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Mut

Elisabeth H. Jahrreiß
Alle Menschen haben manchmal Angst. Das liegt in unserer Natur. Entscheidend ist, wie wir mit Angst umgehen. Lassen wir uns von ihr leiten oder überwinden wir sie, um unsere Grenzen beständig und achtsam auszuweiten.
Heute wende ich mich an alle Ich-würde-ja- wenn-Sager, alle Schlecht-bei-Dritten-über- andere-Reder, alle Mit-Kollegen-über-den- Vorgesetzten-Schimpfer, alle Wenn-ich-der- wäre-würde-ich-Angeber, alle Beim-blöde- Witze-über-Frauen-machen-Lacher, alle Dem-ungerechten-Vorgesetzten-nicht-die- Meinung-Sager, alle Ausredenerfinder, alle Mitarbeitern-wieder-nicht-die-Wahrheit-Sager, alle Ständig-über-alles-Meckerer, alle Das-habe-ich-immer-schon-gewusst-Schlauberger, alle Ich-kann-ja-doch-nichts-beeinflussen-Entschuldiger, alle Nicht-zu-ihrem-Wort-Steher, alle Dieser-Brief-ist-bei-mir-nieangekommen-Behaupter, alle Nicht-vor-der- eigenen-Haustüre-Kehrer, alle-Konflikt-aus- dem-Weg-Geher, alle Angst-vor-Erfolg-Haber, alle Einen-guten-Eindruck-machen-Woller, alle Unangenehmes-vor-sich-her-Schieber, alle Bei-dem-kleinsten-Widerstand-Aufgeber, alle Motivationskiller, alle Die-anderen-haben-es-leichter-als-ich-Beklager, alle Anderer-Leute-Erwartungen-Erfüller, alle Sich-in-der-Opferrolle-Gefaller, alle Nie-mal- mit-98-Prozent-zufrieden-sein-Könner, alle 1000-mal-Überleger, alle Angst-vor-Veränderung-Haber, alle Nie-etwas-Neues-Wager, alle Sich-an-alle-Regeln-Halter, an alle hauptberuflichen Fehlervermeider, alle Nie- eine-Gelegenheit-beim-Schopf-Packer, alle Nie- der-Angst-ins-Auge-Blicker: Ist Mut eine Tugend im Manageralltag? Womöglich gar in Ihrem?

Hier ein kleiner Test zum Selbst-Check:

Die besten Jobs von allen


Sagen Sie in einem Satz, was Mut im Arbeitsalltag für Sie bedeutet.

Holen Sie ein Beispiel für Aufrichtigkeit im Arbeitsalltag aus Ihrer Erinnerung.

Finden Sie ein Beispiel für Entschlusskraft im Arbeitsalltag.

Kennen Sie Ihre wichtigsten Werte?

Und wann sind Sie das letzte Mal für sie eingestanden?

Welche persönliche Grenze haben Sie heute schon überschritten?

Wer ist der mutigste Mensch in ihrem Unternehmen?

Sind Sie mutig? Wenn nicht: Was hindert Sie? Wenn doch: Wann haben Sie das letzte Mal etwas Mutiges getan? Was war das?

Wann haben Sie das letzte Mal einem Mitarbeiter Mut gemacht?

Wann haben Sie das letzte Mal einen Mitarbeiter dafür gelobt, dass er mutig war?

Alle Menschen haben manchmal Angst. Das liegt in unserer Natur. Entscheidend ist, wie wir mit Angst umgehen. Lassen wir uns von ihr leiten oder überwinden wir sie, um unsere Grenzen beständig und achtsam auszuweiten. Rufen Sie sich eine Situation aus Ihrem Berufsalltag ins Gedächtnis, in der Sie nicht nach Ihren wahren Gefühlen und Bedürfnissen oder aus sachlichen Gründen angemessen gehandelt haben, weil Ihnen der Mut dazu gefehlt hat. Beschreiben Sie die Situation auf einem Blatt Papier und zeichnen Sie darunter zwei Spalten.

In die linke Spalte tragen Sie ein, welche Befürchtungen Sie davon abgehalten haben, ihren Gedanken in die Tat umzusetzen. Vermutlich sind das Dinge wie "Ich setze meine Sicherheit aufs Spiel", "Was werden die anderen sagen?", "Vielleicht habe ich ja doch nicht recht". Also das Streben nach Sicherheit, die Angst vor der Verurteilung durch andere Menschen, Selbstzweifel.

In die rechte Spalte schreiben Sie, was Sie und Ihr Unternehmen gewonnen hätten, wenn Sie mutiger gewesen wären - Dinge wie "die eigenen Werte umsetzen", "Kreativität ausleben", "Kollegen unterstützen", die Chance auf Ruhm und Anerkennung (und vielleicht sogar eine Gehaltserhöhung), "ein neues Produkt entwickeln".

Fragen Sie sich, welches Risiko Sie eingehen wollen, was Sie gewinnen können und was Sie zu verlieren haben. Untersuchen Sie dazu jetzt erneut die Angstmacher auf der linken Seite und fragen Sie sich bei jedem Satz: Was kann mir wirklich passieren? Häufig kristallisieren sich so zwei bis drei Ängste heraus, an denen Sie ab jetzt arbeiten können, um mutiger zu werden. Untersuchen Sie Ihre Ressourcen, indem Sie sich fragen, was Ihre mutigste Tat war und was Sie befähigt hat, in diesem Fall Ihre Grenzen zu überschreiten. Rufen Sie sich ins Gedächtnis, wie Sie sich anschließend gefühlt haben.

Wenn es darum geht, etwas aufzugreifen, das bedeutet, ein heißes Eisen in Ihrem Unternehmen anzupacken, also etwas, das immer wieder schief läuft und dennoch von niemandem offen angesprochen wird, dann können Sie durch mutiges Verhalten viel gewinnen - und sie riskieren natürlich auch viel. Wenn Sie die Entscheidung getroffen haben, das Muster zu durchbrechen, Ihnen aber für die Umsetzung der Mut fehlt und Sie sich damit entschuldigen, dass andere auch nichts dagegen tun, suchen Sie das Gespräch mit Menschen, von denen Sie denken, dass es ihnen ähnlich geht. Sie werden überrascht sein, wie viele Mit-Mutige Sie finden. Und es ist gar nicht selten, dass andere Menschen, sogar manchmal der verantwortliche Vorgesetzte, dankbar sind für ein Feedback und die damit angestoßene Auflösung des Konfliktes.

Organisationen müssen heute immer schneller und immer effektiver lernen als die Wettbewerber, sie müssen lernen, sich ständig zu verändern, Unbekanntes zu erproben. Dazu braucht es vor allem Menschen, die täglich und immer wieder ihre eigenen Grenzen überschreiten, die bereit sind, persönliche Risiken einzugehen, einander Mut zu machen und sich gegenseitig stärken. Diese Entwicklung mit anderen gemeinsam voranzutreiben, verschafft nicht nur Unternehmen Überlebenskraft, sondern Ihnen und jedem einzelnen, der mitmacht, innere Befriedigung, Selbstsicherheit - und steigert letztlich die vielzitierte Employability, die flexible Einsetzbarkeit von Mitarbeitern. Unternehmen brauchen Menschen, die mutig sind, Entscheidungen zu treffen, einzustehen für ihre Werte und die des Unternehmens. Menschen, die sich einsetzen für die größere Sache.

Was könnte ihre nächste mutige Tat sein? Was immer es ist: Tun Sie es doch. Jetzt! Nur Mut!
Dieser Artikel ist erschienen am 29.10.2001