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Nach der Politik-Karriere lockt das große Geld

Von Michael Scheerer
Wilhelm Schönfelder räumt in diesen Tagen sein Büro im siebten Stock der deutschen EU-Vertretung in Brüssel. Er tritt als dienstältester Diplomat in Brüssel ab und wird als Lobbyist heiß umworben ? auch von Siemens.
Der deutsche EU-Botschafter Wilhelm Schönfelder wird von der Industrie umworben. Foto: ap
BRÜSSEL. Die Fotos auf dem Schreibtisch, das Grünzeug in den Töpfen, das große Schiffsmodell auf der Vitrine ? alle persönlichen Sachen des EU-Botschafters kommen in Umzugskartons. Am 23. Juli ist für Brüssels dienstältesten Diplomaten der letzte Arbeitstag. Doch aufs Altenteil wird sich der Doyen des diplomatischen Korps wohl nicht zurückziehen.Der 66-Jährige darf sich nach acht Jahren als deutscher Chefdiplomat am Sitz der Europäischen Union auf eine lukrative Anschlusskarriere in der Wirtschaft freuen. Deutsche Dax-Konzerne umwerben den Spitzenbeamten. Internationale Anwaltskanzleien haben angefragt. Headhunter wittern eine satte Vermittlungsprovision. Mehr als eine Hand voll Angebote liegt auf seinem Schreibtisch.

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Der deutsche EU-Statthalter muss nur wollen, dann könnte er seine Gummibäume und die Familienfotos schon am 1. August in einem anderen Brüsseler Büro aufstellen. ?So viel Erfahrung ist Gold wert?, sagt eine auf EU-Positionen spezialisierte Personalvermittlerin.Gold vielleicht nicht. Aber ein Jahresgehalt von mindestens 200 000 Euro gilt in Brüsseler Lobbykreisen als angemessene Entlohnung für einen Mann, der in seiner langen Diplomatenkarriere ein wertvolles Netz geknüpft hat und über beachtliches Verhandlungsgeschick verfügt. ?Ich bin überrascht, wie gut in der Wirtschaft gezahlt wird?, sagt Schönfelder mit einem Hauch gespielter Naivität. ?Da verdient mancher Filialleiter mehr als die Bundeskanzlerin.?Wenn die üblicherweise gut informierten Kreise dieses Mal nicht völlig daneben liegen, dann spricht einiges dafür, dass Schönfelder unter anderem mit dem Münchener Siemens-Konzern verhandelt. Siemens ist wie die meisten großen deutschen Dax-Unternehmen mit einer eigenen Repräsentanz in Brüssel vertreten.Bayerische Quellen wollen wissen, dass der Vertrag von Siemens fertig zur Unterschrift sei. ?Schönfelder soll am 1. September anfangen?, sagt ein dem Konzern nahe stehender Münchener EU-Lobbyist. Ein Siemens-Sprecher wollte sich zwar zu Personalspekulationen nicht äußern, bestätigte aber, dass in Brüssel eine ?planmäßige Nachfolgeregelung? für den jetzigen Büroleiter anstehe.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Auch Volkswagen wird als potenzieller Arbeitgeber genannt.Auch Europas größter Automobilhersteller, VW, wird im Zusammenhang mit dem Namen des deutschen EU-Botschafters genannt. Schon vor Jahresfrist hieß es, der für seine jovialen Umgangsformen geschätzte EU-Diplomat werde nach seiner Pensionierung für den Autobauer als Repräsentant in Brüssel arbeiten.Fragen nach seiner beruflichen Zukunft beantwortet Schönfelder mit beharrlichem Schweigen. ?Es ist noch nichts entschieden?, sagt er und zeigt ein ironisches Schmunzeln in den Mundwinkeln. Es wäre eine Überraschung, wenn er sich tatsächlich in seinen Sprengel Bockeroth bei Königswinter zurückziehen sollte, um im Garten hölzerne Kerzenständer und Vasen zu drechseln. ?Die Fallhöhe wäre viel zu groß?, sagt ein Ex-Kollege, der ihn lange kennt.Hinter dem Karrierediplomaten mit Stationen in Washington und Paris liegen zwar die sechs anstrengendsten Monate seiner Laufbahn. Während der gerade beendeten deutschen EU-Ratspräsidentschaft agierte er als täglicher Vermittler zwischen der Berliner Regierungszentrale und den übrigen 26 EU-Staaten. ?Das war?, räumt er ein, ?ziemlicher Stress.? Dennoch sieht der Genussmensch mit Vorliebe für nordhessische Wurstspezialitäten nicht so aus, als wolle er sich dem Brüsseler Spiel um Macht und Einfluss entziehen.Das konnten andere vor ihm auch nicht. Jochen Grünhage zum Beispiel, langjähriger stellvertretender EU-Botschafter, macht seit seiner Pensionierung 2001 für den Deutschen Sparkassen- und Giroverband die sensible Brüsseler Lobbyarbeit. Alexander Schaub, erfolgreicher deutscher Beamter in der EU-Kommission, arbeitet seit seiner Versetzung in den Altersruhestand für die Kanzlei Freshfields. Der ehemalige Grünen-Abgeordnete und Staatssekretär im Verbraucherschutzministerium, Matthias Berninger, ist Lobbyist für den US-Nahrungskonzern Mars in Brüssel. Jetzt erzählt er seinen Parteifreunden im Europaparlament, wie gesund Schokoriegel sind.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.07.2007