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Nach oben gelobt

Von Christoph Schlautmann und Thomas Sigmund
Josef Sanktjohanser soll ab sofort den größten deutschen Handelsverband HDE führen. Doch der Rewe-Vorstand gilt als zweite Wahl.Nur wenige trauen dem 56-jährigen Sohn einer Kaufmannsfamilie aus dem Westerwald bislang zu, sich mit Charme und Geschick bei den Berliner Regierungsverantwortlichen Gehör zu verschaffen. Zu verschlossen sei Sanktjohanser, kritisieren Verbandskollegen, zu wenig Politiker.
DÜSSELDORF/BERLIN. Es ist sein erster großer Auftritt. Und Josef Sanktjohanser ist vor seiner Rede sichtlich nervös. Er sitzt in der ersten Reihe des Konferenzraums und hantiert immer wieder mit seinem Manuskript. Die Spannung steigt, als sich noch Finanzminister Peer Steinbrück neben ihn setzt und die Fotografen anlockt.Dann duldet die Sache keinen Aufschub mehr. Der neue Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE) muss nach vorne ans Pult. Sanktjohanser setzt seine Hornbrille auf - und liest seine Rede vom Manuskript ab. Klar, er stellt Forderungen an die Politik. Aber er spricht nicht wie ein Politiker. Er macht kaum Pausen, um den mehreren hundert Gästen im Saal des Berliner Maritim-Hotels Gelegenheit zum Applaus zu geben.

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Nur einmal, als er fordert, "der Staat soll das Geld lieber in den Unternehmen lassen", signalisieren einige lautstark ihre Zustimmung. Da greift mancher Gast lieber im Foyer vor dem Saal zu einem trockenen Stück Kuchen. Dann, nach etwa 15 Minuten, ist Sanktjohanser fertig - kurzer Beifall, verhalten freundlich. Er nimmt sein Manuskript, tritt ab und scheint froh zu sein, seinen ersten Auftritt hinter sich zu haben.Beim HDE, der mit Abstand größten Standesvertretung deutscher Krämer, bricht nach 16 Jahren der Regentschaft von Hermann Franzen eine neue Zeitrechnung an. Dem weltgewandten Porzellanhändler von Düsseldorfs Prachtmeile Königsallee, der sich gern in der Rolle des Diplomaten für den deutschen Einzelhandel gefiel, folgt nun ein Fleißarbeiter ohne Glamour. "Der neue Präsident redet hölzern wie ein Pastor", entfährt es einem einflussreichen Handelsmanager und HDE-Mitglied. Nur wenige trauen dem 56-jährigen Sohn einer Kaufmannsfamilie aus dem Westerwald bislang zu, sich mit Charme und Geschick bei den Berliner Regierungsverantwortlichen Gehör zu verschaffen. Zu verschlossen sei Sanktjohanser, kritisieren Verbandskollegen, zu wenig Politiker.Dabei tritt mit Sanktjohanser erstmals ein Konzernvorstand an die Spitze der rund 100 000 organisierten deutschen Einzelhändler. Traditionell wählten die in ihrer Überzahl mittelständischen Unternehmer in der Vergangenheit stets einen der ihren auf den Präsidentensessel. Ab 1969 wachte der neulich verstorbene Düsseldorfer Bilderrahmenhändler Friedrich Conzen über die Geschicke des Verbandes, 1984 abgelöst vom Bremer Textilkaufmann Wolfgang Hinrichs, einem Chef zweier Modehäuser. In den vergangenen 16 Jahren dann gab Hermann Franzen die Politikrichtung vor - auch er durch und durch Mittelständler.Doch seinem jetzt in Berlin gekürten Nachfolger eilt der Ruf eines Ersatzmanns voraus. Über Jahre hinweg hatte sich der Spitzenverband vergeblich bemüht, einen Nachfolger für den amtsmüden Franzen zu finden. Zuletzt mussten die Berliner sogar ihre Satzung ändern, um eine weitere Amtsperiode des heute 66-Jährigen zu ermöglichen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kandidaten-Suche geriet immer wieder zu einem Hornberger SchießenZähe Kandidaten-Suche Bis zuletzt geriet die Suche nach dem geeigneten Kandidaten immer wieder zu einem Hornberger Schießen. Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub, politisch versiert und sicher im öffentlichen Auftritt, lehnte wegen angeblicher Arbeitsüberlastung ab. Vertraute berichten, der vermögende Konzernchef habe eine zu große Publicity befürchtet, die ihn um die Sicherheit seiner Familie bangen ließ.Auch der langjährige Metro-Top-Manager und HDE-Experte Erich Greipl galt lange Zeit als heißer Kandidat für das öffentliche Spitzenamt. Der einflussreiche Strippenzieher aber galt den Verbandsoberen wegen seiner Konzernzugehörigkeit nicht als mehrheitsfähig. Noch immer sehen viele mittelständische Händler die billigen Fachfilialen und Cash-&-Carry-Märkte des Düsseldorfer Dax-Konzerns als ihre härtesten Wettbewerber. In dem ebenso bodenständigen wie bescheiden auftretenden Sanktjohanser findet die deutsche Händlerschar dagegen ihren kleinsten gemeinsamen Nenner.Zum einen sitzt der frisch gekürte HDE-Präsident im Vorstand des mächtigen Kölner Rewe-Konzerns, Deutschlands zweitgrößtem Handelsunternehmen nach der Metro. Zum anderen ist er Spross einer alteingesessenen Händlerfamilie, die bis vor wenigen Wochen im Westerwald, Sachsen, Hessen und Rheinland-Pfalz rund 20 Lebensmittelgeschäfte unter dem Namen Petz betrieb. Der traditionsreiche Firmenname fiel nun zwar der einheitlichen Umstellung auf das "Rewe"-Logo zum Opfer. Doch immer noch weiß Sanktjohanser, wo den kleinen Händler an der Ecke der Schuh drückt. Das verbindet.Die Wirren in der Kölner Konzernzentrale haben allerdings nicht nur den Firmennamen der Familie beschädigt, sondern auch Sanktjohanser selbst. Nach dem spektakulären Abgang des inzwischen wegen Betrugs verurteilten Rewe-Chefs Ernst Dieter Berninghaus hievte ihn Aufsichtsratschef Klaus Burghard Ende 2004 zunächst ganz nach oben an die Konzernspitze - zusammen mit den Co-Vorstandssprechern Gerd Bruse und Hans Schmitz. Weil aber sichtbare Erfolge bei der Neuausrichtung des Konzerns ausblieben, folgte der Abstieg: Nach dem Antritt des neuen Rewe-Chefs Achim Egner musste Sanktjohanser zurück ins Glied.Als ihm firmenintern dann noch der umstrittene Kauf der wenig rentablen Extra-Märkte von der Metro angelastet wurde, musste Sanktjohanser im Oktober 2005 sogar um seinen Vorstandsposten bangen. Zudem war das von ihm geführte "Marktmanagermodell", mit dem Rewe eigene Supermärkte an selbstständige Händler ausgliedern wollte, ins Stocken geraten.Am 17. Mai 2006 entschied der Aufsichtsrat: Sanktjohanser darf bleiben, muss die Verantwortung für das nationale Supermarktgeschäft aber an den neuen Rewe-Vorstand Stephan Fanderl abgeben.Als Trost erfand Rewes Aufsichtsrat gemeinsam mit dem damaligen Konzernchef Egner das Vorstandsressort "Public Affairs" - und lobte ihn dann umgehend an die HDE-Verbandsspitze. Die Degradierung kleidete Rewes Pressestelle in schmuckvolle Worte. "Der Aufsichtsrat", hieß es in der Meldung, "unterstützt die Nominierung Sanktjohansers zum künftigen Präsidenten des HDE."Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Josef Sanktjohanser Vita von Josef Sanktjohanser1950 wird er in Wissen an der Sieg geboren. Seine Eltern betreiben im Westerwald bereits seit 1925 ein Lebensmittelgeschäft, das sich später der Rewe-Genossenschaft anschließt.1977 tritt Sanktjohanser nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in die Geschäftsleitung eines mittelständischen Lebensmittelhändlers ein.1986 wechselt er als Geschäftsführer zur Rewe-Handelsgesellschaft Koblenz und leitet ab 1991 die Großhandlung Rewe West.2004 im Februar beruft ihn die Rewe als Vorstand in die Kölner Zentrale, wo er für das nationale Supermarktgeschäft verantwortlich wird.2006 muss er das wichtige Vorstandsressort abgeben, stattdessen wird er zuständig für "Public Affairs".
Dieser Artikel ist erschienen am 01.11.2006