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Musterbeispiel des Wirtschaftswunders

Von Inge Hufschlag
Eine der letzten großen Frauen des deutschen Wirtschaftswunders, die Grande Dame der Mode-Medien, hat das Heft aus der Hand gegeben: Die Verlegerin Aenne Burda starb in der Nacht zum Donnerstag.
DÜSSELDORF. Wenn dereinst Anthropologen die Massenkultur unseres Zeitalters analysieren, seien drei Dinge wichtig, meinte mal Trendforscher Peter Wippermann: Marken, Medien und Mode. Dafür brauche man als Beispiel nur eine Zeitschrift: Burda Moden. Aenne Burda war die Verkörperung dieses Medium. Wohl kaum eine Persönlichkeit prägte das äußere Bild der Frau im Nachkriegs-Deutschland so wie diese energische Verlegerin.Anna Magdalena Lemminger wurde als Tochter eines Lokomotivführers in Offenburg geboren. Schon als Kind war sie eine Kämpfernatur. Ihr Sternzeichen war Löwe. Das Mädchen wollte nichts anziehen, was ihr nicht gefiel, und nichts tun, was ihr nicht passte.

Die besten Jobs von allen

Auf die Klosterschule wollte sie ? und setzte es durch. Die Schuljahre waren eine Qual. Die Mitschülerinnen ließen Anna Magdalena spüren, dass sie aus kleinen Verhältnissen stammte. Um anerkannt zu werden, musste sie nicht nur gut sein, sondern besser sein, als die anderen.Eigentlich wollte sie nach der Schule als Au-pair-Mädchen nach Holland. Hätte ihr Vater sie damals nicht in eine Lehre im Offenburger Elektrizitätswerk gedrängt, wäre sie als 18-Jährige wohl kaum beim Geldeintreiben bei säumigen Kunden dem Sohn des Buchdruckereibesitzers Franz Burda begegnet.Es muss Liebe auf den zweiten Blick gewesen sein. ?Ich war nicht gleich begeistert von ihm?, gestand sie, ?ich hatte damals noch einen anderen im Kopf.? Doch Franz Burda jun. war hartnäckig. Nach zweijähriger Verlobungszeit heirateten die beiden, das war 1931. Im Abstand von vier Jahren kamen die drei Söhne Franz, Frieder und Hubert zur Welt. Aenne Burdas Zwischenbilanz: ?Ich fühlte mich reich.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Aus der Affäre ihres Mannes schlägt sie Kapital.Sie wird später noch reicher um mehr als drei Schwiegertöchter. Ihr gutes Verhältnis zu allen betonte sie gern. Schließlich hat sie ihre eigenen Erfahrungen mit der Ehe. Als sie erfährt, dass ihr Mann eine Freundin hat, schlägt sie auf ihre Art Kapital aus der Affäre. Praktisch zur Beruhigung und als Wiedergutmachung bekommt sie 1949, im Gründungsjahr der Bundesrepublik, einen kleinen maroden Verlag in Lahr, der bei Burda mit 200 000 Mark in der Kreide steht. In dem erscheint die erste Ausgabe der Burda Moden, Startauflage 100 000 Exemplare.Drei Jahre später liegen Schnittmusterbögen bei. Dank Aenne Burdas Anleitung werden aus Trümmerfrauen Traumfrauen. Dabei macht die Verlegersgattin, deren Mann ihre Mitarbeit in seiner Firma immer abgelehnt hat, auch selber einen guten Schnitt. 