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Mysteriös und transparent

Von Thomas Wiede
Russland ist ein Land der Gegensätze. Das gilt auch für seine Großinvestoren: Den klassischen Oligarchen und dem Staat ist wenig an Öffentlichkeit und Kritik gelegen. Fondsgesellschaften wie Prosperity Capital müssen unter diesem Transparenz-Mangel leiden.
Serie: Die großen Financiers der Welt. Grafik: HB
MOSKAU. Alexander Branis zu treffen, ist ausgesprochen einfach. Das Moskauer Büro von Prosperity Capital, dessen Direktor er ist, liegt in einem Geschäftszentrum im traditionellen Kaufmannsviertel Zamoskworetschi. Die Räume wirken nüchtern, im Eingang stapelt sich Faxpapier. Das Konferenzzimmer kennt kaum Deko, auf dem Fensterbrett steht nur ein kleiner Glaspokal: Er erinnert an den ersten Fonds, den Prosperity mit 27 Mill. Dollar aufgelegt hat. Das war 1996.Heute verwaltet Prosperity rund 4,5 Mrd. Dollar ? und Branis ist der Mann, der entscheidet, wie dieses Kapital investiert wird. Die Fondsgesellschaft ist derzeit die Nummer eins für ausländische Investoren in Russland und sie steht für einen neue Investorengruppe, die das Wirtschaftsleben Russlands prägt.

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Branis selbst sieht älter aus als die 30 Jahre, die er zählt. Vielleicht macht das der Nadelstreifenanzug, vielleicht aber auch einfach das Geschäft. Für sein Alter hat er schon eine Menge gesehen. Er saß unter anderem im Aufsichtsrat des staatlichen russischen Stromkonzerns RAO UES. Diese Zeit hat ihn in einer Erkenntnis bestärkt - staatliche kontrollierte russische Konzerne bei Investitionen zu meiden: Gazprom, Rosneft oder die Sberbank finden sich nicht im Portfolio von Prosperity: ?Die Interessen privater Anleger und des Staates lassen sich oft nicht unter einen Hut bringen?, hat Branis bei UES gelernt.Gegründet haben die Firma zwei Schweden, Mattias Westman und Paul-Leander Engstrom, doch nur noch Westman ist aktiv dabei und vermarktet die Gesellschaft und ihre Produkte von London aus. Ihren Sitz hat Prosperity auf den Cayman Inseln, doch das Gehirn ist Branis, der schon als Petersburger Student eingestiegen ist.Ganz so dogmatisch sieht er es mit den staatlich kontrollierten Konzernen dann doch nicht: Selbstverständlich kaufen sie Papiere hinzu, wenn sie sehen, dass diese völlig unterbewertet sind. Neben der Telekommunikation und dem Einzelhandelssektor hat Prosperity außerdem die russische Strombranche für sich entdeckt: UES soll schließlich zerlegt und weitgehend privatisiert werden.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die größte Herausforderung ist die fehlende Transparenz in der Wirtschaft. Branis ist ein wenig stolz darauf und erzählt gerne, dass Prosperity mit dem UES-Management um Privatisierungsstrategie gerungen ? und sich schließlich als Mitglied der Expertengruppe beim Präsidenten durchgesetzt habe. Prosperity hat auch Eon vor sieben Jahren einmal einen Termin bei Putin arrangiert: Der deutsche Stromkonzern war schließlich seit 1995 Anteilseigner am Petersburger Versorger Lenenergot. Bei dem Treffen sollte es darum gehen, den Präsidenten davon zu überzeugen, ausländische Investoren in den Umbau von UES einzubinden.Als Investor in Russland sieht Branis vor allem eine Herausforderung: Die nach wie vor fehlende Transparenz in der Wirtschaft. ?Es gibt kaum verlässliche Informationen?, sagt er. Jedes Unternehmen müsse man selbst genau unter die Lupe nehmen und dann als Investor auch weiter entwickeln.Fondsgesellschaften sind dabei nicht die einzige Gruppe. ?Es gibt verschiedene Kategorien von Großinvestoren in Russland?, sagt Christopher Weafer, Chef-Stratege der Alfa Bank. Das sind vor allem die klassischen