. Weg von 50 Zulagen, die kein Mensch kennt und nutzt, hin zu einer Handvoll, die richtig was bringen", sagt Andrea Kahlert, Vergütungsexpertin bei der Wiesbadener Unternehmensberatung Dr. Dr. Heissmann. Immer dabei sind in der Regel die ertragreichen Klassiker wie Altersvorsorge, Jobticket, Essensgeld, Kindergartenzuschuss und Dienstwagen

Flexibler und weniger ausgefeilt ist das Angebot in vielen kleinen und mittelständischen Firmen. Ähnlich wie vor einigen Jahren die Startups müssen sie die Zwickmühle "Für wenig Geld viel Motivation" lösen. Gelegentliche Tankgutscheine, Bügelservice oder Wellness-Tage können das Gehalt ein bisschen aufmöbeln, wenn nichts anderes geht. Kleinvieh macht auch Mist (siehe Liste). Kleine Unternehmen sind offener für ungewöhnliche Goodies. Möglicherweise kann man sich also auch sein Hobby anstelle der Gehaltserhöhung sponsern lassen.

Gehalts-Extras - so viel geht
Dieser Artikel ist erschienen am 30.05.2003