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Mottenalarm bei Hugo Boss

Von Tanja Kewes und Chr. Schlautmann
Der neue Großaktionär Permira bringt den Vorstandschef des Modekonzerns, Bruno Sälzer, in arge Bedrängnis. Sälzer spielt beim Poker um die Machtverteilung im Konzern, dessen Karten dieser Tage durch den Einstieg der Private-Equity-Gesellschaft Permira neu gemischt werden, auf Risiko. Schon vor der offiziellen Übernahme geht er auf Konfrontationskurs gegen die neuen Eigentümer.
Boss bei Boss: Bruno Sälzer. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Bruno Sälzer trägt Boss, lebt den Boss und will Boss des Modekonzerns Hugo Boss im schwäbischen Metzingen bleiben. ?Ich bin sicher, dass sich an der Zusammensetzung des Konzernvorstands in absehbarer Zeit nichts ändern wird?, demonstriert der Vorstandschef im Gespräch mit dem Handelsblatt Selbstvertrauen. Im Übrigen: Sein soeben erneuerter Vertrag laufe noch bis Ende Mai 2012.Sälzer spielt beim Poker um die Machtverteilung im Konzern, dessen Karten dieser Tage durch den Einstieg der Private-Equity-Gesellschaft Permira neu gemischt werden, auf Risiko. Schon vor der offiziellen Übernahme geht er auf Konfrontationskurs gegen die neuen Eigentümer. ?Nach dem Aktienrecht?, teilt der passionierte Karatekämpfer aus, ?ist immer noch der Vorstand für die Strategie des Konzerns zuständig.? Nach kurzem Zögern fügt er hinzu: ?Da fällt uns sicherlich nicht alles neu ein, nur weil es einen neuen Großaktionär gibt.?

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Angriff, so scheint es, hat Sälzer zu seiner bevorzugten Verteidigungsstrategie erkoren. Dem ?Spiegel? vertraute er jüngst an, er müsse den neuen Investoren erst einmal das Modegeschäft erklären ? und zwar so, ?dass es jeder versteht?. Die vorlauten Töne kommen bei Permira gar nicht gut an. Nach Informationen aus unternehmensnahen Kreisen knirscht es zwischen dem Vorstandschef und den Frankfurter Investoren kräftig. Sälzer verweigere den Dialog, heißt es. Ändere er sein Verhalten nicht, seien seine Tage bei Hugo Boss gezählt.Permira-Deutschland-Chef Thomas Krenz, der zurzeit im Urlaub weilt, will sich zu den Querelen offiziell nicht äußern, hält aber nach Informationen von Insidern vorerst noch an Sälzer fest. Seine Mitarbeiter wundern sich dennoch über die Missklänge aus Metzingen. ?Das produziert Widerstände?, sagt einer von ihnen. Die Zusammenarbeit werde in Zukunft schwierig.Andere wundern sich nicht. Sälzer nämlich sitzt bis zum Krawattenknoten in der Zwickmühle. Einerseits muss er dafür sorgen, dass sich die neuen Private-Equity-Investoren nicht als gefräßige Motten im Stöffle entpuppen, andererseits sitzt er bei Hugo Boss keinesfalls so fest im Sattel, wie er behauptet. Schon bald nämlich wird Permira in seinem Aufsichtsrat die Mehrheit übernehmen ? und danach Sälzers Zukunft bestimmen. Nur wenn es dem 50-Jährigen vorab gelingt, sich in der Börsengemeinde als unersetzlich zu präsentieren, schafft er sich eine Art Lebensversicherung.Allein schon die Übernahmeofferte von Permira treibt Sälzer in einen Interessenkonflikt. Bis 20. August bietet die Private-Equity-Gesellschaft über ihre Luxemburger Tochter Red & Black gerade einmal den gesetzlichen Mindestpreis für die außenstehenden Hugo-Boss-Papiere. Betroffen sind 78,8 Prozent der Vorzugs- und 22 Prozent der stimmberechtigten Stammaktien. Faktisch handelt es sich bei der Offerte von Permira um ein vorgezogenes Pflichtangebot. Denn in den vergangenen Wochen sicherte sich die Private-Equity-Gesellschaft über 72 Prozent an dem italienischen Hugo-Boss-Mehrheitsaktionär Valentino. Weil Permira damit indirekt die Führung in Metzingen übernimmt, muss die Gesellschaft eben den Hugo-Boss-Kleinaktionären laut Aktienrecht ein Abfindungsangebot unterbreiten.Hier aber zeigt sich Permira knausrig. Die Vorzugsaktien des Konzerns, die gestern in Frankfurt zu 44,38 Euro gehandelt wurden, sind ihr gerade einmal 43,45 Euro wert. Auch das Gebot der Finanzfirma für die Stammaktien von Hugo Boss liegt mit 48,33 Euro kaum über dem aktuellen Wert von 48,25 Euro.