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Natur-Talente

Thomas Mersch
Sie machen im Bundestag eine ebenso gute Figur wie im Kuhstall: Agrar-Ingenieure können alles werden - Landwirt, Lobbyist oder Manager.
Sie machen im Bundestag eine ebenso gute Figur wie im Kuhstall: Agrar-Ingenieure können alles werden - Landwirt, Lobbyist oder Manager. Wer Schoko-Milch aus dem Becher trinkt, steht schon mit einem Bein in der Reinigung. Reißt man den Aluminiumdeckel ganz ab, sind die Chancen gut, sich die Hälfte des Inhalts auf den Ärmel zu schütten. Zieht man den Deckel nur leicht vom Rand und klappt ihn hoch, klebt er beim Trinken an der Nase. Zudem läuft gerne was am Mund vorbei und landet auf dem Latz

Die Lösung des Problems steht bei Winfried Meier auf dem Schreibtisch. Sein Arbeitgeber, die Milch-Union Hocheifel (passenderweise MUH abgekürzt), testet einen neuen Becher, der nach dem Prinzip einer Getränkedose funktionieren soll. Obendrauf ist eine Lasche, die abgerissen wird. Durch die tropfenförmige Öffnung lässt sich der Inhalt dann wie eine Cola unfallfrei trinken

Die besten Jobs von allen


Seit gut einem Jahr sitzt der 38-jährige Agrar-Ingenieur als Vertriebsleiter der Milch-Union im Eifel-Kaff Pronsfeld. Das Unternehmen verarbeitet pro Jahr bis zu 2,5 Millionen Liter Milch von 2.500 Bauern aus der Umgebung. "Es war schon ein Abenteuer", sagt Meier über seinen Schritt in die Industrie. "Sowohl für die Geschäftsleitung als auch für mich." Denn mit Praxiserfahrung aus der freien Wirtschaft konnte er noch nicht dienen, als er seinen Schreibtisch bezog. Doch zumindest brachte er aus seinem vorherigen Job in der Geschäftsführung des Milchindustrieverbandes in Bonn fundierte Branchenkenntnisse mit. Meier: "Theoretisch kannte ich den Markt sehr gut."

Dass er während des Studiums einen Schwerpunkt auf die Betriebswirtschaft gelegt hat, zahlt sich für den Vertriebsmann heute aus. Typisch sei der Karriereweg für einen Agrar-Ingenieur jedoch nicht gerade. "In meiner Position wäre in der Regel eher ein Kaufmann tätig", sagt er. "Der überwiegende Teil der Absolventen arbeitet später direkt im Agrarsektor oder in landwirtschaftsnahen Betrieben." So sind eine Reihe seiner Studienkollegen nach der Uni zurück aufs Land gegangen, um einen Hof zu führen. Andere arbeiten im Umweltsektor, etwa bei Beratungsgesellschaften für Städte und Gemeinden. Oder sie sind bei Verbänden beschäftigt - so wie Meier nach dem Studium. Zwei Freunde aus seiner Studienzeit arbeiten ebenfalls im Vertrieb, allerdings bei einem Futtermittelanbieter und einem Hersteller von Nutzfahrzeugen. Ihre Kunden sind Landwirte.

Gleicher Becher, anderes Etikett

Meier dagegen hat mit den Milchbauern nicht viel zu tun. Er muss vor allem die Beziehungen zu den Abnehmern pflegen. Die halbe Woche ist er auf Tour, um Kunden zu besuchen - Einzelhandelsfirmen wie Rewe und Discounter wie Aldi und Lidl. Das Unternehmen stellt vor allem haltbare Produkte für Handelsmarken her. Die Händler können dann ihren eigenen Markennamen auf die Tetrapaks und Joghurtbecher kleben. Auch beim Neugeschäft hat Meier erste Erfolge vorzuweisen: In Belgien und Holland schloss er neue Verträge mit Einzelhändlern. "Ob man mit seinen Kunden klar kommt oder nicht, das kann man nur ausprobieren", sagt Meier. Es hat geklappt. "Ich bin nie Verkäufer gewesen. Und habe jetzt schon eine Milliarde Verpackungen verkauft."

Eine vorgezeichnete Karriere kann Meier bei Agrar-Ingenieuren nicht erkennen. "Wir haben ein sehr breit gefächertes Studium absolviert." Neben der Wissenschaft können je nach Schwerpunkt auch Betriebswirtschaft oder Tiermedizin dazu gehören. "Das erlaubt viele Einstiegsmöglichkeiten", ist er überzeugt. Einen Bezug zu Tieren und Äckern sollten Studenten allerdings schon mitbringen. Schließlich gehört zur Ausbildung auch ein Praktikum in der Landwirtschaft

Schon als Kind den Acker gepflügt

Die Liebe zum Landleben hat der 38-Jährige schon mit der Muttermilch eingesogen. Meier wuchs als sechstes und jüngstes Kind eines Landwirts in Wallersheim auf, nur wenige Kilometer von Pronsfeld entfernt. Sein Vater bewirtschaftete den Hof bereits in dritter Generation und war auf Milchproduktion spezialisiert. "Wir hatten 16 Kühe", erzählt Meier, "außerdem ein paar Schweine, etwas Ackerbau, etwas Waldbau." Ein kleiner Betrieb.

