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Motivation

Elisabeth H. Jahrreiss
Amerikanische Verhaltensforscher, Psychologen und Arbeitswissenschaftler haben vor einigen Jahren in einer groß angelegten Studie versucht, zu ergründen, was Menschen privat oder beruflich erfolgreich macht und ob es ein Merkmal gibt, das allen erfolgreichen Menschen gemeinsam ist.
Amerikanische Verhaltensforscher, Psychologen und Arbeitswissenschaftler haben vor einigen Jahren in einer groß angelegten Studie versucht, zu ergründen, was Menschen privat oder beruflich erfolgreich macht und ob es ein Merkmal gibt, das allen erfolgreichen Menschen gemeinsam ist. Sie sprachen mit Managern, Unternehmern, Künstlern, Privatpersonen und Sportlern, die allesamt Außergewöhnliches auf ihrem Gebiet geleistet hatten. Sie überprüften Kriterien wie Herkunft, soziales Umfeld, Familienkonstellationen, Bildung, Erziehung, Fähigkeiten, Intelligenz, kultureller Hintergrund, Wertesysteme, wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Bedingungen. Das einzige Merkmal, das allen Personen gemeinsam war: Besonders erfolgreiche Menschen zeichnen sich durch eine sehr hohe Übereinstimmung ihrer wahren Leidenschaften und Werte mit dem, was sie tun, aus. Kurz, sie tun das, was sie wirklich bewegt (motivare).

Jetzt werden einige von Ihnen sagen, das ist banal. Das scheint sich für ein Drei-Punkte-Rezept zu eignen:

Die besten Jobs von allen


  • Entwickeln Sie ein Bewusstsein für ihre eigenen Werte.

  • Stehen Sie zu Ihren Leidenschaften.

  • Schaffen Sie Bedingungen, finden Sie sie und suchen Sie sie auf, die Bedingungen, unter denen die eigenen Werte optimal gehandelt werden können.

    Ich kenne jedoch eine Menge Menschen, die selten oder überhaupt nicht das tun, was sie bewegt. Zum Teil, weil sie schon gar nicht mehr wissen, was sie treibt, denn sie spüren nur eine diffuse und immer größer werdende Unzufriedenheit, zum Teil, weil sie immer größere Schwierigkeiten haben, sich zu motivieren. In der Regel versucht man es, anstelle der durchaus anstrengenden Auseinandersetzung mit dem Drei-Punkte-Programm zunächst mit äußeren Anreizen.

  • Diese "Pseudoziele" zu erreichen, kostet eine Menge Anstrengung und verhindert über einen manchmal erstaunlich langen Zeitraum das Vordringen zum Kern des Problems. Über kurz oder lang kommt man dann allerdings zwangsläufig zu der weiß Gott nicht neuen (aber immer wieder überraschenden, weil ursprünglich für sich selber bestimmt nicht geltenden) Feststellung, dass Geld/Status/Karriere allein nicht glücklich machen und auch nur so lange als Motivator dienen, wie man damit beschäftigt ist, sie zu erlangen.

  • Spätestens, wenn es Tage gibt, an denen man am liebsten gar nicht erst aufsteht, wenn es immer häufiger Dienstreisen gibt, die man am liebsten gar nicht erst antreten möchte, kommt man zurück zu der Frage: Was hat das, was ich tue, eigentlich und wirklich mit mir zu tun? Und warum geht es mir schlecht, wo ich doch "alles erreicht" habe? Warum habe ich zunehmend keine Lust zu dem, was ich mache? Warum hat mein (Arbeits-)Tag einen so schalen Beigeschmack? Ist es nicht eigentlich etwas ganz anderes was mich treibt ? Und was ist das?

    Hierzu gibt es in Anlehnung an ein Essay von Peter Handke eine schöne Übung des Psychologen Christian Jacobs: "Über den geglückten Tag". Aufgabe ist es "seinen geglückten Tag" minutiös zu planen und zu beschreiben, mit allem, was dazu gehört. Zu jedem Detail dieses geglückten Tages fragt man sich anschließend, was ist mir daran wichtig, und man wiederholt diese Frage immer wieder, und zwar so lange, bis man in der Beschreibung bis zum Kern (dem eigentlichen Wert) vorgedrungen ist.

    Ziel ist es, über diesen Weg möglichst genau und vollständig zu erfahren, welche Werte zu einem gehören. Denn wenn man dies weiß, kann man sehr schnell feststellen, welche Bedingungen möglichst erfüllt sein müssen, damit man für das, was man tut, motiviert ist. Denn dass man motiviert ist, etwas dafür zu tun, dass die eigenen Werte möglichst hoch gehandelt werden, versteht sich von selbst. Ein Sportler, für den Anerkennung ein hoher Wert ist, wird höchst motiviert sein, Wettbewerbe zu gewinnen, ein Sportler wiederum, dem das Überschreiten eigener Grenzen der wichtigste Wert ist, wird vielleicht allein auf einem Boot die Welt umsegeln und niemals eine Medaille gewinnen wollen.

    Kennt man seine Leidenschaften, muss man vor allem Entscheidungen treffen und den Mut haben, ihnen zu folgen und nachzugehen. Da man nicht allein auf der Welt ist und es für die meisten von uns mindestens die (manchmal lästige) Pflicht gibt, Geld zu verdienen oder andere Notwendigkeiten im Privatleben wie im Beruf nicht einfach zur Disposition stehen, bleibt nichts anderes übrig als in den unverrückbaren Grenzen - die meistens weiter sind als man denkt - nach Möglichkeiten zu suchen: Wie kann ich meinen Alltag so verändern, dass er immer wieder und wenigstens in Teilen ein geglückter ist?

    Und dann gibt es auch für diejenigen unter uns, die schon jetzt im Wesentlichen gerne und mit Freude durch den (Arbeits-)Tag gehen, Momente und Zeiten, in denen etwas einfach getan werden muss, für das man nun so gar nichts mehr finden kann, was einen dazu motiviert. Schöne Beispiele: Weihnachtsbaumständer im Keller suchen, Budgets besprechen, Steuererklärungen machen, Zeugnisse schreiben. Ich bin sicher, Ihnen fällt dazu spontan einiges ein. Und Sie werden es wissen: Wenn die große Linie stimmt, kann man durchaus hin und wieder Dinge tun, zu denen man unter gar keinen Umständen wirklich Lust hat. Man sagt sich mit festem Blick auf den Rest eines geglückten Lebens: Augen zu und durch.
  • Dieser Artikel ist erschienen am 14.02.2001