Oligarchen: Männer wie der Alu-Zar Oleg Deripaska oder der Besitzer des Stahlkonzerns Severstal, Alexej Mordaschow. Sie haben es während der Privatisierungen der neunziger Jahre geschickt verstanden, Firmen zu übernehmen und heute auch strategisch weiterentwickeln wollen. Oder der Chef der Alfa-Gruppe Michail Friedman, der in einem Interview durchblicken ließ, er werde sich von jeder Beteiligung trennen, wenn es sich denn für ihn lohnen würde.Einer der schillerndsten und wohl auch mysteriösesten Großinvestoren Russlands ist Suleiman Kerimow. Er hat bislang nur selten Schlagzeilen gemacht ? dann aber richtig. So wie im November vergangenen Jahres, als er einen angeblich geliehenen Ferrari Enzo ? Listenpreis 670 000 Dollar ? auf der ?Promenade des Anglais? in Nizza gegen einen Baum lenkte. Darüber, wie es dem Fahrer seitdem ergangen ist, kursieren viele Geschichten. Relativ schnell kam heraus, wer ihn in dieser Nacht auf dem Weg vom Flughafen begleitet hat: Die bekannte russische Talkshowmoderatorin Tina Kandelaki, die nach eigenen Angaben jedoch krank im Bett lag.Suleiman Kerimow, 41 Jahre alt, ist geboren in der Kaukasus-Republik Dagestan, verheiratet und hat drei Kinder. Forbes schätzt sein Vermögen auf rund 12,8 Mrd. Dollar. Seine Firma GNK, die ehemalige sowjetische Ölhandelsgesellschaft Nafta Moskva, will er zum größten Investmenthaus Russlands machen. Laut Spark Interfax liegen fast 100 Prozent von GNK bei der ZAO FK-Kapital, die wiederum Kerimows Frau Firusa Kerimowa gehört. Kerimow, der auch Abgeordneter des russischen Parlaments ist, hat seine Aktien derzeit vor allem in Staatsbetrieben. Er hält unter anderem sechs Prozent an der Sberbank, dem größten Finanzinstitut des Landes, und ist mit 4,5 Prozent einer der Großaktionäre von Gazprom.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Kerimows Strategie bleibt, wie der Mann selbst, undurchsichtig. Den Grundstein zu seinem Vermögen hat er wohl als Raider gemacht: So kaufte und verkaufte er unter anderem Vnukovo Airlines und den Versicherer Ingosstrakh. Über die wahre Quelle seines Reichtums ranken sich jedoch viele Geschichten: Seine Firmeneinkäufe seien vor allem auf riesigen Schulden aufgebaut, über die aber nichts veröffentlicht ist, heißt es in Medienberichten. Kerimows Strategie bleibt, wie der Mann selbst, undurchsichtig.Anruf bei der Telefonnummer, die auf der Webseite von Nafta Moskva unter ?Kontakt? steht: Es meldet sich eine Frauenstimme mit ?Hallo? ? mehr nicht. Eine Presseabteilung gibt es nicht; Anfragen bitte per Fax. Eine Antwort werde es nur geben, wenn auf der anderen Seite Interesse an einem Kontakt bestehe, sagt die Frauenstimme.Kerimow, von dem es nur wenige Bilder gibt, auf denen ein jungenhaftes Gesicht eher zufällig in die Kamera lächelt, ist nur dann offen für die Presse, wenn es um seinen Lebensstil geht. Als er sich die 90 Meter lange Motorjacht ?Air? kaufte, lud er gleich mehrere Yachtmagazine zur Besichtigung ein.
Reiche RussenReichtümer: Das US-Magazin ?Forbes? hat in diesem Jahr weltweit 946 Milliardäre gezählt. Das sind 153 mehr als im Vorjahr. Ihr Vermögen beträgt 3,5 Billionen Dollar, ein Plus von 35 Prozent; einen solchen Anstieg gab es noch nie.Unterschiede: Die 500 reichsten Russen verfügen inzwischen über ein Vermögen, das rund vierzig Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht. Große Teile der Bevölkerung, darunter viele Rentner, sind dagegen verarmt.Quellen: Ein großer Teil des Reichtums in Russland wurde durch die Rohstoffmärkte angeschoben. Von den rekordhohen Notierungen, etwa bei Öl, profitierten Unternehmen wie GNK, die ehemalige russische Ölhandelsgesellschaft.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.07.2007