Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Nach Leichen im Keller googeln

Von Frank Siering
Vor allem in den USA suchen immer mehr Personalchefs im Netz nach Details über Jobanwärter ? und erleben oft Überraschungen. Längst verdrängte Internetaktivitäten können manchen Bewerber so um das ersehnte Vorstellungsgespräch bringen.
LOS ANGELES. Für Maja Skipp war es bereits die vierte Absage in einer Woche. Dabei war die 29-Jährige zumindest für die ausgeschriebene Stelle bei der großen Werbeagentur im kalifornischen Santa Monica eigentlich die perfekte Kandidatin. Uni-Abschluss, deutsche und englische Sprachkenntnisse, Erfahrung im Marketing ? lauteten die Voraussetzungen. ?Ich habe alle 100-prozentig erfüllt?, wunderte sich Skipp. Auch Zeugnisse und Referenzen waren in Ordnung. Sie verstand die Welt nicht mehr.Am Telefon druckste der freundliche Personalchef zunächst ein bisschen herum. Als die gebürtige Wienerin insistierte, wurde er deutlich: ?Ich habe Ihren Namen im Internet gegoogelt, und dabei bin ich auf recht merkwürdige Blogs gestoßen. Deshalb habe ich lieber andere Kandidaten eingeladen.? Skipp war wie vom Donner gerührt. Ihre Internet-Vergangenheit war es, die der begeisterten Surferin Maja Skipp jetzt den lukrativen Job kostete. Als Studentin hatte Skipp ein persönliches Tagebuch, ein so genanntes Blog, ins Internet gestellt. Damals schien es eine witzige Idee. So konnte die Wienerin ihre Freunde rund um den Globus über persönliche Erlebnisse auf dem Laufenden halten. Leider waren in diesem Blog auch Fotos, die Skipp bei einer College-Fete zeigten: ein Bierglas schwenkend in zweideutigen Posen ? eine Jugendsünde. Doch so etwas nehmen gerade US-Firmen manchmal sehr ernst.

Die besten Jobs von allen

So wie der Werbeexpertin geht es mittlerweile vielen in den USA. Eine Studie der Internetplattform Info-Space ergab, dass mittlerweile 23 Prozent aller Internet-Surfer in Unternehmen die Suchmaschine Google nutzen, um Informationen über alle möglichen Leute herauszufinden: Mitarbeiter, Klienten, Geschäftspartner oder eben Stellenbewerber. Fast 80 Prozent aller befragten Personalchefs antworteten, dass sie das Internet als Instrument für so genannte Background-Checks nutzen. Waren es bisher Referenzen, Zeugnisse und Berufserfahrung, die Personalchefs genügten, um sich ein Bild vom potenziellen neuen Kollegen zu machen, so hat das Internet ganz neue Türen zur Informationsbeschaffung geöffnet.?Keine Frage ? das Internet hilft uns ungemein bei der Auswahl von geeignetem Personal?, bestätigt ein Mircosoft-Manager, der lieber ungenannt bleiben möchte. Ausgerechnet Microsoft, jene Firma, die das Blogging schon seit Jahren promotet, bringt seine Mitarbeiter immer öfter ob ihrer außerdienstlichen Internet-Aktivitäten in Schwierigkeiten. Cameron Reilly zum Beispiel gab seinen Job bei Microsoft auf. Er hatte in seinem persönlichem Blog ? von dem er Microsoft vor Vertragsunterzeichnung erzählt hatte ? dies geschrieben: ?Microsoft hatte einst großartige Produkte und nur mittelmäßiges Marketing, heute allerdings nur noch mittelmäßige Produkte und sehr gutes Marketing.? Der Australier stritt sich einige Wochen mit dem Personalchef, weil dieser ihn aufforderte, den Kommentar aus seinem Internet-Tagebuch zu streichen. Daraufhin quittierte Reilly den Job und gründete seine eigene Firma.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Chatrooms oder Weblogs tabuÄhnlich ging es Ellen Simonetti. Sie präsentierte sich in der Arbeitsbekleidung ihrer Firma Delta Airlines etwas provokant auf Fotos, die sie im Flugzeug zeigen. Auch Mark Jen, ausgerechnet ein Google-Mitarbeiter verlor seinen Job wegen seiner Äußerungen im Internet. Er hatte über die ersten Tage im neuen Job in seinem Online-Tagebuch geschrieben. Am Ende stand für Simonetti wie für Jen die fristlose Kündigung. Mittlerweile lassen immer mehr Unternehmen ihre neuen Mitarbeiter so genannte Blogging-Richtlinien unterschreiben, bevor sie sie anstellen. Dennoch: Viele US-Bundesstaaten erlauben keine Diskriminierung gegen Bewerber, deren Internet-Aktivitäten von rein privater Natur sind.Charles Fleischer ist Arbeitsrechtler und Autor des Buches ?The Complete Hiring and Firing Handbook?. Er verteidigt die Wissensgier der Unternehmen, wenn es um Personalentscheidungen geht. ?Es ist doch sinnvoll, dass eine Firma nur dann jemanden einstellt, wenn sie ganz sicher sein kann, dass es sich um einen wirklich geeigneten Bewerber handelt?, meint Fleischer. ?Wenn das Internet beim Entscheidungsprozess hilft ? warum nicht?? Zu finden gibt es allerhand: private Hobbies, Mitgliedschaft in Parteien, Gewerkschaften oder Vereinen, Eintragungen in Internet-Gästebücher, Unterschriftenlisten, Chatrooms oder eben Weblogs.Was Jobbewerber tun sollten, um bei Vorstellungsgesprächen nicht mit unangenehmen Blogging-Vergangenheiten konfrontiert zu werden? ?Jeder Bewerber sollte sich zunächst einmal selbst googeln und einen Google-Alert einrichten?, empfiehlt Fleischer. Damit wird man automatisch per Mail verständigt, sobald sein Name irgendwo im Internet auftaucht. ?Somit weiß jeder, was ihn erwartet.? Notfalls kann der Bewerber seine Internet-Laufbahn sogar selbst bereinigen, indem er pikante Netzeintragungen streichen lässt. Doch nicht nur das Blogging kann dem Bewerber Ärger mit einem Personalchef einbringen. Die beliebten Fotohandys oder das Podcasting lassen sich ebenfalls als Kontrollinstrumente benutzen. Hinter demPodcasting verbirgt sich ein Audio-Blog. Hier kann jeder Personaler recht leicht nachvollziehen, ob der Ton des Kandidaten der geeignete ist. Und auch die kleinen Kameras, die heute in Handys eingebaut sind, haben schon so manch Übermütigen zu peinlichen Bilderserien hinreißen lassen, die er unbedacht ins Internet gestellt hat.So wie auch bei Korby Pearl. Auch der Programmierer aus Los Angeles wunderte sich, warum ein Unternehmen ihn in allerletzter Minute doch nicht den versprochenen Job gab. Obwohl er schon eine klare Zusage erhalten hatte. Wenige Tage später bekam Pearl eine anonyme E-Mail. Im Anhang ein Foto, das einen recht fröhlichen Korby unter einem Fass Bier liegend am Strand von Miami zeigte. Aufgenommen mit der Kamera seines eigenen Handys.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.10.2005