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Morgentau für New Yorks Schöne

Von Stefanie Bilen, Handelsblatt
Wie Jan Mihm mit einer Erfindung die internationale Kosmetikbranche aufmischt.
Britney Spears gehörte zu den ersten Kundinnen. Foto: dpa
HAMBURG. Dieser Mann kommt den Frauen nahe, hautnah sogar. Er verkauft ein Sprühgerät, das Make-up aufs Gesicht pustet. Und weil der kleine Apparat so ungefähr das Hippste ist, was zurzeit auf dem Kosmetikmarkt feilgeboten wird, reißen sich die Schönen und Reichen um Jan Mihms Erfindung: Die Supermodels Naomi Campbell und Eva Herzigova gehörten zu den ersten Kundinnen, auch Oscar-Preisträgerin Chloe Sevigny, Popstar Britney Spears oder die vier Soap-Stars von ?Sex and the City?.Jan Mihm ist ein 35-jähriger Deutscher, der mit Frau und zwei Kindern in New York lebt. Seit seinem Studium an der Hochschule der Künste in Berlin vor zehn Jahren und einigen Praktika bei Werbeagenturen hat er eigentlich nichts Rechtes gemacht. Mal hier und da gejobbt, Sprachen gelernt und dann ein Leben in New York begonnen. Und doch ist er inzwischen ein anerkannter Unternehmer.

Die besten Jobs von allen

Freunde nennen ihn ?einen Draufgänger?. Einen, ?der auch mal nervt mit seinen abgefahrenen Ideen?. Der aber immer seine gute Laune behält. Vor zwei Jahren hat er zusammen mit seiner Frau Feride Uslu, einer deutsch-türkischen Visagistin, die Kosmetikfirma Uslu Airlines gegründet.Wie die großen Wettbewerber verkaufte Uslu Airlines zunächst Lidschatten, Lippenstifte, Rouge und Make-up. Darüber hinaus aber hat Mihm nun ein Walkman-großes Gerät im Angebot, dass die Estée Lauders, Shiseidos oder L'Oreals dieser Welt ebenfalls gerne verkaufen würden. Weil es endlich mal eine echte Innovation ist: ein Sprühgerät, das flüssiges Make-up wie Morgentau auf dem Gesicht verteilt. Das Ergebnis, so bestätigen Fachleute, kommt dem nahe, was sie einen makellosen, natürlichen Teint nennen. Und deshalb sind viele Verbraucherinnen bereit, 500 Dollar dafür auszugeben; Farben exklusive.Mihm hat das Gerät zunächst entwickelt, berichtet er, weil er seiner Frau die Arbeit erleichtern wollte. Als professionelle Schminkerin von Stars und Models arbeitet sie schon seit langem mit der Sprühtechnik. Allerdings war bislang nur eine Maschine verfügbar, die eigentlich viel zu groß, zu schwer und zu laut für seine zierliche Frau war, erzählt Mihm. Er schaute sich deshalb bei einem Autolackierer um und experimentierte zuletzt mit den Spritzpistolen für die Tortendekoration eines Bäckerei-Großhandels.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Seit Januar 2003 ist Uslu Airlines mit dem Sprühgerät im Pariser Nobelkaufhaus Colette vertreten, seit dem Frühjahr auch im Luxusladen Barney?s in New York. Wer Uslu kaufen will, muss eine der beiden Adressen ansteuern ? oder online einkaufen. Umsatzzahlen nennt Mihm nicht. Bei Barney?s heißt es, dass das zunächst geplante Umsatzziel von 2 000 Dollar pro Woche laufend übertroffen werde, nach der ersten Saison liegen Uslu-Produkte 80 Prozent über Plan. Bei Colette in Paris ist gar eine Shiseido-Marke wegen Uslus Erfolg aus dem Angebot geflogen. Inzwischen hat Uslu die dreifache Fläche des bisherigen Verkaufsraumes zugeteilt bekommen. Angeblich haben schon einige Kosmetikriesen angeklopft, weil sie an der Technik interessiert sind. Namen nennt Mihm aber nicht.Sein Unternehmen führt er von einer kleinen Wohnung in East-Village aus. Er schwärmt von New York. Hier gebe es die größte Ansammlung an talentierten Leuten. Bislang ist er ohne feste Mitarbeiter ausgekommen. Wenn nötig, hat er die Geräte selbst ins Lager gepackt oder Lieferungen geschnürt. Er ist der Mann für die Organisation, der Verkäufer, der Werber, der Manager. Er redet gerne und viel. Seine Frau kümmert sich ums Kreative.Trotz Mihms Liebe zu New York denkt er immer wieder daran, nach Deutschland zurückzukehren. Zum einen, weil er Heimweh hat, zum andern wegen einer besseren Arbeitsatmosphäre. ?In New York gibt es keine Handwerksehre oder so was. Viele Unternehmen versprechen einem das Blaue vom Himmel, bringen aber keine Leistung.?Fürs Erste sucht Uslu Airlines einen exklusiven Vertriebspartner in Deutschland. Es gebe bereits einige Angebote, aber Mihm ?hat noch kein ausreichend gutes Gefühl?, wie er sagt. ?Deutschland ist ein enorm wichtiger Markt für uns. Und wenn wir niemanden finden, der zu uns passt, dann eröffnen wir lieber selbst einen Laden.?Wenn er eines Tages sein Vertriebsnetz ausgebaut und Uslu von einer Kosmetikmarke zu einem Rundum-Luxusanbieter gemacht hat, wie er es sich erträumt, will er neue Hirngespinste verwirklichen: Dann möchte er die Welt des schönen Scheins verlassen und sich der Realität stellen, in die Politik gehen, vielleicht als Bildungs- oder Familienminister. Um etwas Sinnvolles zu machen. ?Auch wenn sich das wie ein naiver Traum anhört ...?
Dieser Artikel ist erschienen am 26.11.2003