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Nase fürs Geschäft

Anne Koschik
Windeln voll, Mülleimer voll - einer jungen Mutter stank es zum Himmel. Heute produziert sie die weltweit erste Windelentsorgungsmaschine.
Gute Ideen für Unternehmensgründungen liegen nicht gerade auf der Straße. Daniela Käfferlein aus Hückelhoven fand ihre im Müll. Jedesmal wenn sie ihre kleine Tochter wickelte und die Windel im Mülleimer entsorgte, stank es der 29-jährigen Mutter gewaltig. Sie war sich sicher: "Was mich stört, nervt auch andere." Heute ist Käfferlein Geschäftsführerin der Alternative Hygieneprodukte und Entsorgungssysteme (AHE) GmbH. Ihre preisgekrönte Erfindung, die Windel-Entsorgungsmaschine AHE Ecolution 10, entsorgt den Abfall direkt in Pflegeheimen, Krankenhäusern - und bald auch Zuhause.

Zuerst machte sich die gelernte Bürokauffrau auf die Suche nach einem geeigneten Windelentsorger: in spezialisierten Babygeschäften, zahlreichen Katalogen, bei Windelanbietern und in einem US-amerikanischen Supermarkt. Fehlanzeige. Der Markt der modernen Wegwerf-Gesellschaft ließ sie im Stich.

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Käfferlein hatte Feuer gefangen: Windelentsorgung als Geschäftsidee - warum nicht? Welch ein enormes Potenzial dahinter steckte, entdeckte sie jedoch erst nach und nach. Denn nicht nur Babys verbrauchen Windeln. "Inkontinenz ist ein großes Thema", sagt Marie-Luise Müller, Präsidentin des Deutschen Pflegerats, in dem die meisten Kranken- und Pflegeverbände zusammengefasst sind. "Jeden Tag benutzen in Deutschland Millionen erwachsener Menschen Windeln. Ein bis zu sechsmaliger Windelwechsel pro Tag ist normal."

Käfferlein machte folgende Rechnung auf: "Pro Jahr gehen die Entsorgungskosten für Hygienemüll bei mittleren und großen Pflegeheimen bis weit über 100.000 Euro", erklärt die Jung-Unternehmerin. Wenn in zwei Jahren die Deponien geschlossen würden, könnten sich die Kosten sogar verdoppeln, "wenn nicht sogar verdreifachen. Dann müssen die Pflegeheime die Inkontinenzabfälle verbrennen lassen." Ihre weltweit patentierte Windelentsorgungsmaschine aus Edelstahl kostet dagegen rund 10.000 Euro. Etwa so groß wie zwei Waschmaschinen, zerkleinert die AHE Ecolution 10 die Inkontinenzartikel und wäscht alle löslichen Bestandteile mit Hilfe einer umweltfreundlichen Sanitärflüssigkeit aus den Aufbauschichten heraus. Übrig bleibt das Abwasser, das über das Kanalsystem entsorgt werden kann, sowie faustgroße Kunststoff- und Zellulose-Kugeln, die zusammengepressten Windelreste. Umweltingenieur Winand Hanelt aus Inden bescheinigt dem Verfahren, dass es "sowohl durch ausgereifte Technik zur Schonung der Umwelt, sinnvollen Umgang mit Ressourcen und gezielte Minimierung der Eingriffe in ökologische Systeme" besteche.

Den Vorteil hat auch die Tönisvorster Formazell-Gruppe erkannt, die in Deutschland flächendeckend Krankenhäuser und Pflegeheime mit Hygieneprodukten versorgt. Formazell will von Käfferlein das nationale Alleinvertriebsrecht erwerben und die Maschinen verleasen. Wenn sie ein Pflegeheim mit neuen Windeln beliefern, nehmen sie die Restwertstoffe mit. Die Kunststoff-Kugeln, so genannte Pellets, verkaufen sie als Brennmaterial an die Zement- und Teerindustrie, die Zellulose-Pellets gehen an die Kartonindustrie.

"Mit einer Abnahme von rund 50 Maschinen pro Monat will Formazell starten", sagt Käfferlein. Nach einer Anlaufzeit von etwa drei Monaten rechnet sie mit Aufträgen von rund 100 Maschinen pro Monat. Bis Ende 2002 erwartet sie einen Umsatz von 800.000 bis eine Million Euro. Spätestens dann wäre der Break-even erreicht.

An ihren Erfolg hat vor knapp drei Jahren kaum jemand geglaubt. Auch die Wirtschaftsförderung vor Ort schätzte ihr Projekt falsch ein. "Die haben mich belächelt, als ich dort um Unterstützung bat", sagt die Jungunternehmerin. Doch mit Hilfe ihres Vaters Friedel Thomas dachte sie ihre Idee gründlich durch und meldete ein Patent an. Auf einer Gründerveranstaltung in Hückelhoven lernte sie einen Unternehmensberater kennen, der ihnen einen Businessplan schrieb. Damit hatten sie schließlich bei den Banken Erfolg: Sie steuerten das Investitionsvolumen von 600.000 Euro bei, mit dem die Maschine entwickelt und zur Marktreife gebracht werden sollte. Zweieinhalb Jahre musste Käfferlein auf die Patentierung warten. Im Juni 2001 gründete sie die AHE GmbH.

Wie gut die Maschine ankommt, erfuhr Gründerin Käfferlein erstmals vergangenen November auf der weltgrößten Medizinmesse Medica in Düsseldorf. "Zu 90 Prozent hatten wir ausländische Kontakte, rund 70 insgesamt", erzählt sie. Es meldeten sich Krankenhausausstatter aus Asien und Portugal, Hersteller von Hygieneprodukten aus Mexiko, Maschinenbauer aus Italien und ein Arzt aus Ägypten. Er war zur Messe gekommen, weil ihn nervte, dass in seinem Land der Müll einfach in die Wüste gekippt wird.

Im November gewann sie beim "Idee-Förderpreis" für Existenzgründerinnen den mit 10.000 Mark dotierten dritten Platz. Nicht schlecht für eine junge Mutter, die anfangs nur die Pampers ihrer Tochter vernünftig entsorgen wollte. Wenn das Serienmodell der großen Maschine steht, will Käfferlein bis Ende 2002 ein kleineres Pendant entwickeln. Für rund 200 Euro soll es über den Handel an Kinderarztpraxen und Privathaushalte vertrieben werden.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.02.2002