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Mr. Metro meldet sich zurück

Von Oliver Stock und H.-P. Siebenhaar
Es war ja auch zu lange still um ihn. ?Man sollte gehen, bevor andere merken, dass man schlechter wird?, lautet eine Weisheit für Manager, die Erwin Conradi zugeschrieben wird. Nun meldet er sich wieder zurück. In einer Mitteilung heißt es: Conradi ist beim Münchener Medienkonzern EM.TV eingestiegen.
ZÜRICH/ DÜSSELDORF. Conradi, der einst neben Otto Beisheim mächtigste Mann beim Düsseldorfer Handelsriesen Metro, hatte zwei Jahre nichts von sich hören lassen, nachdem 2004 Multimilliardär Beisheim mitgeteilt hatte, er habe sich von seinem Majordomus getrennt. Die Meldung kam damals in neun Zeilen so nüchtern daher, dass die Vermutung nahe lag, das Gespann habe sich massiv verkracht.Tatsächlich war Conradi eine Ewigkeit Generalbevollmächtigter Beisheims, ein Titel der nach Macht und vergangenen Zeiten klingt. Wenn er auf einen passt, dann auf Conradi. Ein Machtmensch alter Schule. Titel und Mann stammen aus einer Zeit, in der alles möglich schien, in der Arbeitskämpfe nach Gutsherrenmanier ausgetragen wurden und das Wort eines Kaufmanns trotzdem mehr galt als die Papiere von Heerscharen von Juristen.

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So einer lässt berichten. Die neueste Mitteilung stammt wieder nicht von Conradi selbst, sondern von einem, der es mit ihm zu tun bekommt: Erwin Conradi ist beim Münchener Medienkonzern und Rechtevermarkter EM.TV eingestiegen. 6,4 Prozent der Anteile besitzt er, bestätigt das Unternehmen. Rund 20 Millionen Euro hat er dafür investiert, was ihm, der auf der langen Liste der Superreichen mit Domizil im Schweizer Steuerparadies Zug in der oberen Hälfte steht, nicht sonderlich schwer gefallen sein dürfte.Conradi ist jetzt Großaktionär bei jenem Konzern, dessen Schicksal wie kein anderes für Hoffnungen und Enttäuschungen steht, mit denen an der Börse gehandelt wird. Bisher ist er bei den Münchenern noch nicht als aktiver Aktionär aufgetreten. Und welche Rolle er einnehmen wird, ist noch unklar. Aber immerhin gehört Conradi offenbar zu den Optimisten, zu denen also, die an EM-TV-Chef Werner Klatten glauben. Trotz eines Verlusts im ersten Quartal hat EM.TV seine Prognose für dieses Jahr angehoben. Klatten hat seinen Aktionären versprochen, den Umsatz um rund ein Fünftel auf 250 Millionen Euro zu steigern. Das Ebit soll sogar um 40 Prozent zulegen.Doch der einstige Börsenliebling hat auch Sorgen. Die EM.TV-Fernsehtochter DSF muss im Werbemarkt kämpfen. Die Hoffnungen auf große Gewinne mit der Kinderfilmbibliothek (?Biene Maja?) sind nicht aufgegangen. Und zuletzt musste EM.TV auch sein geplantes Sportwettengeschäft auf Eis legen. Der Börsenkurs der Aktie behauptet sich gegen den Abwärtstrend rundum nicht ? daran kann auch Conradi nichts ändern.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Vor sechs Jahren kam der KnickDass er sich mit seinen 71 Jahren nochmal engagiert, sieht dem einst so hemdsärmelig agierenden Manager jedoch ähnlich. Er hat einmal ein Imperium beherrscht. Conradi war lange Vorstands- und später Aufsichtsratschef beim Handelsriesen Metro. Er schafft mit der Fusion von Metro, Asko und Kaufhof die Grundlage für die Metro-Group, wie sie sich heute nennt ? das sind rund 250 000 Mitarbeiter in 30 Ländern, die im vergangenen Jahr einen Umsatz von 56 Milliarden Euro erwirtschafteten. Kaufhof und Real, Extra, Media Markt und Saturn, die Metro-Großmärkte ? all das gehört zu dem Imperium, das Conradi geformt hat.Vor sechs Jahren dann kam der Knick: Conradi zog in einem internen Machtkampf mit Vorstandschef Joachim Körber den Kürzeren. Er musste sein Büro in der Düsseldorfer Metro-Zentrale räumen. Doch Metro-Gründer Beisheim stand zu ihm. Conradi durfte seine Sekretärin und den Learjet behalten und sich ganz den Finanzen des in der Schweiz lebenden Multimilliardärs widmen.Seinen Einfluss auf den damals 77-jährigen Beisheim verlor der zehn Jahre jüngere Conradi nicht. Gemeinsam mit dem bereits früher gefeuerten zweiten Beisheim-Intimus Hans-Dieter Cleven war er nicht nur der Vermögensverwalter Beisheims. Beide standen auch der Beisheim Holding vor, die in Baar bei Zug ihren bescheidenen Sitz hat. Damit verwaltete Conradi Beisheims Metro-Anteil von 18,9 Prozent. Er widmete sich auch dessen zweitem unternehmerischem Lebenswerk: Unter dem Dach der 1999 gegründeten Schweizer Holding hatte der stille Milliardär Firmenbeteiligungen mit dem Schwerpunkt Internet gebündelt.Conradi hatte schon immer eine Schwäche für solche Themen. Die Universität Braunschweig, die ihm die Ehrendoktorwürde verlieh, als er noch ein Amt hatte, um Würden zu verdienen, hob in ihrer Begründung Conradis ?richtungsweisende Managementleistungen? hervor. Sie verwies darauf, dass er frühzeitig EDV-gestützte Informationssysteme im Handel genutzt habe. Damit habe er auch die betriebswirtschaftliche Forschung weitergebracht.Unter Conradis Betreuung mutierte die Holding zum Finanzinvestor, der Beteiligungen an mehr als 70 Unternehmen hielt. Gleichzeitig schrieb Conradi ? bis zur plötzlichen Trennung von Beisheim vor knapp zwei Jahren ? an dessen Legende. Wo er konnte, kontrollierte er das Bild des scheuen Selfmade-Manns. Ein ums andere Mal war es Conradi, der Beisheim Gestalt verlieh. So stellte sich bei der Feier zum 80. Geburtstag des Metro-Gründers in Berlin nicht Beisheim, der Jubilar, der Öffentlichkeit, sondern Conradi.Warum? ?Herr Beisheim hat sich vor langer Zeit entschieden, nicht mit der Öffentlichkeit zu sprechen?, sagt Conradi bei solchen Gelegenheiten. Auch er selbst hat es vorgezogen, zu seinen Zielen beim jüngsten EM.TV-Engagement zu schweigen.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.06.2006