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Nachsitzen für Qualmer

Von Katrin Terpitz und Claudia Tödtmann
Wer in der Firma raucht, muss länger arbeiten. Diskriminierung? Nein ? schlicht ein Gebot der Fairness. Denn weder will der Chef auf die bezahlte Arbeitszeit verzichten, noch wollen die Nichtraucher-Kollegen dauernd für die Qualmer einspringen. Die Schonzeit ist vorbei.
?Wenn ständig Telefonate für kettenrauchende Kollegen zu übernehmen sind, weil die mal wieder Zigarettenpause machen, gibt das leicht böses Blut?, warnt Heide Franken, Deutschland-Chefin des Personaldienstleisters Randstad. Stehen die Raucher dann noch in Sichtweite nichtstuend und tratschend zusammen, dann kochen bei den Nichtrauchern die Neidgefühle über. Rauchen ist Gift fürs Betriebsklima.Jedes fünfte Unternehmen in Deutschland steuert bereits gegen, zeigt eine Exklusiv-Umfrage von Randstad und Handelsblatt unter 304 Personalentscheidern. Bei 21 Prozent der Arbeitgeber müssen Raucher für ihre Zigarettenpausen ausstempeln und diese Zeit nacharbeiten.

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Zum Beispiel bei Rheinenergie in Köln: ?Wir haben das ganze Unternehmen samt Dienstfahrzeugen zur rauchfreien Zone erklärt?, heißt es bei dem Versorger. Als kleine Konzession gibt es für die 600 Mitarbeiter im Hauptgebäude lediglich im Erdgeschoss einen Raucherraum ? auch für die aus dem vierten Stockwerk. Und wer den aufsuchen will, muss ausstempeln. ?Wir kontrollieren das auch stichprobenartig. Und die Raucher akzeptieren das?, betont Unternehmenssprecher Christoph Preuß. Denn wer bei Rheinenergie Frühstückspause macht oder kurz mal einkaufen geht, muss sich schließlich ebenfalls abmelden und nacharbeiten, vergleicht er.
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Auch bei der Berliner Großdruckerei Laserline muss jeder, der rauchen will, ausstempeln ? und dazu noch vor die Firmentür treten. ?Bei dem harten Wettbewerb heute kann sich kein Unternehmen leisten, dass Raucher Tag für Tag wertvolle Arbeitszeit verschwenden?, argumentiert Firmenchef Tomislav Bucec.Hinzu kommt: ?In den großen Unternehmen sind die Raucher-Eldorados oft stramme Fußmärsche bis zu 15 Minuten entfernt von den Büros. Manch einer ist stundenlang unterwegs?, erzählt Rechtsanwalt Jan-Tibor Lelley von der Kanzlei Buse.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Unternehmerisch betrachtet ist ein Rauchverbot in jedem Fall sinnvoll.Der Arbeitsrechtler hat bereits für mehrere Konzerne die Rauchverbote in Betriebsvereinbarungen geregelt ? so wie es auch gesetzlich vorgeschrieben ist. Nicht einmal Raucherräume muss die Firma bereitstellen. Denn ein ?umfassender Nichtraucherschutz ist nur gewährleistet, wenn sich das Verbot auf sämtliche geschlossenen Räume erstreckt.? So urteilte bereits das Bundesarbeitsgericht, als Philips in Hamburg seine Raucher in einen Unterstand im Freien ? ähnlich einem Haltestellenhäuschen ? verbannte (Aktenzeichen 1 AZR 499|98).Argumente, dass Raucher in Einzelzimmern niemanden stören, ziehen also nicht. Und einen Anspruch auf eine gemütliche Raucherecke gibt es auch nicht, so die Richter. Ein Unterstand im Freien wirkt weder anprangernd, noch hat er ?Zoo-Charakter?, wie ein Philips-Mitarbeiter moniert hatte. Arbeitgeber, denen es unangenehm ist, wenn ihre Mitarbeiter dauernd auf dem Bürgersteig als qualmendes Aushängeschild der Firma herumstehen, schicken diese lieber in Hinterhöfe oder auf Balkone. ?Und die Putzfrau hat bei uns die ausdrückliche Dienstanweisung, den Topf mit den Kippen nicht zu leeren?, erzählt Michael Forst, Chef des Bonner Marktforschers EuPD Research. ?Wo Raucher vor die Tür müssen, rauchen sie weniger und holen es auch nicht abends zu Hause nach?, beobachtet Andreas Tautz, Direktor für Gesundheitsmanagement bei der Deutschen Post in Bonn.Bei mehr als jedem dritten Unternehmen in Deutschland herrscht bereits striktes Rauchverbot ? im ganzen Hause. Auch das ergibt die Umfrage von Randstad und Handelsblatt. Nur noch 14 Prozent der Firmen sind Raucherparadiese, in denen überall gequalmt werden darf. 60 Prozent der Unternehmen haben für die Tabakkonsumenten spezielle Aufenthaltsräume eingerichtet. Bei den 100 größten Arbeitgebern, die sich besonders dem Gesundheitsmanagement verschrieben haben, gilt bei über 63 Prozent ein Rauchverbot. Dies ermittelte eine Studie von EuPD Research, die noch unveröffentlicht ist. In den Niederlanden, in Schweden, Schottland und Portugal herrscht an allen Arbeitsplätzen gesetzliches Rauchverbot.