1965 erreicht das Modeblatt seine erste Millionenauflage.Weitere Titel wie ?Carina?, ?Verena?, ?Anna? kommen dazu und ?Burda International?, damals eine Art Baedecker für die Modewelt. Im Handelsblatt-Interview zu ihrem 85. Geburtstag sagt die Verlegerin: ?Zeitschriften werden im Lauf des Lebens wie eigene Kinder. Man lebt und leidet mit ihnen.?Burda Moden werden schnell erwachsen und mit einer zeitweisen Auflage von vier Millionen Exemplaren pro Monat und Übersetzungen in 18 Sprachen zur größten Modezeitschrift der Welt. Der Verlag veranstaltet Nähkurse in Städten und Wochenendkurse in Urlaubsgebieten. Höhepunkt der Karriere der Aenne Burda ist zweifellos ihr Auftritt in Moskau, als sie am 8. März 1987 ? dem Internationalen Frauentag ? Burda Moden als erste westliche Zeitschrift in russischer Sprache in der Sowjetunion aus der Taufe hebt. Der damalige Bundesaußenminister Genscher gratuliert: ?Sie haben mehr geleistet als drei Botschafter vor ihnen.?Aenne Burda sieht in ihrem spektakulären Erfolg den der Mode an sich: ?Denn Mode ist nicht nur eine Sprache, die man auf der ganzen Welt verseht, sie stellt auch eine Weltmacht dar.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Sie wurde viel gelobt.Lob bedeutet ihr dabei so wenig, ?dass ich selbst nicht in der Lage bin zu loben.? Trotzdem muss sie sich im Laufe ihres Lebens viel Lob gefallen lassen: vom Ehrenring ihrer Heimatstadt Offenburg, der Jakob-Fugger-Medaille der bayerischen Verleger, die sie als erste Frau bekommt, bis zum Großen Bundesverdienstkreuz. Nach Aenne Burda heißen Rosen und Orchideen, Stiftungen und eine Straße in Offenburg (auch schon mal ?Burdapest? genannt).Aenne Burdas Verlag war 1994 in den Burda-Konzern unter der Führung ihres Jüngsten, Hubert Burda, eingegliedert worden. Auch danach verfasste sie Editorials für ihr Heft: ?Was meinen Sie, wie wichtig ist es, dass man sich selber mag? Darüber will ich schreiben? ? mit 85.Wenn es jemals ein Modediktat gab, dann war Aenne Burda die Diktatorin. Dass sie gleichzeitig die Mode demokratisiert hat, indem sie Pariser Schick machbar, tragbar und erschwinglich für Millionen machte, ist dabei kein Widerspruch.Der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger ehrte die ?herausragende Verlegerin der Nachkriegsgeschichte? am Donnerstag in seinem Nachruf als Pionierin seiner Zunft: ?Mit der ebenso einfachen wie genialen Idee, Schnittmuster einer Zeitschrift beizulegen, hat Aenne Burda nicht nur den Nutzwert als eines der wichtigsten Erfolgsprinzipien für Zeitschriften entdeckt, sondern den Deutschen nach dem Krieg wieder Hoffnung und Selbstbewusstsein gegeben.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Zur Person Aenne Burda.
  • 1909 wird sie am 28. Juli in Offenburg als Tochter eines Lokomotivführers geboren. Sie geht in eine Klosterschule, macht die mittlere Reife und eine kaufmännische Lehre bei einem Elektrizitätswerk.
  • 1931 heiratet sie den Drucker und Verleger Franz Burda. Sie haben drei Söhne: Franz (geboren am 24. Mai 1932), Frieder (29. April 1936) und Hubert (9. Februar 1940).
  • 1949 übernimmt Aenne Burda einen kleinen Modeverlag, den ihr Mann für sie kauft. Als Verlegerin, Chefredakteurin und Kolumnistin bringt sie ?Burda Moden? heraus und produziert Einzelschnittmuster für ?Die Mode zum Selbermachen?.
  • 1965 erreicht sie mit ?Burda Moden? die erste Auflagenmillion. Weitere Titel wie ?Carina? folgen. Sie baut den weltgrößten Fachverlag für Modepublikationen auf.
  • 1986 stirbt ihr Mann am 30. September.
  • 2001 erhält sie vom Bundespräsidenten das Große Bundesverdienstkreuz für ihren ?Beitrag zur Entwicklung des Modebewusstseins?.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.11.2005