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Nachhaken

Wer heutzutage gutgläubig davon ausgeht, dass alles, was einmal vereinbart, versprochen, erbeten oder zugesagt wurde, auch zuverlässig und pünktlich erledigt wird, der ist wahrscheinlich in einem Heimatfilm aufgewachsen.
Wer heutzutage gutgläubig davon ausgeht, dass alles, was einmal vereinbart, versprochen, erbeten oder zugesagt wurde, auch zuverlässig und pünktlich erledigt wird, der ist wahrscheinlich in einem Heimatfilm aufgewachsen. Von der Wirklichkeit des Berufslebens hat er jedenfalls eine viel zu rosige Vorstellung.Die sieht nämlich so aus, dass kaum jemand auf Anhieb das tut, was von ihm erwartet wird. Stattdessen lassen die meisten Dinge ziemlich lange auf sich warten: Antworten auf Briefe, Telefaxe und E-Mails, versprochene Rückrufe, Zusagen oder Absagen auf Einladungen, zugesagte Gefallen, Lieferungen, Zahlungen. Selbst fest vereinbarte Termine und Fristen ändern daran wenig, weil jeder davon ausgeht, dass der andere in seiner Planung bestimmt irgendwo einen kleinen Sicherheitsspielraum hat (siehe Terminvorgaben). Das gilt übrigens nicht nur für Geschäftsbeziehungen zu Partnern und Kunden außer Haus, sondern genauso innerhalb ein und derselben Arbeitseinheit: Auch zwischen Kollegen und zwischen Chefs und ihren Mitarbeitern (und umgekehrt) ist die rechtzeitige Erledigung anstehender Angelegenheiten nicht unbedingt die Regel.

Die besten Jobs von allen

Der Trend zum Liegenlassen ist bei den Energiesparern ganz eindeutig auf den festen Glauben daran zurückzuführen, dass sich fünfzig Prozent aller Dinge genau dadurch von alleine erledigen. Was nicht völlig falsch ist, aber dummerweise keine Antwort auf die Frage liefert, welche fünfzig Prozent man getrost liegen lassen kann.Häufig verbirgt sich hinter der Nicht-Bearbeitung von Angelegenheiten allerdings noch nicht einmal Bequemlichkeit, sondern entweder Überlastung oder mangelndes Organisationstalent. Wer zu viele Arbeitsaufträge erledigen muss, hat ab einem gewissen Punkt nur noch die Wahl zwischen Nachtschicht und Liegenlassen - und wer es nicht schafft, zwischen "dringend", "wichtig" und "kann warten" vernünftig zu unterscheiden, steht irgendwann vor demselben Problem. In beiden Fällen wird der "zu erledigen"-Stapel immer größer. Und in dem stecken möglicherweise auch Dinge, auf die Sie inzwischen händeringend warten, weil Sie sich ein bisschen zu lange darauf verlassen haben, dass der andere tut, was Sie von ihm erwarten, und sich ganz von alleine an Abmachungen hält. So viel Vertrauen erweist sich nicht selten als Fehler. Wie groß der ist, merken Sie spätestens dann, wenn Sie Ärger bekommen, bloß weil der andere Sie hängen lässt.Wie man nachhakt. Alles, was Sie dazu brauchen, ist ein Terminkalender. In dem können Sie nicht nur private Geburtstage und Friseurtermine notieren, sondern grundsätzlich alles, auf das Sie warten, von Angeboten über Rückrufe bis zu Zahlungseingängen. Diese Dinge tragen Sie schlauerweise immer ein paar Tage vor dem allerletzten Moment der Fälligkeit ein. Und wenn sich bis dahin nichts rührt, ist der Eintrag im Kalender ein guter Anlass, einfach mal nachzufragen: "Wir rechnen nächste Woche mit Ihrer Lieferung - bleibt es dabei?", "Bisher haben wir von Ihnen keine Unterlagen erhalten - Sie wissen doch, dass die Frist übermorgen abläuft?" oder, im Umgang mit Mitarbeitern: "Ich hatte Sie doch vor zwei Wochen darum gebeten, sich um das Problem mit Herrn Schmidt zu kümmern. Was ist eigentlich daraus geworden?"Höflich nachhaken. Warum Sie nachhaken, dafür lassen sich viele schöne Begründungen finden. Das einzig wirklich Wichtige ist, wie Sie nachhaken: Immer hübsch freundlich bleiben ist bei diesen Aktionen das Gebot der Stunde, sogar wenn mehrfaches Nachhaken erforderlich ist. Wer das nicht tut, klingt schnell vorwurfsvoll, und das hört niemand gerne, auch wenn es vielleicht noch so gerechtfertigt ist.Vorausgesetzt, der Tonfall stimmt, sind die Reaktionen auf Nachhakaktionen immer sehr beruhigend, zumindest für Sie: Entweder gewinnen Sie den Eindruck, dass die andere Seite alles im Griff hat und die Angelegenheit tatsächlich vereinbarungsgemäß erledigt. Oder Sie gewinnen den Eindruck, die andere Seite gerade noch so rechtzeitig aufgescheucht zu haben, dass es mit der Erledigung doch noch klappen könnte. Gelegentlich wird man auch versuchen, Sie mit einem Zwischenbescheid erst mal ruhig zu stellen. In diesen Fällen ist es allerdings ratsam, rechtzeitig daran zu denken, dass gerade solche Manöver irgendwann weiteres Nachhaken erfordern.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.05.2004