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Unternehmerisch ist das auf alle Fälle sinnvoll, denn die Raucherei kommt die Arbeitgeber teuer: Raucher im erwerbsfähigen Alter sind im Schnitt zu 30 Prozent häufiger krank als Nie-Raucher, belegen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Ein rauchender Beschäftigter in einem deutschen Betrieb verursacht jedes Jahr Kosten von durchschnittlich 1 040 Euro, berechnete das European Network for Smoking Prevention schon vor zwei Jahren. Berücksichtigt wurden allein der krankheitsbedingte Arbeitsausfall, höhere Reinigungskosten und Brandschäden durch Raucher. Noch gar nicht eingerechnet ist die Arbeitszeit, die fürs Rauchen draufgeht. Denn selbst wer mit dem Glimmstängel im Mund weiterarbeitet, verbraucht am Tag allein 20 Minuten ? bloß um sich eine Packung Zigaretten anzuzünden. Auf ein Jahr hochgerechnet bedeutet dies einen Arbeitsausfall von etwa zehn Tagen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Manche Firmen gehen noch konsequenter zu Werke.Manche Firmen gehen deshalb schon so weit und stellen gar keine Raucher mehr ein. Konsequent gibt sich die Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf. Seit Dezember lehnt sie ausdrücklich Raucher als Bewerber ab. ?Die WHO rekrutiert keine Tabakkonsumenten.? Besonders in den USA haben es Raucher bei der Jobsuche immer schwerer. Die größte Eisenbahngesellschaft des Landes, Union Pacific, stellt nur noch Nichtraucher ein. Rauchende Mitarbeiter mussten sich zwischen Job und Zigarette entscheiden.Hier zu Lande geben nur wenige Manager offen zu, dass sie lieber Nichtraucher beschäftigen. Dazu gehört Werner Maiwald, Chef des Mittelständlers BuS Elektronik in Riesa. ?Nichtraucher erhalten den Vorzug?, macht Sachsens Unternehmer des Jahres 2006 klar. Auch Laserline-Chef Bucec betont: ?Wir diskriminieren Raucher nicht, viele gute Mitarbeiter von uns rauchen. Bei gleicher Qualifikation aber würde ich lieber einen Nichtraucher einstellen.?
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Ob Raucher als Bewerber von vornherein abgelehnt werden dürfen ? so verkündete es jedenfalls EU-Sozialkommissar Vladimir Spidla ? oder nicht, ist umstritten. Unter den Kriterienkatalog des neuen Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes fällt es jedenfalls nicht. Und ohnehin ist dies ein eher theoretisches Problem. Denn kaum ein Raucher dürfte sich seine gesamte Probezeit über ? wenn ohne Angabe von Gründen gekündigt werden darf ? verstellen können. Vielen Rauchern ist ihre Leidenschaft an gelben Fingern und Zähnen sowieso anzusehen, oft verrät sie auch ihr Geruch. Spätestens ein unauffälliger Anruf beim Ex-Arbeitgeber bringt es ans Tageslicht. Und das Problem, was ist, wenn jemand erst später zu rauchen beginnt, ? das existiert permanent.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.08.2006