Natürlich ist der Bauernsohn bereits als Kind Traktor gefahren und hat den Acker gepflügt. Nach der zehnten Klasse beschloss er, aufs Abitur zu verzichten, und fing eine Lehre zum Landwirt an. Inzwischen hatte jedoch der große Bruder den Hof vom Vater übernommen - für den Jüngeren war zu Hause kein Platz mehr. Deshalb machte Winfried Meier doch noch das Abitur und schrieb sich in Soest beim dort ansässigen Fachbereich Landbau der Gesamthochschule Paderborn ein, um Agrar-Ingenieur zu werden.

An der Hochschule entdeckte Meier dann eine neue Leidenschaft: das Lobbying. "Ich habe gar nicht so intensiv studiert", erinnert er sich. "Statt dessen habe ich jede Menge studienbegleitende Tätigkeiten übernommen." Nach drei Monaten war er Kulturreferent in der Soester Studentenvertretung, nach einem Jahr deren Vorsitzender, und schließlich ließ er sich in den Paderborner AStA wählen

Raiffeisen statt USA

Für die Diplomarbeit zog sich Meier wieder aus den Ämtern zurück. "Das Ehrenamt in landwirtschaftlichen Interessenverbänden und Genossenschaften" lautete das Thema. "Da gehörte auch eine kleine empirische Studie dazu", sagt er. Und die brachte ihm seinen ersten Job. Statt wie geplant in die USA zu gehen, nahm der damals 24-Jährige ein Angebot des Deutschen Raiffeisenverbandes in Bonn an, bei dem er für seine Abschlussarbeit recherchiert hatte - ein typischer Karrierestart für Agrar-Ingenieure.

Seine erste Position: Sachbearbeiter, Abteilung Milchwirtschaft. Dann ging es aufwärts: Nach drei Jahren wechselte Meier als Geschäftsführer zum Bundesfachverband der Marktmolkereien, der später mit dem Milch-Industrie-Verband fusionierte. Kein leichter Job für einen 27-Jährigen. "Das Lobbying ist ja eigentlich so eine Tätigkeit, bei der man sich den älteren, grau melierten Herrn vorstellt", glaubt Meier. "Einen Charmeur, der sich überall mit guter Laune auf den Fluren der Behörde und des Bundestages bewegt. Das kann aber dazu führen, dass das Fachwissen in den Hintergrund gerät." Nicht, dass Meier nie gute Laune hätte - aber statt auf Floskeln habe er auf Wissen gesetzt: "Ich hänge mich sehr stark in Sachthemen rein und vertrete sie dann auch vehement."

Vor allem zum Landwirtschafts-, Umwelt- und Gesundheitsministerium hatte Meier engen Kontakt. Und er ist überzeugt: "Wir haben einiges bewegen können." Doch nach 13 Jahren in Verbänden brauchte Meier eine neue Herausforderung: "Es hat mich gereizt, operative Verantwortung zu übernehmen. Ich wollte das Ergebnis meines Tuns mal hautnah erleben.

Schoko-Milch für die Freunde

Das Ergebnis stapelt sich gerade auf Meiers Schreibtisch: weiße Musterbecher mit fettarmer Schoko-Milch. Wenn Feierabend ist, wird er die beiden Papp-Paletten mit nach Hause nehmen und mit Freunden und Bekannten verkosten. Aufwändige Marktforschung könne sich der Betrieb nicht leisten. "Also muss mein Bekanntenkreis dran glauben." Denn der Geschmack soll natürlich stimmen. Auch Meier selbst hat schon einige Testbecher des Getränks geleert. Ehrensache

So spartanisch sein Büro mit dem schlichten Schreibtisch und den einfachen Stühlen wirkt, so bunt geht es an der Wand zu. Vier Regale stehen dort, voll gepackt mit Bechern und Tetrapaks mit MUH-Inhalt, in allen Formen und Farben. Sogar Bio-Milch für Katzen ist dabei. Schön sieht das nicht aus. Muss es auch nicht, so lange es praktisch ist. Winfried Meier will alles griffbereit haben, wenn ein Kunde anruft und eine Frage hat.

Auch wenn er sich heute nicht mehr die Finger schmutzig machen muss - den Stallgeruch verliert Meier nie ganz aus der Nase. So fährt er zwischen zwei Dienstreisen gerne mal zum Hof seines Bruders. Manchmal hilft er dort aus oder vertritt ihn, wenn er Urlaub macht. Doch mit dem neuen Job hat er immer seltener Zeit dazu. Aber das störe ihn nicht wirklich, sagt Meier: "Ich kriege ja im Vorbeifahren auch schon mal Kühe zu Gesicht.

Dieser Artikel ist erschienen am 31.03.2003