Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Musterprozess gegen Disney-Verwaltungsrat

Von WSJ / T. Knüwer
Im Herbst 1996 schrieb Disney-Chef Michael Eisner an Sony-CEO Nobuyuki Idei einen der ungewöhnlichsten Briefe, den Vorstandsvorsitzende je ausgetauscht haben dürften. Thema: Sonys Jobangebot an Eisners Nummer zwei.
DÜSSELDORF. Normalerweise löst solch eine Offerte Ärger beim Noch-Arbeitgeber des Umworbenen aus. Bei Eisner war es anscheinend Erleichterung ? er diente Idei seinen Management-Star sogar an: ?Meine Idee war, Michael Ovitz an Sony zu verkaufen?, ähnlich wie ein Sport-Manager einen Spieler transferiert.Doch Eisners merkwürdiges Vorgehen misslang ? und an den Folgen hat Disney noch heute zu knacken. Denn einige Wochen später feuerte der Maus-Konzern Ovitz und zahlte eine Abfindung von 140 Millionen Dollar. Diese gigantische Summe ist Gegenstand eines Prozesses, der Disney bis zu 200 Millionen Dollar kosten könnte.

Die besten Jobs von allen

Noch in diesem Monat soll in Delaware verhandelt werden, ob der Entertainment-Riese Ovitz? Abfindung plus Zinsen an seine Anteilseigner auszahlen muss. Dies fordern einige Aktionäre mit der Begründung, der Verwaltungsrat, das Board also, habe sowohl bei Ovitz? Einstellung geschlafen wie auch bei dessen Abgang: Man hätte dem Ex-Präsidenten wegen Managementfehlern keine Abfindung zahlen dürfen. Eisner habe ihn wortlos ziehen lassen, um den eigenen Ruf nicht zu gefährden.Der Fall könnte weit reichende Folgen für die Manager-Haftung in den USA haben. Denn zum ersten Mal könnten Mitglieder eines Boards persönlich haftbar gemacht werden statt ihrer Versicherungen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Neben Eisner war kein PlatzÜber die sind auch Disneys Aufsichtsräte gegen eigene Fehler abgesichert. Allerdings fließen entsprechende Zahlungen der Unternehmenskasse zu, während der Aktienkurs nach Managementfehlern nach unten geprügelt wird. Die Kläger wollen erreichen, dass Zahlungen aus Managementversicherungen künftig an Aktionäre gehen oder die Zahlungen von den Managern persönlich getragen werden. Folge: ?Jeder Aufsichtsrat zittert?, meint Nell Minow, Chairman der Unternehmensberatung Corporate Library.Im Sommer 1995 erschütterte Ovitz? Wechsel zu Disney die gesamte Entertainment-Industrie. Mit seiner Agentur CAA galt er als mächtigster Künstleragent Hollywoods. Mit Disney wollte er zu neuen Höhen starten als Mann hinter Eisner. Der hatte ihm angeblich versprochen, sich auf repräsentative Aufgaben zu konzentrieren, während Ovitz das Tagesgeschäft erledigen sollte. Doch schnell zeigte sich: Neben Eisner war kein Raum war für einen zweiten Platzhirsch. Hektisch versuchte Ovitz durch neue Nebengeschäfte Spuren zu hinterlassen. Ohne Erfolg: So scheiterten die Versuche, ein Basketball- oder American-Football-Team zu übernehmen. Nach nur 14 Monaten erfolgte die Trennung.Vor Gericht soll geklärt werden, ob das Disney-Board der Einstellung und dem Abgang von Ovitz genügend Aufmerksamkeit schenkte. Nach einer ersten Verhandlung erklärte der zuständige Richter, es müsse gefragt werden, ob die Board-Mitglieder persönlich haftbar gemacht werden könnten, weil sie in eklatanter Weise ihre Pflicht vernachlässigt haben könnten.Noch wegen eines anderen Punkts schielen US-Führungskräfte auf den Prozess: Bisher galten die Gerichte in Delaware als managerfreundlich, was viele Unternehmen verleitete, ihr nominelles Hauptquartier hierher zu verlegen. ?Doch eine Reihe von Urteilen in jüngster Zeit bevorzugte die Aktionäre?, beobachtet Charles Elson, Professor für Corporate Governance an der Uni von Delaware. Setzt sich dies fort, könnten die Firmen wieder abziehen ? und der Bundesstaat verlöre kräftig Steuereinnahmen.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.10.2004