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Mut zur Lücke

Liane Borghardt
Foto: Horst Larog
Im Mittelalter pinnten die Scholares eifrig mit - Bücher besaßen sie nicht. In Zeiten des Notebooks sieht es kaum anders aus: Das Mitschreiben in Vorlesungen gehört zu den Haupttätigkeiten von Studenten. Viel bringt die emsige Handarbeit jedoch oft nicht.
Egal, ob Sozialwissenschaften, Mathe, Theologie oder Jura: 92 Prozent der Dozenten sehen ihre Studenten "regelmäßig" mitschreiben. Das hat eine Umfrage an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität ergeben. Umso erstaunlicher findet Linguistik-Professor Konrad Ehlich, der Initiator der Studie: "Obwohl die Mitschrift im Hochschulalltag eine so zentrale Rolle spielt und auch Skripte und Lehrbücher sie offenbar nicht ersetzen, wird so gut wie nie in Techniken dazu eingeführt. Die meisten Professoren setzen diese Fähigkeit stillschweigend voraus."

Checkliste zum Mitschreiben in Vorlesungen
  • Nicht wild drauflos schreiben, sondern erst, wenn ein Sinnabschnitt zu Ende ist.
  • Ganze Sätze sind Tabu. Stattdessen Hauptgedanken stichwortartig zusammen-fassen.
  • Stichwörter nicht linear anordnen, sondern so, dass logische, kausale oder zeitliche Zusammenhänge deutlich werden. Dazu eignen sich Systeme von Pfeilen und Symbolen oder Mind-Maps.
  • Auf dem Papier Platz für nachträgliche Ergänzungen lassen. Blätter nur einseitig beschriften und jeweils mit Nummer sowie dem Titel der Vorlesung versehen.
  • Wortendungen und lange Begriffe sinnvoll abkürzen.
  • Namen, Fachbegriffe und Literaturhinweise möglichst vollständig und korrekt notieren.
  • Kut zur Lücke: Nicht lange dem nachtrauern, was man nicht mitgekriegt hat.
  • Rasch nach der Vorlesung die Mitschrift überarbeiten und das Manuskript mit dem von Kommilitonen vergleichen.
  • Großer Irrtum, meint Ehlich. In Vorlesungsprotokollen von Studenten lese er schwarz auf weiß, dass nicht nur Erstsemester Probleme beim Mitschreiben haben. "Anschlüsse mit ,daher' oder ,deshalb' beispielsweise sind oft haarsträubend - und lassen darauf schließen, wie die Aufzeichnungen aussehen. So was passiert, wenn nur zusammenhanglose Brocken notiert worden sind." Ein weiteres Manko, das der Philologe beklagt: "Die Wissenschaft lebt von Differenzierungen. Abstufungen zwischen ,nach allgemeiner Auffassung' und ,es wird behauptet' kriegen Studenten aber häufig gar nicht mit." Der akademische Nachwuchs müsse darin trainiert werden, Vorgetragenes zu begreifen und sprachlich angemessen festzuhalten. "Dies ist eine der Aufgaben, die sich auf die Oberstufe und die Eingangsphase an der Uni verteilen."

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    Fragen macht schlau

    Aber weder die Gymnasial- noch die Hochschullehrer fühlten sich zuständig, Grundlagen wissenschaftlichen Schreibens - wozu auch die Vorlesungsmitschrift zählt - zu vermitteln, kritisiert Barbara Schulte-Steinicke. Die Diplom-Psychologin gehört zu der Hand voll Akademiker, die in Deutschland zum wissenschaftlichen Schreiben forscht und lehrt. "In unserem Schreiblabor an der Berliner Alice-Salomon-Fachhochschule ist auch Mitschreiben in Vorlesungen immer wieder Thema: Studenten verschiedener Fächer haben Schwierigkeiten damit", erzählt die Dozentin. Die Methode, die Schulte-Steinicke in ihren Kursen empfiehlt, setzt vor der Lehrveranstaltung an. "Ideal ist eine Vorablektüre. Wenn dafür keine Zeit ist, sollte man aber auf jeden Fall Fragen mit in die Vorlesungen bringen: Was weiß ich bereits zum Thema? Was will ich wissen? Wo sehe ich Diskussionspotenzial? So fällt es dem Zuhörer leichter, im Vortrag Schlüsselwörter zu identifizieren, um die sich alles andere gruppiert."