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Analysten sehen den Kurs von Hugo Boss deutlich höherAnalysten sehen den Kurs von Hugo Boss deutlich höher. Nur einer von insgesamt 21 Analysten, die der US-Wertpapierhändler Evergreen Investments zu Hugo Boss befragte, bewertete die Papiere mit ?verkaufen?. Die Branchenexperten von Sal. Oppenheim stuften die Aktien sogar von 44 auf 53 Euro hoch und empfehlen sie jetzt zum Kauf. Entsprechend zurückhaltend kommentierte Boss-Chef Sälzer die Offerte am vergangenen Freitag in einem Statement. Die Angebotspreise, befand er, seien für langfristig investierende Aktionäre ?weniger attraktiv?. Seinen Nachsatz, man verzichte ?vor diesem Hintergrund? auf eine Handlungsempfehlung an die Aktionäre, hätte er sich sparen können. Aufmerksamen Lesern der Stellungnahme dürfte Sälzers negative Haltung zum Permira-Angebot kaum verborgen geblieben sein.Mehr noch als die niedrige Übernahmeofferte dürften Sälzer die Absichten des neuen Hauptaktionärs alarmieren. Denn unter Punkt neun der Angebotsunterlagen (?Absichten der Bieterin?) kann er nachlesen, worauf es Permira abgesehen hat: Während sich die operativen Zielvorstellungen wie ein ?Weiter so? lesen, kommt die Kröte fast zum Schluss: ?Die Bieterin erwartet (...) eine höhere Dividende und die Anpassung des Fremdkapitals auf ein höheres Niveau.?In Metzingen führen solche Forderungen zu heller Aufregung. Schließlich weiß auch Sälzer: Es ist vor allem das enorme Eigenkapital im Konzern, das den Finanzinvestor angelockt hat. Bei einer aktuellen Quote von 52 Prozent kann Permira leicht neue Kredite aufnehmen, um die gewünschten Dividendenerhöhungen zu finanzieren.Persönlich würde Sälzer dabei leer ausgehen, denn der Vorstandschef besitzt nicht eine Aktie von Hugo Boss. Permira kann sich über einen doppelten Gewinn freuen: Die Ausschüttung steigt und damit gewöhnlich auch der Aktienkurs. Einen späteren Ausstieg aus dem MDax-Konzern könnte sich die Gesellschaft so vergolden lassen. Branchenexperten halten den Kursschwenk für riskant, denn langfristig droht dem Modekonzern durch die stärkere Verschuldung eine deutlich höhere Zinsbelastung. ?Sälzer hat keine andere Wahl, als zu sagen: Das geht nicht?, warnt Franz Schmid-Preissler von der gleichnamigen Unternehmensberatung aus Gmund am Tegernsee, die auf Marken und Handel spezialisiert ist.Sälzer selbst gibt sich ? noch ? diplomatisch: ?Natürlich können wir uns höher verschulden?, sagt er, ?wir müssen nur darauf achten, ob es vernünftig oder weniger vernünftig ist.? Dass Sälzer aber kein Typ ist, der sich zum Rapport bestellen lässt, zeigt sein bisheriges Auftreten. Er ist seit fünf Jahren Vorstandschef des mit einem Jahresumsatz von 1,5 Milliarden Euro größten deutschen Modekonzerns. Fünf volle Jahre ? so lange hat sich an der Spitze keiner mehr gehalten, seit die Holy-Brüder dem Unternehmen den Rücken kehrten. Sälzer ist eine Institution ? nicht nur bei Hugo Boss. Auch in der Branche hat er einen Ruf wie Donnerhall. Sälzer hat den schwäbischen Herrenschneider zum international operierenden Modekonzern ausgebaut ? mit margenträchtigem Accessoiresgeschäft, wachstumsstarker Damenmode und eigenem Einzelhandel.Sein Selbstvertrauen ist entsprechend groß: ?Wir sind ein Erfolgsmodell?, brüstet er sich im Gespräch mit dem Handelsblatt. Für die Leistung von Vorgängern wie Peter Littmann und Werner Baldessarini findet der drahtige Manager, der am liebsten die Edellinie ?Boss Selection? trägt, wenig lobende Worte.Als unersetzbar, und das ist sein Problem, gilt er aber nicht. ?Sälzer ist keine Galionsfigur wie etwa sein Vorgänger, der Kreative Werner Baldessarini?, sagte ein ehemaliger Vorstandskollege. Der Konzern Hugo Boss sei dank Sälzer eine gut geölte Maschine, die aber eben auch ohne Sälzer laufe.Zuweilen gilt der Ex-Kampfsportler als gnadenlos. Lothar Reiff, einst Kreativ-Chef im Vorstand, hat Sälzer frank und frech an die Luft gesetzt. Den Vertrag des Finanzchefs Jörg-Viggo Müller ließ er ebenso kühl auslaufen. Zu den Führungswechseln sagte er auf der Hauptversammlung im Mai 2006: ?Bayern München spielt nach einem Titelgewinn in der nächsten Saison auch nicht mehr mit der gleichen Besetzung weiter.?Dasselbe Schicksal könnte ihn nun selbst treffen, wie das Beispiel des börsennotierten Kölner Recyclingkonzerns Interseroh vor einem Jahr zeigte. Dort hatte sich Vorstandschef Werner Kook geweigert, seinen Aktionären die Übernahme durch den Großaktionär Alba schmackhaft zu machen. Dessen Emissäre im Aufsichtsrat setzten Kook daraufhin kurzerhand vor die Tür. Noch aber bleiben Sälzer immerhin ein paar Wochen, um die Wogen zu glätten. Erst ab Oktober droht Gefahr. Dann nämlich wird Großinvestor Permira seine Leute in das Kontrollgremium nach Metzingen schicken.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.07.2007