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Nadelstreifen statt Tarnanzug

Von Wolfgang Drechsler, Handelsblatt
Es dauert eine Weile, bis der hoch aufgeschossene Mann mit dem markanten Gesicht und der kraftvollen Stimme alle Geschäftsfelder aufgelistet hat, in denen er mitmischt: im Gold- und Diamantenbergbau, in der Platinförderung und der Gasexploration, im Bankgewerbe, der Gesundheitsvorsorge und sogar im Entertainment- und Immobilienmarkt.
KAPSTADT. Eine stolze Bilanz für einen, der seinen Konzern erst vor knapp fünf Jahren gegründet hat. ?Ich möchte ein schwarzer Harry Oppenheimer sein?, hatte Tokyo Sexwale seine Ambitionen damals recht kühn beschrieben und auf Südafrikas wohl berühmtesten Geschäftsmann angespielt. Die Anerkennung des Bundeskanzlers jedenfalls hat er inzwischen. Am heutigen Donnerstag kommt Gerhard Schröder zu einem Mittagessen, das Sexwale und die deutsche Handelskammer in Johannesburg ausrichten.So ungewöhnlich wie der Name von Sexwales Firma Mvelaphanda, der in der Stammessprache der Venda ?Fortschritt? bedeutet, klingt auch sein eigener Spitzname Tokyo. Ihn bekam er, weil er schon in jungen Jahren ein begeisterter Karatekämpfer war. Seine eigentlichen Vornamen Mosima Gabriel kennt in Südafrika kaum jemand.

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Anders als der Werdegang seines Vorbildes Harry Oppenheimer aber, der ein halbes Jahrhundert lang dem Minenkonzern Anglo American und dessen Diamantenschwester De Beers vorstand, ist Sexwales Lebenslauf voller Brüche: Schon 1974, gleich nach Abschluss eines Wirtschaftsdiploms, geht der Sohn eines Johannesburger Krankenhausangestellten in den Untergrund, um gegen das Apartheid-Regime am Kap zu kämpfen. Wie andere schickt ihn der Afrikanische Nationalkongress (ANC), damals noch Befreiungsbewegung und in Südafrika verboten, zur militärischen Ausbildung nach Moskau. Dem Kommunismus kann er seitdem nicht viel abgewinnen.Ende 1976, wenige Monate nach den blutigen Schülerunruhen von Soweto, kehrt Sexwale mit einer Gruppe Guerillas illegal nach Südafrika zurück. Beim Grenzübertritt kommt es zum Zwischenfall, als die schwer bewaffnete Truppe, wie vorher vereinbart, einen vorbeikommenden Lieferwagen anzuhalten versucht. Der Fahrer ist jedoch nicht der erwartete Verbindungsmann, sondern ein argwöhnischer Polizist. Auf dem Weg zur Passkontrolle schleudert Sexwale eine Handgranate ins Fahrerhaus.Wenige Wochen später wird er festgenommen und zu 18 Jahren Haft auf der Sträflingsinsel Robben Island verurteilt, von denen er 13 Jahre absitzt. Auf der Insel trifft er Freiheitskämpfer Nelson Mandela und lernt seine (weiße) Frau Judy kennen, eine Rechtsreferendarin, mit der er heute zwei Kinder hat. Nach der Wiederzulassung des ANC am Kap profitiert Sexwale von der Amnestie für politische Gefangene. In der ersten Regierung nach der Apartheid-Ära bietet ihm der ANC den Posten des Premiers in der Provinz Gauteng an, Südafrikas wirtschaftlicher Schlagader.Inzwischen ist Sexwale aber, der lange Zeit als möglicher Kronprinz Mandelas galt, mit der Mvelaphanda Holding zum führenden schwarzen Geschäftsmann am Kap aufgestiegen. Geholfen hat dem 50-Jährigen das Bestreben des regierenden ANC, der schwarzen Bevölkerung nach dem politischen Umbruch am Kap auch wirtschaftlich den Rücken zu stärken.Das Schlagwort heißt ?Black Empowerment?. Immer häufiger werden heute Schwarze bei lukrativen Staatsaufträgen bevorzugt. Wer als ?weißes Unternehmen? keinen schwarzen Partner vorweisen kann, braucht sich um viele Aufträge erst gar nicht zu bewerben. Und Gesetze regeln, dass von Schwarzen geführte Unternehmen zum Beispiel in etwa zehn Jahren zu jeweils einem Viertel an allen Minen und Banken des Landes beteiligt sein sollen.Sexwale profitiert davon. Sein Konzern hat im vergangenen Vierteljahr für 4,1 Milliarden Rand (450 Millionen Euro) zunächst einen Anteil von 15 Prozent an Gold Fields, dem viertgrößten Goldförderer der Welt, erworben. Und im Dezember kaufte er für 2,6 Milliarden Rand einen Anteil von zehn Prozent an der Bankengruppe Absa.Aber immer mehr Beobachter kritisieren den Umfang seiner Zukäufe. Ihn selbst stört das wenig. Sexwale, der als diszipliniert und bescheiden gilt, hält sich dezent im Hintergrund und schickt zur Erklärung der Firmenstrategie seinen Chief Executive Officer Mark Willcox in die Öffentlichkeit. Im Gegensatz zu anderen schwarzen Geschäftsleuten, die sich den Vorwurf der Selbstbereicherung gefallen lassen müssen, scheint Sexwale seine Wurzeln im Widerstand nicht vergessen zu haben. Im vergangenen Jahr schüttete seine Gruppe rund 80 Millionen Rand an seine (schwarzen) Aktionäre aus, damit sie am Erfolg des Unternehmens teilhaben.Nicht wenige, die ihn kennen, beschreiben ihn als einen ?geborenen Geschäftsmann?, den nur die Umstände in den Widerstand getrieben hätten. Dies erklärt auch, weshalb er nach eigenem Bekunden keinerlei Ambitionen hat, eines Tages in die Politik zurückzukehren.Er selbst hat es angeblich nie bereut, die Tarnuniform und das Maschinengewehr gegen den schwarzen Nadelstreifenanzug getauscht zu haben ? und er sieht darin keinen Widerspruch. ?In gewisser Weise?, sinniert er, ?ist das, was ich jetzt mache, eigentlich nur die Fortführung des politischen Kampfes für eine umfassende Emanzipation schwarzer Menschen. Nur, dass für sie nun auf wirtschaftlichem Terrain gefochten wird.?
Dieser Artikel ist erschienen am 22.01.2004