    Diese Schlüsselwörter sollten laut Schulte-Steinicke eine von drei Kategorien auf dem Mitschreibeblatt sein. Die anderen beiden heißen "Zusammenhänge", die man stichwortartig notiert, und "Assoziationen". Hier ist Platz für eigene Ideen, Fragen oder Emotionen. Zusätzlicher Tipp: "Das Blatt quer legen und die Spalten durch Pfeile miteinander verbinden." Dieses Beziehungsgefüge sei eine Vorstufe zum so genannten Mind-Mapping.

    Wie im Supermarkt

    Der Begriff geht auf den amerikanischen Autor Richard Buzan zurück und beschreibt eine Systematik, bei der bestimmte Hauptkategorien mit Unterpunkten - und diese wiederum untereinander - verästelt werden. "Eine tolle Methode, Gehörtes zu strukturieren", so Schulte-Steinicke. Ulrike Pospiech, Leiterin der Schreibwerkstatt an der Uni Essen, findet es allerdings "schade, dass der Begriff geschützt ist. Der Trick ist altbekannt, und jeder benutzt ihn in seiner einfachsten Form beim Schreiben eines Einkaufszettels: Unter einem Oberbegriff wie Getränke notiert man das Spezielle - Cola, Wasser, Bier."

    Strukturbilder malen

    Die Linguistin spricht daher lieber von Strukturbildern als von Mind-Maps. "Der Name sagt es schon: Unabhängig vom Thema kann man damit die Struktur einer Vorlesung auf zwei DIN-A4-Seiten abbilden." Listen von linear notierten Stichwörtern hingegen leistten dies nicht. Mit Steno, Laptop oder Aufnahmegerät könne man einen Vortrag zwar lückenlos festhalten. "Die eigentliche Arbeit, das Selektieren und Einordnen, verlagert man damit aber nur nach Hause", sagt Pospiech.

    Und wenn die Vorlesung völlig unstrukturiert ist? "Dann bleibt nur, Namen, Zahlen und Literaturhinweise zu notieren, so dass man den Stoff nachbereiten kann. Eigene Aufzeichnungen mit denen von Kommilitonen zu vergleichen ist immer ratsam."

    Otto Kruse, Gründer der Erfurter Schreibschule, räumt ebenfalls ein, dass chaotische Mitschriften nicht zwangsläufig am Unvermögen des Studenten liegen. "Viele Dozenten beherrschen die Kunst des Vortrags nicht. Eine Vorlesung muss man narrativ, wie eine Geschichte, gestalten. Wichtig ist auch, dass ständig Probleme formuliert werden, denn da geht das Denken bei den Zuhörern los. Und Mitschreiben heißt Mitdenken", so der Sozialwissenschaftler. Die Zeit dafür sollte nicht beim mechanischen Abschreiben von Grafiken draufgehen. "Solche Folien können Dozenten zum Runterladen ins Netz stellen."

    Strafe muss sein

    Gleich ganze elektronische Skripten hat Informatik-Student Michael Leimer angefertigt. "In Robotik und Computersehen wimmelt es in den Vorlesungen von Formeln. Der Professor leitet sie so schnell her, dass man kaum mitkommt. Diese Hektik wollte ich anderen ersparen."

    Nicht nur Leimers Kommilitonen, sondern auch die Hilfskräfte der Braunschweiger Informatik-Fakultät nahmen das nette Angebot an - und der Professor kriegte Wind davon. "Sofort hat er versucht, mich zu erreichen", amüsiert sich Leimer. Die Mitschriften musste der 26-Jährige von seiner Homepage entfernen. Gelohnt hat sich seine Mühe trotzdem. "Mein Prof will mir die Rechte für die Skripten abkaufen."

    Geldbuße muss sein. Das war schon im Mittelalter so: Den Doctores war es "bei Strafe verboten", schneller vorzulesen, als die Scholares mitschreiben konnten.

    Nachschlag

    Schreiben im Studium mit Erfolg. Ein Leitfaden. Von Karl-Dieter Bünting, Axel Bitterlich, Ulrike Pospiech. Cornelsen, ISBN 3589214171, 19,90 Mark (Kapitel 2.1: Die Mitschrift)

    Top-Training: Erfolgreich lernen und arbeiten. Techniken und Methoden geistiger Arbeit. Von Friedhelm Hülshoff, Rüdiger Kaldewey. Klett-Verlag, ISBN 3128920206, 24,90 Mark (Kapitel 5.3: Mitschreiben – aber wie?)

    Das Mind-Map-Buch. Die beste Methode zur Steigerung Ihres geistigen Potenzials. Von Richard Buzan, Barry Buzan. MVG, ISBN 3478717302, 49,80 Mark
    Dieser Artikel ist erschienen am 20.04.2001